"Geistig vergreiste Print-Redaktion" Presseschau zum Streit beim "Spiegel"

Montag, 25. August 2014
Die Zukunft des "Spiegel" beschäftigt die Branche
Die Zukunft des "Spiegel" beschäftigt die Branche
Themenseiten zu diesem Artikel:

Wolfgang Büchner Presseschau Handelsblatt



Der Streit beim "Spiegel" dominiert die Medienseiten der großen Tageszeitungen. Nach der vielsagenden Mitteilung der "Spiegel"-Gesellschafter schießen erneut die Spekulationen ins Kraut, wie es bei dem Hamburger Nachrichtenmagazin weitergeht. Einig sind sich die Kommentatoren allerdings in der Einschätzung, dass Chefredakteur Wolfgang Büchner weiter mit dem Rücken zur Wand steht.

"Süddeutsche Zeitung"

In der "Süddeutschen Zeitung" hinterfragt Claudia Tieschky die Machtbasis von Wolfgang Büchner:

"Der 'Spiegel' ist dank Rudolf Augstein - diesen Umstand spürt der aktuelle Chefredakteur Wolfgang Büchner gerade deutlich - von keinem alleine qua Amt regierbar. Er ist es unter Umständen durch elaborierte Formen von Autorität und Bündnissen. Ein Chefredakteur ist gewissermaßen auch Angestellter der Mitarbeiter und der Spiegel deshalb ein Ziergarten demokratischer Mitbestimmung. (...) Beim amtierenden Chefredakteur Wolfgang Büchner stellt sich die Frage nach seiner Macht inzwischen sehr deutlich. Mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter haben sich in einer Petition gegen Pläne ausgesprochen, die Büchner als eine Art Regierungsprogramm für die Zukunft des 'Spiegel' ausgegeben hat. Kann er gegen eine solche Mehrheit der Redaktion arbeiten?"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Für "FAZ"-Medienredakteur Michael Hanfeld ist der Streit beim "Spiegel" ein Symbol für den Kampf um die Zukunft des Qualitätsjournalismus:

"Beim 'Spiegel' kommt es jetzt darauf an, dass die handelnden Personen über ihre Schatten springen und nicht zum letzten Tango auf der Titanic bitten. Eigentlich ist der 'Spiegel' mit seinem Plan vielen anderen voraus. Das Konzept hat das erste Stadium der Arbeitsreife erreicht. Man kann sich vorstellen, was möglich ist, wenn von 250 Print-Redakteuren nicht, wie eben jetzt, mehr als achtzig Prozent eine Petition dafür unterschreiben, mit den Neuerungen noch zu warten, und die Online-Kollegen eine Resolution aufsetzen, umgehend loszulegen. Viel Zeit sollte sich der 'Spiegel' nicht lassen. In den nächsten zwei, drei Jahren wird sich entscheiden, was vom Qualitätsjournalismus übrig bleibt. Nicht nur beim 'Spiegel'."

"Handelsblatt"

Nach Meinung von "Handelsblatt"-Redakteur Kai-Hinrich Renner wird es für Wolfgang Büchner trotz der Rückendeckung für das Projekt "Spiegel 3.0" eng. Die Gesellschafter hätten Büchners und Saffes Pläne de facto kassiert:

"Büchner steht mit dem Rücken zur Wand. Er hat beim gedruckten 'Spiegel' fast nur Gegner. Die Gesellschafter sehen sein Wirken zunehmend kritisch. Aber noch gibt es keine Alternative zu ihm."

"Indiskretion Ehrensache"

Thomas Knüwer geht in seinem Blog angesichts der Krise beim "Spiegel" hart mit der "seltsamen Spezies der Journalisten" ins Gericht:

"Vor zwei Jahren bloggte ich schon einmal über den damaligen Machtkampf zwischen Saffe und Mascolo. Zwei Jahre der Erstarrung. Und wie wir jetzt von außen wohl urteilen können: Das liegt maßgeblich an der geistig vergreisten Print-Redaktion, die sich beharrlich weigert, trotz disruptiver Krise irgend etwas zu verändern erst recht nicht sich.

So wehren sie sich dann und das mit hanebüchenen Vorstellungen. Büchner sei kein Autor und kein Blattmacher, so angeblich der Vorwurf. Gerade so, als ob heute ein Herbert Riehl-Heyse besser als Chefredakteur geeignet wäre als 1989. Damit sie nicht ganz so verstaubt wirken, befürworten sie sogar eine irgendwie geartete Kooperation von Print und Online, jedoch 'in vertrauensvoller Zusammenarbeit'. Was sie in den vergangenen 15 Jahren daran gehindert hat, erklärt vielleicht mein obiger Sermon. Zu übersetzen ist 'vertrauensvolle Zusammenarbeit' mit: 'Lasst uns in Frieden mit Eurem Internet-Scheiß.' Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet Doerry und Brinkbäumer nun als neue Chefs gehandelt werden. Zwei Printjournalisten ohne jegliche Meriten oder Erfahrungen im Digitalbereich."

"Der Tagesspiegel"

Der Berliner "Tagesspiegel" hat mit Markus Peichl, Vorsitzender der Lead Academy über die Probleme beim "Spiegel" gesprochen:

"Das Problem besteht darin, dass die sogenannten Leitmedien immer noch stark unter dem Einfluss von Leuten stehen, die aus den goldenen Zeiten des Print-Journalismus kommen." Diese stünden in der Regel für ein altes journalistisches Modell und ein überkommenes Status- und Besitzstandsdenken. Wenn man aber das große Ganze, den Erfolg der journalistischen Marke und den Leser, im Auge behalten will, funktioniere das nicht mehr. Es könne kein Entweder/Oder geben. Die heutigen Konsumenten, via Smartphone und Internet ständig auf Empfang und Sendung, hätten weniger Zeit und vielleicht auch weniger Lust auf Leitmedien. Um diese anzusprechen, brauche es die Erfahrung der älteren Journalisten genauso wie die Flexibilität der mit den Online-Medien groß gewordenen Journalisten, für die auch ein Dominik Wichmann, der geschasste "Stern"-Chef, steht.
Meist gelesen
stats