Ganske Verlagsgruppe Jalag-Chef Ingo Kohlschein wird Publishing-Vorstand und will "Kulturwandel anstoßen"

Donnerstag, 06. August 2015
Ingo Kohlschein steigt bei Jalag auf
Ingo Kohlschein steigt bei Jalag auf
Foto: Jahreszeiten Verlag / Andreas Sibler

Zeitenwende im Traditionshaus: Mit einer Vorstandsverjüngung, dem Versuch eines Kulturwandels und einem Wachstumsprogramm stemmt sich die Ganske Verlagsgruppe in Hamburg gegen sinkende Umsätze und schärfere Konkurrenz von allen Seiten.

Für die Gruppe mit Buchverlagen wie Hoffmann und Campe, mit dem Zeitschriftenhaus Jahreszeiten Verlag ("Für Sie", "Petra", "Merian"), mit dem Kundenmedien-Anbieter Hoffmann und Campe Corporate Publishing ("BMW Magazin") sowie mit etlichen Handels- und Digitaldienstleistern ist es ein historischer Schritt: Verleger Thomas Ganske, 68, gibt das Zeitschriftengeschäft aus seinen Händen und befördert dafür Ingo Kohlschein in den Holding-Vorstand. Der 39-Jährige ist bisher und bleibt weiterhin einer von drei Geschäftsführern des Jahreszeiten Verlags (Jalag) und Co-Chef des Vermarkters Brand Media, einem 50/50-Joint-Venture mit der Medweth-Gruppe. Als Publishing-Vorstand – so lautet Kohlscheins neuer Titel – verantwortet er nun auch Hoffmann und Campe Corporate Publishing (Hoca CP).

Eine Meldung von Kress.de, wonach sich der Jalag von Medweth trennen und Brand Media komplett übernehmen wolle, dementiert Kohlschein. Beide Gesellschafter führten immer wieder Gespräche – dabei gehe es aber um die künftige "gemeinsame Ausrichtung" des Vermarkters. Um etwaige neue Rechtsformen der Zusammenarbeit (die im Zuge von Kohlscheins Plänen, die Wege zwischen Vermarktung und Jalag-Redaktionen zu verkürzen, ja durchaus Sinn machen könnten) im Vorfeld bewerten zu können, habe man beim Bundeskartellamt sowie bei der österreichischen Wettbewerbsbehörde angefragt. Die Vermarktung der Jalag- und Medweth-Objekte laufe unverändert weiter.

Im Interview mit HORIZONT (Ausgabe 32/2015 vom 6. August) erklärt der Aufsteiger seine Mission: Er möchte das "Inseldenken" aller Ganske-Sparten beenden, vor allem bei der Kundenansprache koordinierter – "nicht nur zufallsgetrieben wie bisher" – zusammenarbeiten und dafür im gesamten Haus einen "Kulturwandel anstoßen". Und im Digitalgeschäft will sich Kohlschein mit Verlegersohn Sebastian Ganske, 38, den der Senior bereits im Mai für eben jenes in den Holding-Vorstand geholt hat, "erst einmal auf ,Quick Wins‘ konzentrieren".

Am weitesten ausbuchstabiert sind Kohlscheins Pläne beim Jalag, den er nach der Rosskur der vergangenen Jahre – seit 2010 hat der Verlag seine Mitarbeiterzahl auf rund 200 halbiert – nicht (mehr) als Sorgenkind sieht; der Jalag schreibe operativ wieder schwarze Zahlen. HORIZONT Online dokumentiert an dieser Stelle einen kurzen Auszug aus dem Interview.

Herr Kohlschein, der Jalag hat zuletzt massiv abgebaut: 2010 wurden alle nicht leitenden Redakteure entlassen, seither arbeiten Sie nur noch mit freien Mitarbeitern. 2011 wurde die Vermarktung mit den Medweth-Verlagen zusammengelegt, 2012 „Prinz“ eingestampft, 2013 „Selber machen“ verkauft, 2014 Handelsvertrieb, Abo-Verwaltung und Syndication ausgelagert. Ja, der Jalag hat Jahre der notwendigen Konsolidierung hinter sich. Alle diese Schritte waren hart und schmerzlich – aber sie waren richtig für den Gesamtverlag. Deshalb stehe ich auch heute noch dazu, zu jeder einzelnen Entscheidung. Nicht nur, weil wir dadurch unsere Kosten in den Griff bekommen haben, sondern auch, weil wir an Flexibilität und Transparenz nach innen gewonnen haben. Das ist die Basis für das, was wir jetzt als nächstes vorhaben: Wir können und müssen im internen Zusammenspiel aller Bereiche koordinierter, umsichtiger und vorausschauender agieren, um nach außen hin die Kundenansprache zu verbessern.

Sie planen auch neue Produkte. Was genau? Zunächst wollen wir unser Pflichtprogramm fortsetzen, die permanente Weiterentwicklung der bestehenden Titel. Denn wer auf der Stelle tritt, der wird überholt. Nach dem aufwendigen Relaunch von "Vital" 2013/2014 und den eher evolutionären Verbesserungen bei "Für Sie" mitsamt den entsprechenden Maßnahmen in Marketing und Vertrieb werden wir in diesem Herbst kräftig in den "Feinschmecker" investieren. 2016 sind "A&W" und "Merian" an der Reihe. Außerdem setzen wir weiter auf Spin-Offs und Line Extensions unserer Marken.

Das war die Pflicht. Und die Kür? Wir haben uns bislang zu wenig darum gekümmert, welche neuen Produkte und Marken wir erschaffen können, indem wir unsere vorhandenen Inhalte neu zusammenstellen, auch für ganz neue Zielgruppen. Hier haben wir noch einiges vor. Außerdem verhandeln wir mit einem internationalen Verlagshaus schon sehr konkret über die Lizenzausgabe eines weltweit bekannten Luxusmagazins für den deutschen Markt.

Daneben hat man bei Ihrer Kundenmediensparte den Eindruck, dass Hoca CP bei dem Hype-Thema Content Marketing etwas den Anschluss verloren hat. Sie nennen das Stichwort: Hype-Thema. Corporate Publishing ist Content Marketing pur! Hoca CP bietet diese Kommunikationsleistungen schon seit über 20 Jahren an – und seit etwa 15 Jahren zusätzlich auf digitalen Kanälen, längst auch mit Mobile und Bewegtbild, wo wir uns zuletzt enorm verstärkt haben. Uns muss man da wirklich nichts Neues erklären. Die Debatte um Content Marketing nehmen wir eher als PR-Welle einzelner Wettbewerber wahr.

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