German Google Angst Jarvis ätzt, Brüderle fordert Google-Zerschlagung

Donnerstag, 17. April 2014
Ist die deutsche Angst vor Google gerechtfertigt?
Ist die deutsche Angst vor Google gerechtfertigt?


Einen Tag nach dem Brandbrief von Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner nehmen auch amerikanische Publizisten die "German Angst" vor Google zur Kenntnis. Und Ex-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle fordert im Handelsblatt forsch: Zerschlagt Google! Wer durch eine Google-Brille derzeit nach Deutschland schaut, muss den Eindruck haben: Es gibt eine große Verschwörung deutscher Medienhäuser, insbesondere von FAZ und Axel Springer, gegen das Unternehmen aus Mountain View. Seit Wochen wird im "FAZ"-Feuilleton die German Angst vor Google diskutiert, analysiert und in manchen Beiträgen (leider) auch geschürt. Die Springer-Medien liefern bisweilen publizistische Beihilfe für eine immens wichtige Debatte.

Ein Beispiel: Am 1. April verquirlt Sascha Lobo in seinem FAZ-Beitrag Killerdrohnen, Google und die Werbeindustrie zu einem potenziell mörderischen militärisch-industriellen Big-Data-Komplex (Headline: Daten, die das Leben kosten ). 3 Tage später fragt Bild Online: Ist Google gefährlicher als die NSA?

Die in der Google-Frage so enge mentale Bindung zwischen FAZ und Axel Springer kulminierte gestern im Beitrag von Mathias Döpfner.

"Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?" hatte der Axel-Springer-CEO ganz am Ende seines Offenen Briefes gefragt.

Postwendend meldet sich ein Ex-Minister, diesmal nicht in Bild , sondern im "Handelsblatt" zu Wort. Buchautor Rainer Brüderle fordert forsch Zerschlagt Google! Das Unternehmen sei, ähnlich wie Apple, Facebook und Amazon, ein neuer Feudalherr , ein Marktbeherrscher, wie ihn die Welt selten gesehen hat . Brüderle: Die neuen, digitalen Feudalherren erheben Brückenzölle von Unternehmen, die auf die Suchmaschinen oder die App-Stores angewiesen sind. Verlage und Musikindustrie könnten heute schon ein Lied davon singen, andere Branchen bis hin zu "unserer stolzen und erfolgreichen Autoindustrie" würden folgen.

Zwischenfazit: Bislang wurde der publizistische Kampf gegen Google vor allen Dingen vom FAZ-Feuilleton und Axel Springer ausgetragen. Seit heute beißt auch das Handelsblatt zurück.

Damit kein Missverständnis aufkommt: So wie Mathias Döpfner einst dem lieben Gott dafür dankte, dass es Steve Jobs gibt - nanu, das ist doch einer der neuen Feudalherren?! -, kann man FAZ-Feuilleton-Chef Schirrmacher dankbar sein, eine immens wichtige Debatte angestoßen und Raum gegeben zu haben.

Döpfner stellt viele richtige Fragen und formuliert wichtige Thesen: Monopole schaden dauerhaft Wirtschaft und Gesellschaft. Machtmissbrauch muss, wenn er nachgewiesen wurde, auch juristisch bekämpft werden. Der Google- Kompromissvorschlag in Sachen EU-Kartellverfahren ist hanebüchen.

Nur: Warum paktiert Axel Springer im Vermarktungsbereich dann mit dem Darth Wader der Medienindustrie? Deutlich glaubwürdig würden der Döpfner-Hilferuf, wenn Axel Springer die Bande zum Erzfeind kappt. Alternativlos sei die Zusammenarbeit mit Google, ist die Antwort. Eine Floskel wird nicht dadurch gehaltvoller, weil sie eine Erfindung der Bundeskanzlerin ist. Nochmal zur Vermarktungsfrage: Warum bauen die Verlage beispielsweise ihr Joint-Venture AdAudience nicht zu einem schlagkräftigen Angebot aus: Nicht jeder Papiertiger muss auf ewig ein Papiertiger bleiben.

So mündet die in vielen Aspekten berechtigte Contrahaltung in einen Defätismus, der zumindest irritiert, in jedem Fall aber lähmt statt anspornt.

Und wenn Rainer Brüderle wirklich der ernstzunehmende Politiker ist, den sich Döpfner wünscht (inzwischen ist die Brüderle-Forderung Gegenstand satirischer Artikel), muss man konstatieren: Als ehemaliger Wirtschaftsminister sollte Brüderle die grundlegenden Unterschiede zwischen Feudalsystem und modernem Kapitalismus demokratischer Gesellschaften kennen. Dazu gehört, dass es in demokratischen Gesellschaften immer Alternativen für Unternehmen wie für Menschen gibt. Niemand zwingt Springer in die Vermarktungskooperation mit Google. Niemand zwingt Verleger, ihre Websites Google Search und News verfügbar zu machen. Kein Mensch wird gezwungen, einen iPod zu nutzen. Auch zu Google Search gibt es Alternativen. Und und und.

Davon ist in den Debattenbeiträgen leider viel zu wenig die Rede, und bitte nicht schon wieder den absurden Vorschlag von Magnus Enzensberger, sein Handy wegzuwerfen, anbringen.

Es ist diese typisch deutsche Trauerarbeit über vermeintlich verpasste Chancen und Möglichkeiten, die es dann US-Publizisten wie Jeff Jarvis relativ einfach macht, über die deutsche Verlagsszene im Allgemeinen, Döpfner im Besonderen, herzuziehen. Jarvis ist in Deutschland kein Unbekannter. Er ist gern gesehener Redner auf Internetkongressen. Er ist Autor des Buches Was würde Google tun? Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert. Er ist parteiisch: Für ihn sind die Big Four Vorbilder für ganze Industriezweige.

So verwundert es nicht, dass Jarvis Döpfners Brandbrief zum Anlass nimmt, nicht nur mit dem Axel-Springer-Chef, sondern der deutschen Verlagsszene insgesamt abzurechnen. Motto: Die deutschen Verleger seien wie Kleinkinder, die sich hinter dem Rockzipfel des Erzieher verstecken. (Auch Medienkritiker Knüwer spricht nach Lektüre des Döpfner-Briefs vom Kindergarten.) Im Jarvis-Original liest sich das so: "The essence of that business model, as practiced especially by German and sometimes French legacy publishers, is to stomp their feet like pouty kindergartners missing a turn at kickball, whining that s not fair and yelling that everything wrong on this playground is the fault of another kid, then running to hide behind the skirt of the teacher."

Wo der mächtige Matthias Döpfner sich ohne derzeit akute Not, Axel Springer ist ein dank Digital florierendes Unternehmen, in die Rolle des ewigen Underdog begibt, spielt Jarvis den überheblichen Besserwisser aus dem Internet-El-Dorado USA.

Beide Positionen helfen der hiesigen Internet- und Medienindustrie nicht wirklich weiter. vs
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