"Genie", Missionar", "Game-Changer" Stimmen zum Verkauf der "Washington Post" an Jeff Bezos

Dienstag, 06. August 2013
So verkündet die "Post" den Verkauf auf ihrer Homepage (Bild: washingtonpost.com)
So verkündet die "Post" den Verkauf auf ihrer Homepage (Bild: washingtonpost.com)


Katastrophe oder Chance: Was bedeutet der Verkauf der "Washington Post" an den Amazon-Gründer Jeff Bezos? Die Branche rätselt - wobei sich Optimismus und Skepsis abwechseln. HORIZONT.NET dokumentiert ausgewählte Reaktionen auf den 250-Millionen-Dollar-Deal.

Jan Friedmann auf Spiegel Online

Der "Spiegel"-Redakteur ist derzeit als Gastredakteur bei der "Washington Post" und erlebte die Veranstaltung der Eigentümer, auf der die Belegschaft über den Verkauf der Zeitung informiert wurde, live mit. Friedmann erinnert in diesem Zusammenhang an jüngste Zeitungsverkäufe wie der "Boston Globe" oder auch hierzulande durch Springer. "Doch all diese Transaktionen haben weniger Symbolwert als die Veräußerung der 'Washington Post'. Denn wie keine zweite der verkauften Publikationen steht die 'Post' für Qualitätsjournalismus und den Willen, diesen auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten."

Roland Lindner auf faz.net

Der in New York ansässige Wirtschaftskorrespondent der Zeitung sieht eine Kapitulation der Verlegerfamilie Graham vor den Herausforderungen des Zeitungsmarktes. Und er erkennt in der Transaktion auch eine gewisse Ironie: "Eine Zeitung, die durch das Abwandern von Lesern und Anzeigenumsätzen ins Internet in Bedrängnis geraten ist, wird nun an jemanden verkauft, der selbst als Internetunternehmer alte Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht hat."

Torsten Krauel auf Welt Online

Krauel lobt Bezos' Marschroute, sich streng am Willen der Leser zu orientieren: "Er fasst in Worte, was auch schon die wahre Triebkraft der industriellen Revolution gewesen ist. Die Menschen wollten damals Kunden werden statt Almosenempfänger. Heute wollen die Kunden Teilhaber werden, sie wollen Souveränität und Selbstbestimmung. Jeff Bezos hat das bei Amazon vorgemacht Waren verschicken rund um die Uhr, an jeden Ort des Landes. Er hat die Unterschiede zwischen der gut versorgten Stadt und dem unterversorgten Land aufgehoben. Zugang zu einem Supermarkt gibt es nun nicht mehr nur an der Fifth Avenue, sondern auch in Demopolis, Alabama. Nun macht Bezos sich daran, Strukturen im Nachrichtengeschäft zu überprüfen, die letztlich aus dem 19. Jahrhundert stammen. Der Entschluss kommt nicht zu früh."

Karsten Lohmeyer auf Lousy Pennies

Vielleicht werde man diesen 5. August 2013 einmal als Beginn einer neuen Ära sehen, vermutet Lohmeyer. Denn: "So wie ich entsetzt war über den Verkauf der Printtitel von Springer an die Funke-Gruppe (für mehr als das vierfache des WP-Deals!), so bin ich jetzt begeistert von den Möglichkeiten, die sich jetzt aus der Verbindung von Amazon und einer großen Tageszeitungsmarke auftun auch wenn ich ein bisschen Angst vor einem neuen Medien- und Meinungsmonopol habe. Warum? Weil dieser Deal (fast) alles mitbringt, was alle Experten und die, die sich dafür halten, seit Jahren für die Digitalisierung und vor allem Monetarisierung des Journalismus fordern. Auch wenn Bezos den Kauf in Höhe von 250 Millionen US-Dollar angeblich als Privatmann, unabhängig von Amazon, getätigt hat Aber was meine ich nun konkret? Ganz einfach. Denn welcher Art der Journalismus unter Jeff Bezos auch sein wird, die technischen, finanziellen und ideellen Rahmenbedingungen sind da, um diesen Deal zum echten 'Game Changer' in der Medienbranche zu machen.

MG Siegler auf Techcrunch

Lob vom Konkurrenten: Siegler ist Partner bei Google Ventures und hält Bezos für "ein Genie", weil dieser nicht auf den schnellen Dollar, sondern langfristigen Profit setze: "Er fliegt einfach unter dem Radar, bis er den Radar kaufen kann. Und wahrscheinlich auch das Unternehmen, das alle Radare herstellt. Amazon bedeutet nicht 'jetzt oder nie', sondern 'als nächstes'. (...) Auch wenn der Kauf der 'Washington Post' verrückt klingt, steckt dahinter wohl ein kalkuliertes Manöver von Bezos. Wahrscheinlich spielt er längst Schach, während wir alle sein Dame-Spiel analysieren. Und selbst wenn es schiefgeht: Was sind schon 250 Millionen für einen mehrfachen Milliardär? Hat sich einer mal kürzlich den Preis der Amazon-Aktie angesehen?"

Ulrike Langer auf Medial Digital

"Man muss weder Prophet noch Zyniker sein, um zu erkennen, dass Bezos kein Söldner sondern ein Missionar und somit am Wohlergehen einer Zeitung interessiert ist, die er für gesellschaftlich wichtig hält und mit Qualitätsjournalismus verknüpft. Für den Kaufpreis von 250 Millionen Dollar in bar handelt sich Bezos allerdings auch ein defizitäres Blatt ein die Washington Post machte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres laut Poynter fast 50 Millionen Dollar Verlust. Daher stellt sich die Frage: Was will der Geschäftsmann Bezos mit der Washington Post anfangen? Wenn er die Zeitung für ein gutes Geschäft hielte, dann hätte wohl nicht er persönlich, sondern Amazon das Blatt gekauft, wie Mathew Ingram bei GigaOm schreibt."

Eva C. Schweitzer auf Zeit Online

Auch die "Zeit"-Redakteurin sieht eine ironische Seite in dem Deal: "Das ausgerechnet Bezos die Zeitung übernimmt, hat eine gewisse Ironie. War es doch genau das Internet, das Bezos so reich gemacht hat und die Washington Post arm. Sein Vermögen wird auf 25 Milliarden Dollar geschätzt, der Kaufpreis für die 'Post' fällt für ihn nicht weiter ins Gewicht."
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