G20 / Medien-Countdown Radio Hamburg bestellt Personenschutz für Reporterinnen und redet mit Werbekunden

Freitag, 30. Juni 2017
Auch auf der Website von Radio Hamburg ist der G20-Gipfel das große Thema
Auch auf der Website von Radio Hamburg ist der G20-Gipfel das große Thema
Foto: Screenshot

Nicht nur bei der Polizei, auch bei den Hamburger Lokalmedien herrscht zum G20-Gipfel am 7./8. Juli der Ausnahmezustand. Der Countdown zum G-Day startet schon jetzt. Radio Hamburg etwa plant mit zwei- bis dreifacher Besetzung der normalen Redaktionsschichten und hat für seine weiblichen Außenreporter Personenschutz bestellt.

Außerdem will der Privatsender seinen Heimvorteil nutzen und anderen Stationen bundesweit O-Töne, Interviews und Reportagen anbieten. Schon jetzt gibt es im eigenen Programm politische Vorberichte, eine Sonderwebsite mit Verkehrsinfos inklusive dem Blog einer Polizistin und Appell-Spots bekannter Senderstimmen ("Geht gern demonstrieren, aber bleibt friedlich!"). Kürzlich hatte man Hamburgs Innensenator eine Stunde live zu Gast in der Morningshow, parallel auf Facebook verfolgt von knapp 18.000 Personen.

"Auf diese Weise erläutern wir den Menschen, die ja mit den Auswirkungen wie Straßensperrungen und anderen Einschränkungen konfrontiert sind, den Sinn dieses Treffens der Weltgemeinschaft", sagt Programmdirektor und Geschäftsführer Marzel Becker: "Dabei wollen wir die Meinungsvielfalt der Hamburger fair und ausgewogen abbilden."
Radio-Hamburg-Chef Marzel Becker
Radio-Hamburg-Chef Marzel Becker (Bild: Radio Hamburg)
#Drei Fragen müssen Hamburgs Medien generell für sich klären:
(1) Inwieweit begrüßt man, dass sich die rund 10.000 Teilnehmer (darunter polarisierende Staatschefs wie Trump, Erdogan und Putin, Stäbe und Sicherheitsleute aus 35 Ländern plus Journalisten), 17.000 Polizisten aus allen Bundesländern und bis zu 100.000 Demonstranten unklarer Gewaltbereitschaft ausgerechnet in Hamburg gipfeln?
(2) Möchte man eher Anwalt und Sprachrohr sein der von Straßensperren und Hubschrauber-Dauerlärm genervten Hamburger? Oder als Vermittler erklären, warum das alles nötig sei?
(3) Auf was will man sich als Lokalredaktion konzentrieren: Aufs offizielle Gipfelprogramm? Auf den Glamour der Polit-Prominenz? Die Behinderung des Stadtlebens? Die Protest-Szene?

"G20 in Hamburg bietet uns die Möglichkeit, den Hörern mit Hamburg-Bezug wichtige politische Themen nahe zu bringen, die sonst oft zu kurz kommen", sagt Chefredakteur Markus Steen und nennt die Gipfel-Themen Afrika, Klimaschutz, digitaler Wandel und Terrorismus. Und "wie in einer guten Demokratie üblich, herrscht auch bei uns im Team Meinungsvielfalt über das Ereignis": Manche Kollegen seien genervt, manche gehen zu Demos und andere fänden, dass eine weltoffene Stadt der richtige Gastgeber für die Welt sei.

Radio Hamburg sei das Sprachrohr für alle. Jeder dürfe zu Wort kommen, solange er seinen Standpunkt friedlich äußere. "Es ist nicht die Aufgabe eines unabhängigen, überparteilichen Mediums wie Radio Hamburg, sich auf eine Seite zu stellen", so Steen. Im Programm wolle man in erster Linie über die Auswirkungen von G20 berichten, mit Nutzwert für die Hörer.

Das Werbegeschäft des Senders schickt der Gipfel indes mal kurz auf Talfahrt, da der Innenstadt-Einzelhandel seine Verkaufsaktionen vorverlegt hat. "Da der Handel prozentual von einem zweistelligen Umsatzrückgang an den beiden Tagen ausgeht, ist dies verständlich", sagt Andreas Rohde, Verkaufsdirektor des Vermarkters More Marketing. Und wegen möglicher Krawall-Berichte als Werbeumfelder habe man "im Vorfeld aktiv" das Gespräch mit Werbe- und Sponsoring-Kunden gesucht. rp

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