G+J-Chefin Julia Jäkel "Magazine, die wir gerne zu 100 Prozent hätten, können wir nicht kriegen"

Freitag, 20. Januar 2017
Julia Jäkel
Julia Jäkel
© Jorinde Gersina / Gruner + Jahr

Sie gehört zu den Evergreens jeder Hintergrundstory über die Verhältnisse beim „Spiegel“: Die Vermutung, dass Gruner + Jahr, seit langem mit 25,5 Prozent am Nachrichtenmagazin beteiligt, den „Spiegel“ doch sicher am liebsten ganz übernehmen wolle. Natürlich hat das kaum ein G+J-Chef je so ausgesprochen, schon gar nicht vor der Presse. Auch die derzeitige Verlagschefin Julia Jäkel hat dies jetzt nicht getan. Oder?

Donnerstagabend, Hamburg, Steigenberger Hotel, Raum Süderelbe. Der Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten (CHW) hat diesmal G+J-Chefin Julia Jäkel zur presseöffentlichen Diskussion gebeten. Es geht um die Geschäfte 2016 (mindestens stabil), die Erwartungen für 2017 (zuversichtlich), die digitale Transformation (läuft), den Umzug in einen Neubau vis-à-vis dem „Spiegel“ (geplant für 2021) und, ganz grundsätzlich, um Akquisitionspläne in rauer werdenden Vertriebs- und Print-Werbemärkten: „G+J will Konsolidierungstreiber sein.“

Dann die Frage eines Journalisten: Ob in diesen politisch spannenden Zeiten und angesichts der erklärten Gründungs- und Kauflaune des Hauses G+J nicht auch mal ein Politik- oder Wirtschaftsmagazin zu erwarten wäre, neben allen neuen Frauen-, Koch- und Landheften? Jäkel verweist auf die schwierigen Märkte im Politik- und Wirtschaftssegment, gerade für Neugründungen. Schließlich: „Und Magazine, die wir gerne zu 100 Prozent hätten, können wir nicht kriegen.“ Ahnendes Schmunzeln in Teilen des Publikums, Nicken von Jäkel.

Um es klar zu sagen: Der Name „Spiegel“ (bei dem auch das „Manager Magazin“ erscheint) fällt bei dieser kokettierenden Aussage nicht. Und steht dennoch groß im Raum. Der „Spiegel“ gehört zu 50,5 Prozent seinen Angestellten, organisiert in der Mitarbeiter KG, für die ein Anteilverkauf bisher kein Thema war. Dies könnte sich bei weiter rückläufigen Umsätzen, Gewinnen und Ausschüttungen (bei geringen Rücklagen) aber irgendwann einmal ändern – und dann, so die alte neue Vermutung, könnte G+J gerne bereit stehen. 24 Prozent des „Spiegel“ gehören den vier Augstein-Erben, von denen drei als verkaufswillig gelten – wenn denn der Preis stimmt. Diese Anteile allein würden G+J jedoch noch keine Hoheit über den „Spiegel“ bringen.

Ein G+J-Sprecher sagt dagegen am Freitag: Nein, mit dieser 100-Prozent-Aussage habe Jäkel nicht den "Spiegel" gemeint. An Spekulationen, welcher Titel denn stattdessen gemeint war, wolle er sich nicht beteiligen.

Außerdem äußerte sich Jäkel beim CHW erstmals zur Grundsatzfrage, ob Plattformen wie Facebook als auch inhaltlich verantwortliche Quasi-Medien oder als inhaltlich neutrale Distributoren („Grosso“) angesehen und herbeireguliert werden sollten. Axel-Springer-Chef und BDZV-Präsident Mathias Döpfner neigt bekanntlich der letzteren Ansicht zu. Die meisten Verlage stecken dagegen noch mitten in ihrer Meinungsbildung. Und G+J?

„Ich bin da anderer Meinung als Mathias Döpfner“, sagt Jäkel – auch wenn sie die Sorge vor einem Facebook mit eigener Redaktion teile; das sei nicht die Aufgabe der Plattform. Diese als Grosso zu sehen, hält sie indes für ebenso falsch. Facebook sei mehr als nur Infrastruktur. „Jetzt ist aber erstmal nicht der Gesetzgeber gefragt, sondern Facebook selber.“

Daher sieht Jäkel die künftige Faktencheck-Kooperation mit Correctiv als Schritt in die richtige Richtung und fordert zugleich „echte Partnerschaften“ mit den Medien, die die Inhalte liefern, mit denen Facebook über Werbevermarktung Geld verdient. Hier begrüßt sie das jüngste Entgegenkommen der Plattform bei der Aufteilung der Video-Werbeerlöse. „Wir brauchen eine breite ökonomische und gesellschaftliche Debatte über diese Themen“, sagt die G+J-Chefin, für die sie auch die Werbewirtschaft mit in die Pflicht nehmen möchte. rp

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