Georg Franck Warum der Begründer der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" immer noch goldrichtig liegt

Dienstag, 24. Oktober 2017
Georg Franck hatte den Begriff der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ eingeführt
Georg Franck hatte den Begriff der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ eingeführt
© Franck

Fast 20 Jahre ist es her, seit Georg Franck den Begriff der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" eingeführt hat. Beim Deutschen Medienkongress 2018 spricht er über den Zusammenhang von Medien, Marken und Aufmerksamkeit – und vorab mit HORIZONT Online.

Georg Franck war als freier Architekt, Softwareentwickler für räumliche Planung und bis 2015 als Ordinarius für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der TU Wien tätig. Weithin bekannt wurde er aber, als 1998 sein Buch "Ökonomie der Aufmerksamkeit" erschien. "Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen", heißt es darin. "Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz." Aufmerksamkeit, so seine These, ist eine Währung geworden, die immer knapper wird – Medienanbieter und Werbungtreibende können ein Lied davon singen. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt er, wie er seine Theorie heute sieht.

Herr Franck, Sie haben die Ökonomie der Aufmerksamkeit in den 90er-Jahren entwickelt. Liegen Sie damit aus heutiger Sicht immer noch richtig? Mehr als ich gehofft habe! In der Zwischenzeit sind die digitalen Medien hinzugekommen. Dort werden Inhalte in großem Stil kostenlos angeboten – die Rezipienten bezahlen nur noch mit ihrer Aufmerksamkeit, die dann wieder für Werbung vermarktet wird. Das gab es zwar auch schon mit dem Aufkommen der privaten TV- und Hörfunksender. Aber die Dimension ist heute eine ganz andere. Konzerne, die ihr Geschäftsmodell ausschließlich auf der Ökonomie der Aufmerksamkeit aufbauen, sind in schon beunruhigendem Maß erfolgreich, siehe Google und Facebook. Sie dominieren mittlerweile den kulturellen Hauptstrom.

In den sozialen Medien werden zudem Inhalte produziert, die nur noch Aufmerksamkeit generieren sollen – von Facebook über Youtube und Instagram bis Whatsapp. Werbevermarktung ist für die nichtprofessionellen Content-Produzenten meist gar kein Thema. Richtig. Immer mehr Menschen setzen sich kontinuierlich selbst in Szene, um mit Aufmerksamkeit, gemessen in Likes und Followers, belohnt zu werden. Sie machen sich zur Marke, die sie selbst bewerben. Und je erfolgreicher sie sind, desto mehr werden sie angespornt, noch mehr zu senden.

Die Aufnahmekapazität der Empfänger ist aber begrenzt. Viele helfen sich, in dem sie nur noch sehr oberflächlich rezipieren: Man blickt parallel zum Fernsehen auf sein Smartphone, man liket den Post eines Freundes, ohne ihn gelesen zu haben. Erodiert damit die Währung Aufmerksamkeit? Das ist möglich. Eine andere Konsequenz ist aber wichtiger: Wenn Aufmerksamkeit zu einem immer knapperen Gut wird, steigt die Zahl der Menschen, die sich nicht ausreichend beachtet fühlen. Sie reagieren häufig mit Ressentiments gegen die, die ihnen die Aufmerksamkeit verweigern. Das Ressentiment ist aber als Waffe nur erfolgreich, wenn es Resonanz bei anderen findet – und genau das machen die sozialen Medien in neuem Ausmaß möglich.

DMK 2018

Der 10. Deutsche Medienkongress 2018 findet am 16. und 17. Januar 2018 in der Alten Oper Frankfurt statt. Top-Manager aus Unternehmen, Agenturen und Medien werden dort die wichtigsten Zukunftstrends der Branche diskutieren. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT AWARD an die Männer und Frauen des Jahres 2017. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses.
Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 15. Dezember zum reduzierten Preis von 1099 Euro erhältlich. HORIZONT-Abonnenten erhalten zusätzlich jeweils einen Rabatt von 100 Euro auf die Kongressgebühr. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT AWARD. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2018 sind HORIZONT und dfv Conference Group.



Durch die Verknappung wird es auch teurer, Aufmerksamkeit für Werbung zu erkaufen. Bestimmte Zielgruppen lassen sich nur noch mit hohem Aufwand erreichen. Wird das für Unternehmen auf Dauer zum Problem? Ja, aber sie haben keine andere Wahl, als weiterhin zu werben, wie auch immer. Markenartikel leben von einer bestimmten Aura, die durch Werbung erzeugt wird. Wenn Werbung teurer wird, werden dann eben auch die Produkte teurer. Bei Kosmetikartikeln fließen bereits 40 bis 50 Prozent des Verkaufspreises in das Marketing.

Sie beschreiben die Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht nur, Sie sehen sie auch sehr kritisch. Was kann man dagegen tun? Wir alle wollen eine Rolle im Bewusstsein anderer Menschen spielen. Unser Selbstwertgefühl ernährt sich von der Aufmerksamkeit, die wir von Mitmenschen, die wir unsererseits schätzen, einnehmen. Die Messung dieses Einkommens in kontierbaren Einheiten lässt den Ursprung und die ganz besondere Qualität dieser Aufmerksamkeit aus dem Blick geraten. Der Ursprung der lebendigen Aufmerksamkeit ist das bewusste "da" Sein, das Seelenleben. Die Reduktion der Aufmerksamkeit auf eine Währung erzeugt eine Art Seelenblindheit. Erst wenn wir die Mechanismen durchschauen, wird uns klar, dass unser Verlangen nach Beachtung nicht Kontoständen, sondern dem Reiz gilt, sich in dem anderen Bewusstsein da drüben willkommen, geschätzt und vielleicht sogar bewundert fühlen zu dürfen. 

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