Google 9 Dinge, die man über Accelerated Mobile Pages wissen sollte

Mittwoch, 24. Februar 2016
AMP erscheinen als Top Stories im oberen Bereich der mobilen Google-Suche
AMP erscheinen als Top Stories im oberen Bereich der mobilen Google-Suche
Foto: Google

Heute startet Google die mit Spannung erwarteten Accelerated Mobile Pages. Dabei handelt es sich um speziell für die mobile Nutzung optimierte Websites: Sie werden in einer eigens entwickelten Version der Programmiersprache HTML gebaut und haben eine geringere Datenmenge als konventionelle mobile Websites - dadurch laden sie deutlich schneller. Besonders von Medienhäusern sollen die AMPs zum Start genutzt werden. HORIZONT Online beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Projekt.

1. Was sind AMPs genau?

Accelerated Mobile Pages sollen dabei helfen, die Ladezeiten von Websites auf mobilen Endgeräten zu verbessern. Das geschieht über einen speziellen HTML-Code, den Google AMP HTML getauft hat. Durch Limitierung bestimmter Elemente einer Website wird das Lesen bereits während des Ladevorgangs ermöglicht. Um das zu gewährleisten, öffnen AMPs in zwei Schritten: "Die Seiten werden sofort geladen, aber nur jene Teile, die direkt nach dem Klick sichtbar sein müssen. Dadurch bleibt die Datenmenge niedrig. Wird die Seite geöffnet, lädt der Rest unbemerkt nach", erklärt Tech-Redakteur Hakan Tanriverdi auf sz.de.

Wie das Ganze auf Redaktionsseite aussehen kann, erklärt eine Mitteilung des Software-Herstellers Sevenval Technologies, mit dessen Technologie die "FAZ" ihre AMP-Artikel aufbereitet: "Sobald ein FAZ-Artikel im Content Management System der Redaktion eingepflegt und zur Veröffentlichung freigegeben ist, wird er automatisch entsprechend formatiert", heißt es in der Mitteilung.

2. Wie stellt sich das für den Nutzer dar?

Wer mobil auf Google unterwegs ist, wird künftig bei bestimmten Suchbegriffen oberhalb der Ergebnisse auf Top Stories stoßen - das sind dann Seiten, die mit AMP-Technologie gebaut wurden. Per Swipe gelangt man von einem Artikel zum nächsten, erklärt David Besbris, VP Engineering/Search bei Google. "So sollte die Leseerfahrung im mobile Web aussehen - schnell, responsive und unterhaltsam."

3. Was sind die Vorteile der AMPs?

Wenn Seiten zu lange laden, steigt die Absprungrate auf bis zu 58 Prozent an, wie Google auf der Projektwebsite erklärt. Das könnten sich Publisher heute nicht mehr leisten. AMPs würden bis zu viermal schneller laden und zehnmal weniger Datenlast tragen als gewöhnliche mobile Seiten, so Besbris.

Dank AMPs könnten Publisher ihren Content zwischen 15 und 85 Prozent schneller auf mobilen Endgeräten darstellen, schätzt Stefan Gerstmeier, COO von Neofonie Mobile. Für die Nutzer ergibt sich daraus eine erheblich verbesserte Erfahrung, für Medienhäuser mehr Pageviews und Adviews. "Zudem werden die mit AMP erstellten Seiten, die Googles mobile AMP-Test bestanden haben, eine bessere Position in den Search Rankings bekommen, was sich positiv auf den Verbreitungsgrad auswirken wird", so Gerstmeier. 

Im Grunde sind AMPs damit das Pendant zu Facebooks Instant Articles - es gibt aber wichtige Unterschiede: Google verfolgt einen Open Source-Ansatz. Das bedeutet, dass der Quellcode, Code-Beispiele und Dokumentationen für jedermann frei verfügbar sind. Und anders als bei den Instant Articles bleiben die teilnehmenden Verlage stets im Besitz der Inhalte, da diese auf ihren eigenen Servern verbleiben. Google speichert lediglich eine Cache-Datei eines Artikels ab.

4. Wer steht hinter dem Projekt?

Entstanden ist das Projekt im Rahmen der Digital News Initiative (DNI), die Google im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat. Damals hat sich Google unter anderem dazu verpflichtet, innerhalb von drei Jahren 150 Millionen Euro für die Förderung des digitalen Journalismus bereitzustellen. Inzwischen haben sich mehr als 160 Verlage der Initiative angeschlossen. Auch die dfv Mediengruppe, in der HORIZONT erscheint, ist dabei.

Weitere Interessenten können sich per Online-Formular bewerben. Das Accelerated Mobile Pages-Projekt ist eine Säule der DNI.

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5. Wer nutzt AMPs?

An dem Projekt beteiligen sich über 30 internationale Medienhäuser. Aus Deutschland waren die "FAZ" und Zeit Online von Beginn an dabei - beide gehören auch zu den Teilnehmern an der DNI. Weitere deutsche Google-Partner sind Spiegel Online, Sport 1 und T-Online.de. Und selbst Medien aus dem reichlich Google-kritischen Hause Axel Springer wie "Bild" und "Welt" sind mit von der Partie - obwohl sich die Berliner nicht an der DNI beteiligen.

Zudem hat Google namhafte Technologieunternehmen als Partner gewonnen, die für Reichweitenmessung und die Entwicklung von Werbeformaten zuständig sind. Alle Partner gibt es auf der Homepage des AMP-Projekts.

6. Für wen eignen sich AMPs?

Laut Google für "alle Teilnehmer des Ökosystems: Publisher, Konsumenten-Plattformen und Entwickler". Allerdings ist recht klar, wer es besonders auf AMPs abgesehen hat: Launchpartner des Projekts sind namhafte Medienhäuser aus aller Welt wie die "New York Times", der "Guardian", Hearst und Vox.com.

Das verwundert nicht: Der Nachrichtenkonsum über mobile Endgeräte steigt und steigt. Bereits Anfang 2015 lag der Anteil des mobilen Traffics deutscher Nachrichtenseiten bei gut 40 Prozent - externe "Referrer" wie Google und Facebook sind dabei wichtige Lieferanten. Den Usern auf ihren Smartphones ein schnelles - und damit nutzerfreundliches - Leseerlebnis zu bieten, sollte also im ureigensten Interesse von reichweitenstarken Medienangeboten sein.

"Da die großen Verlage verpasst haben, sich wirklich für 'Mobile First' zu entscheiden, erwarte ich einen deutlichen Anstieg in der Nutzung der Inhalte von Publishern, die AMPs einsetzen werden – gerade, weil Google bereits jetzt im Bereich SEO Youtube Videos und Mobile Pages besser rankt", sagt Peer Wörpel, Direktor Beratung Kreation bei der Mediaagentur Pilot.

7. Welche Monetarisierungsmöglichkeiten gibt es?

Google ermöglicht den Verlagen, die AMPs selbst zu vermarkten. Außerdem sollen die Seiten Paywalls und Subscription Serivces unterstützen. Welche Werbeformate tatsächlich zum Einsatz kommen, muss man jetzt beobachten. Einige Formate, wie etwa Interstitials und Website-Takeovers, sollen nicht erlaubt sein - auch das erfolgt mit dem Ziel, das Leseerlebnis des Nutzers nicht zu schmälern.

Google hat jedoch Partnerschaften mit zahlreichen technischen Dienstleistern geschlossen, die Lösungen für AMP-gerechte Werbeformate entwickeln sollen. Allerdings gibt es auch dabei Einschränkungen, da zum Beispiel die Programmiersprache Javascript nicht erlaubt ist. Der Punkt der zur Verfügung stehenden Werbeformate dürfte allerdings entscheidend sein: Die mobile Reichweite mit mobil optimierten Seiten zu vergrößen, macht für Verlage kaum einen Sinn, wenn sich diese Reichweite nicht monetarisieren lässt.

"Die Chance für die First Mover ist, dass sie mehr Traffic und somit mehr Werbeinnahmen im Mobile News Markt erzielen können", so Wörpel. "Allerdings werden Publisher - wie auch bei Facebook - nur noch zu reinen Contentlieferanten und agieren für Google wie zum Beispiel die dpa für Publisher." Daher stelle sich die Frage, "wer auf Dauer der Gewinner im Bereich der Erlösmodelle um die AMPs wird: Publisher oder ein Vermarkter wie Google?"
„So sollte die Leseerfahrung im mobile Web aussehen - schnell, responsive und unterhaltsam.“
David Besbris

8. Inwieweit konkurrieren Instant Articles und AMPs?

Letztendlich wohl genauso, wie Facebook und Google schon zuvor konkurriert haben: Es ist ein Kampf um die Aufmerksamkeit und die Zeit der User. Für Facebook gilt das Prinzip: Je mehr Zeit der Nutzer auf der Plattform verbringt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihm dort Werbung begegnet. Und damit verdient Facebook bekanntlich sein Geld.

So ist es auch bei Google, allerdings unterscheidet sich die Nutzungssituation bei beiden Plattformen: "Bei Facebook ist der User stark explorativ auf der Plattform eingebunden. AMPs werden aller Wahrscheinlichkeit nach stark über Search Traffic aufgerufen, hier wird also gezielt nach etwas gesucht", so Wörpel. Beide Systeme werden also koexistent arbeiten können, glaubt der Social-Media-Experte.

Auch Gerstmeier ist dieser Meinung. Zum einen verfolgten Facebook und Google unterschiedliche Ansätze: "Während man mit Facebook (oder Apple) eine dedizierte Partnerschaft eingehen muss und speziell aufbereiteten Content in der Facebook App publiziert, ist Googles AMP Technologie frei verfügbar und benutzbar." Und zum anderen seien die Strategien der Medienhäuser hinsichtlich Verbreitungsgrad, Zielgruppe, Werbe-Strategie zu unterschiedlich, als dass es eine Frage von entweder Instant Articles oder AMPs sein könnte.

Wörpel mahnt die Verlage dennoch, sich ernsthaft Gedanken über ein Gegengewicht zu Facebook und Google zu machen. "Hierfür muss stärker in Mobile gedacht sowie in das Thema Datengenerierung investiert werden, um dauerhaft attraktiv für Werbekunden zu bleiben."

9. Welche weiteren Unternehmen sollten sich AMPs genau anschauen?

Wer als Unternehmen oder Marke über Google gefunden werden kann, ist theoretisch ein Kandidat für Accelerated Mobile Pages. Das schließt insbesondere Online-Shops und E-Commerce-Player wie Amazon ein. Stefan Gerstmeier hält sich derzeit auf dem Mobile World Congress in Barcelona auf, wo neueste Nutzermetriken aus diesem Bereich besprochen wurden. Er berichtet, dass 
2015 mehr als 30 Prozent des digitalen Shoppings über mobile Plattformen abgewickelt wurden. "Shopping gerade über mobile Plattformen wird auch weiterhin exponentiell ansteigen. Von daher nimmt Mobile einen immer höheren Stellenwert ein", so der Neofonie-COO.

Auch hierbei seien schnelle Ladezeiten entscheidend: "
Wenn mobile User mehr als 3 Sekunden auf das Laden des Contents warten müssen, wird der Einkauf meist abgebrochen. 41 Prozent der Nutzer versuchen, sich dem Advertising zu entziehen, aber wiederum 60 Prozent von diesen Nutzern würde natives und kontextbezogenes Advertising, das einen Mehrwert erzeugt, akzeptieren", sagt Gerstmeier.

Googles AMPs könnten die Nutzerfahrung beim Mobile Shopping also deutlich verbessern. Gerstmeier glaubt deswegen, dass die AMPs "
sehr bald im Online- und E-Commerce-Bereich adaptiert und verankert werden." ire
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