„Gekünstelt und langweilig“ Harte Abrechnung der New York Times mit eigenen Facebook-Videos

Dienstag, 23. August 2016
Die "New York Times" zieht ein Fazit zu Facebook-Live-Videos
Die "New York Times" zieht ein Fazit zu Facebook-Live-Videos
Foto: dpa
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Die New York Times hat in einem ausführlichen Artikel Bilanz zum Einsatz von Facebook Live gezogen – und die fällt insgesamt durchaus kritisch aus. New-York-Times-Redakteurin Liz Spayd hat sich mehrere Stunden der Live-Videos angesehen. Viele seien von technischen Problemen geplagt, wirkten gekünstelt, zu langatmig, würden die Fragen der Leser ignorieren oder seien "ganz einfach langweilig."

Zu viele der Videos würden nicht der journalistischen Qualität entsprechen, die man typischerweise mit der renommierten Zeitungsmarke verbindet, schreibt Spayd. Als Beispiel verweist sie auf ein Video vom Nominierten-Parteitag der Republikaner, bei dem sich ein Zuschauer über die "grauenhafte" Audio-Qualität beschwerte. In einem Video über Brände in Kanada sei keine einzige Flamme zu sehen. Ein anderes Video sollte ein Gespräch zwischen zwei Reportern und ihrem Vorgesetzten zeigen, die ihm eine Story verkaufen wollen. Spayds gnadenloses Urteil: "Das war inszeniert."

Spayd ist "Public Editor" bei der New York Times. Als solche arbeitet sie nicht innerhalb der üblichen Redaktionsstrukturen der Zeitung und hat daher einen Blick von außen. Die Redakteurin nennt allerdings auch einige Positiv-Beispiele. "Wenn Times-Live-Videos gut sind – und viele sind es – fangen sie ein Erlebnis unvermittelt ein, fühlen sich spontan an und setzen den Zuschauer in die erste Reihe, wobei er die Kontrolle hat", schreibt die Redakteurin.
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So habe die New York Times beispielsweise ein "rohes" Video-Interview mit einem Mann veröffentlicht, der in einem Nachtclub beim Terrorangriff in Orlando angeschossen wurde. Das Video wurde von 1,6 Millionen Menschen angesehen.

Bislang hat die renommierte US-Zeitung etwa vier Videos am Tag auf Facebook Live veröffentlicht. Das Ziel für die Zeitung bestehe darin, einerseits das junge Facebook-Publikum in den USA zu erreichen, das dort zu rund zwei Drittel aus Nutzern unter 34 besteht. Andererseits ginge es darum, Redakteure dazu zu bringen, mehr über ihr Publikum nachzudenken.

Doch der Deal mit Facebook hat auch eine finanzielle Komponente für die Zeitung: Laut "Wall Street Journal" erhält die New York Times mindestens 3 Millionen Dollar im Jahr dafür, dass sie Videoinhalte exklusiv für Facebooks Live-Video-Plattform produziert. Auch deutsche Verlage bekommen Geld von Facebook für Videos auf der Plattform. Hintergrund ist Facebooks Kampf mit der Google-Plattform Youtube um die Position als führende Plattform für Videos im Internet.

„Der Newsroom muss sich daran gewöhnen, seine Kreativität einzusetzen, um Geschichten anders zu erzählen.“
Dean Baquet
Das Fazit der Times: Beim Ausprobieren neuer Formate, auch um ein neues Publikum zu erreichen, werden Fehler gemacht. "Aber der Newsroom muss sich daran gewöhnen, seine Kreativität einzusetzen, um Geschichten anders zu erzählen", wird Dean Baquet, Chefredakteur der New York Times in dem Artikel zitiert.

Die Autorin des Artikels scheint dennoch nicht ganz überzeugt: Bei anderen neuen digitalen journalistischen Formaten wie interaktiven Grafiken, Podcasts oder virtueller Realität, habe die Redaktion bewiesen, dass sich innovative Formate mit dem Qualitätsanspruch der New York Times verbinden lassen. "Dieses Mal war das nicht der Fall."

Bild: t3n


Dieser Artikel erschien zuerst auf t3n.de

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