Gabriel-Scoop Wie der "Stern" sogar G+J überraschte, die "Zeit" überholte und den "Spiegel" düpierte

Donnerstag, 26. Januar 2017
Selbst bei G+J werden die meisten Mitarbeiter vom Scoop ihres Flaggschiffs überrascht
Selbst bei G+J werden die meisten Mitarbeiter vom Scoop ihres Flaggschiffs überrascht
© G+J

Mit seiner „Rücktritt“-Titelgeschichte über den SPD-Politiker Sigmar Gabriel hat „Stern“-Chefredakteur Christian Krug nicht nur den Scoop des jungen Wahljahres gelandet, sondern auch bei Timing und Inszenierung der Story alles richtig gemacht. Ein Medienkrimi mit einem Sieger – und ein paar Verwunde(r)ten anderswo.

Am letzten Sonntag fuhr „Stern“-Chefredakteur Christian Krug ins niedersächsische Goslar, was vielleicht keine Reise aus Hamburg wert gewesen wäre, wenn ihn dort nicht der Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel zuhause empfangen hätte. Man war verabredet, wieder mal. Über Monate waren Krug und Gabriel immer wieder im Kontakt, persönlich, per Telefon, per SMS. Krug ahnte wohl, dass Gabriel sich ihm an jenem Sonntag erklären wollte – vielleicht, dass er nicht als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antritt. Und als SPD-Chef zurücktritt.

Die logistisch teure Entscheidung, den Erscheinungstermin im Einzelhandel (für Abonnenten sollte es beim Donnerstag bleiben) auf Mittwoch vorzuziehen, war zwischen Krug und der Verlagsspitze bereits Mitte der Vorwoche gefallen. Vor dem Wochenende wurden die Chefs von Druckerei und Vertrieb ins Boot geholt.

Ein Zurück gab es danach nicht mehr, das wusste Krug, als er am Sonntag nach Goslar reiste. Daher wusste er wohl auch, was Gabriel ihm erzählen würde - oder nahm in Kauf, eben "nur" ein Gabriel- oder Kandidateninterview im Mittwochs-"Stern" zu haben, falls der Politiker sich noch nicht so geäußert hätte. Tat er aber und platzierte die Bombe. Montagnachmittag: vorgezogener Redaktionsschluss, danach Andruck. Nachts trafen die ersten gedruckten Vorab-Hefte in Hamburg ein. Der Kreis der Wissenden wurde größer. Und Krug immer gespannter.

Mit Gabriel hatte er vereinbart, am Dienstag eine Vorabmeldung zu bringen, nachdem der Politiker die Partei über seine Rücktritte informiert hat. Zeitgleich produzierte wenige Kilometer weiter östlich die „Zeit“ ihre Donnerstagsausgabe – mit einem Gabriel-Portrait, inklusive der entscheidenden News. Auch der stellvertretende „Zeit“-Chefredakteur Bernd Ulrich hatte Gabriel monatelang begleitet, auch ihm hatte sich der Politiker anvertraut. Die "Zeit", so hatte sie es mit dem SPD-Mann vereinbart, wollte Dienstagabend online gehen. Man darf vermuten, dass Krug/„Stern“ und Ulrich/„Zeit“ zunächst nichts von der Story des jeweils anderen wussten. Wenn man so will: Dann hätte Gabriel ein doppeltes Spiel gespielt. Und eines ohne "Spiegel", "Bild" und "SZ".

Dienstagmittag. Bekommt man Wind voneinander? Über Verlagsleute, die miteinander reden? Über Grossisten, bei denen die Hefte so langsam eintrudeln? Oder weiß Krug bereits von Gabriel, dass auch die „Zeit“ die Geschichte hat – und hat deshalb den Verkaufstermin vorgezogen? Im Verlag heißt es: Nein, das habe man nicht gewusst; man sei lediglich davon ausgegangen, dass die News nicht bis Donnerstag halten würde, nachdem Gabriel seine Partei am Dienstag informiert haben würde.

Wie auch immer: Folgte man der Grundsatzfrage „Cui bono?“ („Wem nützt es?“), dann hätte es spätestens am Dienstagmittag Akteure gegeben, die ein Interesse hatten, das alles zu beschleunigen. Fakten zu schaffen. Und womöglich speziell den „Stern“ (und nicht die „Zeit“) mit der Paukenschlag-Nachricht in Verbindung zu bringen, schon allein optisch über das markante Titelbild. Jedenfalls steckt jemand dem Mediendienst „Meedia“ das Cover zu, der es um 14:34 Uhr streut. Folgt man der „Cui bono“-These dagegen nicht, dann war alles irgendwie Zufall. Oder Fügung. Vielleicht ein politisch elektrisierter Druckerei- oder Grosso-Mitarbeiter, kann ja auch sein.

Und dann geht tatsächlich alles sehr schnell: Um 15:03 Uhr drückt die „Zeit“ vorzeitig auf den Knopf – die Meldung geht online. Dann hebt Gabriel laut Krug die vereinbarte Sperrfrist auf, der „Stern“ zieht um 15:19 Uhr online nach – und ist so schnell in aller Munde, wird rauf und runter zitiert, immer schon schön mit dem Cover. Selbst bei G+J werden die meisten Mitarbeiter vom Scoop ihres Flaggschiffs überrascht.

Auch bei Politikern, über die man berichte, „muss man fair miteinander umgehen – zum Beispiel, indem man Absprachen trifft und diese einhält, was wir bis zuletzt getan haben“, betont Krug im Nachklapp-Interview, wiederum mit „Meedia“. Es sind ja nicht "Stern"-Leute gewesen, die das Cover durchgestochen haben! Aber klar, trotzdem alles ganz gut gelaufen so: „Es gab schon schlechtere Tage für ,Stern‘-Chefredakteure als diesen Dienstag.“

Das mag auch daran liegen, dass im Zuge seines Scoops zwei andere Leitmedien ihr Fett wegkriegen: Zum einen der „Spiegel“, der am selben Dienstagabend das politische Berlin zum Empfang in die neuen Räume seines Hauptstadtbüros lud, und wohl alle redeten da über die Story des – „Stern“. Auch Gabriel war dort. Gegenüber dem „Spiegel“ hatte er zum Jahreswechsel noch den Eindruck erweckt, dass er kandidiere. Und noch am selben Dienstagmorgen hat Spiegel Online suggeriert, dass Gabriel antrete. „Welchen Eindruck die ,Spiegel‘-Kollegen hatten und wie sie zu ihren Einschätzungen kamen, kann ich wirklich nicht beurteilen“, so Krug jetzt, im Subtext süffisant.

Und „Bild“, die am 10. Januar titelte: „Gabriel hat sich entschieden: Er macht's“. Noch am Dienstagabend seines Rücktritts erklärt „Bild“, warum man falsch lag und entschuldigt sich, begleitet von der üblichen Häme derer, die selber sicherlich immer alles richtig einschätzen.

Vorerst letzter Akt der Inszenierung: Im Video erklärt Krug am Mittwochabend, wie die Story entstand. Und darf nun hoffen, dass sich die Massen der eigenen und anderweitigen Begleitberichterstattung (hatte man bis Dienstagabend nicht schon so viel gelesen?) sowie der „Stern“-Zitierungen am Ende auch in jener Währung auszahlen, die ebenfalls nicht ganz unwichtig ist neben den verdienten Image-Lorbeeren: den Abverkäufen. rp

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