Gauchogate

Die billige Empörung der Qualitätsmedien

Dürfen sich junge Fußballer nicht freuen, wenn sie Weltmeister geworden sind? War der Empfang in Berlin nur ein blödes "Marketing-Fan-Meilen-Truck-Korso", wie die TAZ vermutet? Das #Gauchogate-Stürmchen auf Twitter, die bizarre Empörung in den deutschen Feuilletons lassen teilnehmende Beobachter etwas ratlos zurück.

Jeder Mensch, der einmal Fußball, Leichtathletik oder Kampfsport betrieben hat, weiß: Die Freude über einen besiegten Gegner gehört zum Spiel dazu, hat mit Rassismus, Arroganz und Marketing-Bohei nichts zu tun.

Die empörten Kritiker von FAZ, Spiegel Online und TAZ haben diese Erfahrung offensichtlich nie gemacht.

Dafür glauben sie umso besser zu wissen, wie man Empörung inszeniert und ausschlachtet.

Als ob sie die vergangenen fünf Wochen darauf gewartet hätten, etwas zu finden, was möglichst viele Zugriffe und Aufmerksamkeit findet (die zwischenzeitliche Debatte über die Qualität von Jogi Löw war ja nur ein lauwarmes Rumphilosophieren über die Qualität des deutschen Fußball-Trainers).

Auch ich finde die Musik von Helene Fischer ziemlich fürchterlich.

Soll man die Weltmeister verdammen und seiner Empörung in einem flammendem Artikel Luft machen, weil sie in Berlin aufspielt? Und was ist verwerflich daran, dass die Spieler in Berlin in einem schwarzen Mercedes-T-Shirt auflaufen. Marketing gehört nicht nur im Sportbusiness dazu. Das sollte doch auch bei der TAZ angekommen sein.

Hier wird etwas zu einem Problem gemacht, was eigentlich gar keines ist.

Und es wird wahrscheinlich deshalb zum Problem gemacht, weil offensichtlich auch die sonst so reflektierten Beobachter der Qualitätsmedien ein vermeintliches Gesetz des Online-Journalismus verinnerlicht haben. Das lautet: Beim Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser sorgt vor allen Dingen die Produktion von Shitstorms für Zugriffe. Egal wie berechtigt das Ansinnen ist: Es wird sich schon jemand finden, der sich auch empört. Oder über die Empörung empört (wie ich jetzt). Das grundsätzliche Problem: Die Anzahl der Zugriffe und Zahl der Kommentare wird umstandlos mit journalistischer Qualität gleichgesetzt. Dabei ist es nur billige Stimmungsmache.


Raphael Brinkert, Chef von Jung von Matt/Sports, kritisiert auf Facebook kurz und einprägsam die Gauchogate-Erfinder: "Ihr schreit auf, sprecht von Häme gegen Argentinier, von Schmähgesten gegen Gauchos, von Respektlosigkeit im Siegestaumel. Ihr urteilt über junge Menschen, denen die ganze Welt eine Strophe zuvor noch zu Füßen lag."


Wenn sich die Medien nur so über die NSA aufregen würden wie über den Tanz der Fußballer, hat an einer Stelle jemand getwittert. Das mag ewas übertrieben sein. Aber ernsthaft: Diskutieren wir über die Rolle von Google, Datenschutz und die amerikanischen Geheimdienste. Und gönnen wir den erschöpften Fußballer ihre berechtigte Freude.

Tageszeitung

Die absurde Inszenierung des Marketing-Fan-Meilen-Truck-Korsos findet ihren Höhepunkt im Auftritt der deutschen Mannschaft, die dann eher nichts mehr von Bescheidenheit hat. Die Würdigung einer sportlich besonderen Leistung gerät da im Siegesrausch zu einer kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst, in der man auch dem Gaucho-Verlierer" keinen Respekt mehr zollen muss.

Handelsblatt

Da ist sie hin, die schöne Euphorie. Ich bin einer von den Miesepetern. Den Gutmenschen. Ich habe einen Stock dort, wo die Sonne nicht scheint. Zumindest, wenn ich den Antworten auf meine Kommentare in den Sozialen Netzwerken glauben schenken mag. Weil ich ein ungutes Gefühl habe, wenn eine Gruppe sichtlich betrunkener deutscher Nationalspieler sich vor Millionen Zuschauern über einen bereits fair geschlagenen Gegner unverhohlen lustig macht.

Tagesspiegel

Bei der Party auf der Fanmeile machen sich Nationalspieler über Final-Verlierer Argentinien lustig. Vorbei ist es mit der deutschen Bescheidenheit. In den Ärger mischt sich bei unserem Autor Trauer über so viel Dummheit.

FAZ

Die Siegesfeier am Brandenburger Tor wird zum gigantischen Eigentor. Mit einer üblen Persiflage auf ihren Finalgegner verspielen die deutschen Weltmeister das Image der weltoffenen, toleranten Nation.

Spiegel Online

Das ist der Moment, in dem Siegesfreude in Übermut umschlägt. Diese Spottgeste hätten sich die Nationalspieler sparen können. Es sind Bilder, die um die Welt gehen und die in Südamerika genau registriert werden dürften.


Man kann mit "Bild" nicht immer einer Meinung sein. In diesem Falle schon, wie das Cover des heutigen Tages zeigt:
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