G20 Gipfel Wie Ex-"Stern"-Chefredakteur Dominik Wichmann über den "Spiegel" lästert

Montag, 10. Juli 2017
Dominik Wichmann kritisiert den "Spiegel"
Dominik Wichmann kritisiert den "Spiegel"
Foto: Hubert Burda Media

Wochenmagazine haben es im Always-On-Zeitalter nicht gerade leicht. Während die Kollegen aus den TV- und Online-Redaktionen rund um die Uhr berichten können, sitzt den Blattmachern in der Regel eine unnachgiebige Druckerei im Nacken, die pünktlich liefern muss. Dass das ein politisches Wochenmagazin ganz schön in die Bredouille bringen kann, erfahren gerade die Verantwortlichen des "Spiegel", der ausgerechnet am politisch hochbrisanten Wochenende des G20-Gipfels in Hamburg mit einem Gesundheitsthema aufmacht. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Ex-"Stern"-Chefredakteur Dominik Wichmann bezeichnet den "Spiegel"-Titel auf Facebook als "sehr einfallslos, schlecht und geradezu peinlich". 

"Der Ernährungskult: Essen oder nicht essen?", lautet die Schlagzeile auf dem aktuellen "Spiegel"-Titel. Darunter ist ein saftiger Burger mit der Unterzeile "Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Essen" abgebildet. Mit der Geschichte greift der "Spiegel" ein Thema auf, das - keine Frage - viele Menschen interessiert. Normalerweise. Wenn eben nicht gerade G20-Gipfel ist und ausgerechnet Hamburg - wo der "Spiegel" auch noch ansässig ist - von wütenden und randalierenden G20-Gegnern verwüstet wird. 
Der aktuelle "Spiegel"-Titel sorgt für Diskussionen
Der aktuelle "Spiegel"-Titel sorgt für Diskussionen (Bild: Der Speigel)
Mit Dominik Wichmann hat sich nun jemand zu Wort gemeldet, der als ehemaliger Chefredakteur des "Stern" das Geschäft von Wochenblättern kennt. Gleichwohl fällt seine Kritik ungewöhnlich scharf aus. "Wenn man sich vielleicht irgendwann beim Spiegel-Verlag mal ernsthaft die Frage stellen sollte, warum die Auflage so dramatisch zurückgeht, warum eigentlich alle so genannten Innovationen des Verlags wie beispielsweise eine TV-Zeitschrift oder ein Rentner-Magazin von den potentiellen Kunden eben nicht als Innovation und Kaufgrund, sondern als Ausdruck inspirationsloser, marktferner Verlagsstrategien empfunden und entsprechend ignoriert wird, womöglich hebt dann einer mal schüchtern die Hand und sagt: Vielleicht liegt es auch daran, dass wir als ein in Hamburg produziertes Nachrichtenmagazin an dem Wochenende, an dem sich vor unserer Redaktion die Bedeutung von Politik und Gesellschaft in seiner krassesten und erklärungsbedürftigsten Form entfaltete, dieses Titelthema als das wichtigste Titelthema dieses Wochenendes erachtet haben", schimpft er in einem Facebook-Post, dem das aktuelle "Spiegel"-Cover angehängt ist. 

In der Debatte, die sich anschließend mit Branchengrößen wie Oliver von Wersch (Ex Gruner + Jahr), Ex-"Focus"-Chef Jörg Quoos und Verlegersohn Konstantin NevenDumont entzündet, wird Wichmann noch konkreter. So räumt er zwar ein, dass ein Wochentitel das gestern Geschehene nicht am nächsten Tag abbilden könne. Allerdings müsse ein angesehenes Magazin zum G20-Gipfel schon einen Titel bringen, der mit dem "allgegenwärtigen Themenspektrum dieses Wochenendes" ansatzweise etwas zu tun habe. "Und ein solches Vorgehen hat auch nichts mit blattmacherischem Voodoo zu tun, sondern schlichtweg mit: Handwerk. Das, was wir Leser hier vom Spiegel auf dem Cover zu diesem Zeitpunkt präsentiert bekommen, ist nunmal sehr einfallslos, schlecht und geradezu peinlich", so Wichmann weiter. 

Wichmann
Bild: Hubert Burda Media

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Auch wenn die "Spiegel"-Macher bei der Auswahl des Titels diesmal sicher kein glückliches Händchen bewiesen haben - das Thema G20 hätte man auch in einem größeren Zusammenhang beleuchten können - , so ganz gerecht ist die Kritik Wichmanns nicht. Denn der Ex-"Stern"-Mann, der seine Brötchen inzwischen als Content-Marketer bei Mercedes-Benz verdient, vergisst, dass der "Spiegel" eben nicht nur Print ist. Sondern auch Online. Und wer die Berichterstattung auf Spiegel Online am Wochenende verfolgt hat, der wird sich angesichts des enormen Aufwandes, den die Redaktion betrieben hat, sicher nicht über ein zu geringes Informationsangebot zum G20-Gipfel beschweren. 

Barbara Hans, Florian Harms
Bild: Spiegel Gruppe

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Was Wichmann offenbar auch ein wenig vergisst, ist seine eigene Vergangenheit als Chefredakteur eines Wochenmagazins. Denn als "Stern"-Chefredakteur hatte auch er mit dem Aktualitätsproblem zu kämpfen. Zum Beispiel im September 2013, als der "Stern" einen Text veröffentlichte, der beschreiben sollte, was in den letzten zwei Tagen vor der Bundestagswahl 2013 passieren würde. Bloß dass aus diesem "Vorabprotokoll" dann eine Reportage wurde, die nicht etwa Pläne, Absichten und Möglichkeiten, sondern Tatsachen schilderte. Mit diesem faktenfreien, spekulativen Journalismus hat sich Wichmann damals in der Medienbranche nicht nur Freunde gemacht. "Das kann man natürlich so machen. Allerdings nur um den Preis der Seriösität", schrieb damals Medienjournalist Stefan Niggemeier.

"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer jedenfalls kann die ganze Aufregung nicht verstehen. "Wir waren schnell und haben bereits mit gleich zwei Titeln, einem über Hamburg und einem über die Globalisierung, das Thema G20-Gipfel gewürdigt, und wir berichten seit Jahren und ständig über Freihandel, Klima, alle wichtigen Aspekte der Weltpolitik", erklärt er gegenüber HORIZONT Online. "Auch in dieser Woche gibt es wieder einen großen, prominent auf dem Titel angekündigten G20-Teil, unter anderem ein Spiegel-Gespräch mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau", so Brinkbäumer weiter. Zudem hätten Spiegel Online und Spiegel TV umfassend berichtet. mas

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