Funke-Chef Manfred Braun "Der Markt braucht eine weitere Konsolidierung"

Freitag, 04. Dezember 2015
Funke-Chef Manfred Braun
Funke-Chef Manfred Braun
Foto: Funke

Wie groß und wichtig wird Media Impact (MI), der gemeinsame Vermarkter von Axel Springer und Funke? Im Interview mit HORIZONT Online gibt Funke-Chef Manfred Braun die Richtung vor: "Die größte Herausforderung ist, dass MI sich als neutraler Portfolio-Vermarkter und nicht als Verlags-Vermarkter darstellt. Diesen Reset-Knopf muss MI drücken. Wenn uns das gelingt, kann das für die gesamte Branche ein wichtiger Schritt sein."  Soll heißen: MI ist bereit für weitere Vermarktungsmandanten. Denn, so Braun: "Ich glaube, dass wir in der Vermarktung eine weitere Konsolidierung brauchen."
In diesem Jahr hatte MI vor allem mit Personalien für Schlagzeilen gesorgt. Nach dem Scheitern des früheren Havas-Chefs Andreas Geyr schickte Springer Christian Nienhaus an die Spitze. Der frühere Co-Chef von Funke soll für die richtige Aufstellung sorgen und den Vermarkter auf Effizienz trimmen. Ihm zur Seite in der Geschäftsführung stehen künftig die bisherigen Funke-Manager Harald Wahls und Daniela Sakowski. Der Erfolgsdruck ist enorm, Braun sagt: "Für Funke ist MI eine gewaltige Chance, aber auch ein großes wirtschaftliches Risiko. Wir bringen unsere Zeitungen und Zeitschriften ein, MI ist für uns absolut existenziell." Und auf die Frage, ob er keine Sorge habe, dass bei der Asmi-Nachfolgeorganisation zu sehr die wirtschaftlichen Belange von "Bild" im Vordergrund stehen könnten: "Genau das wird sich im nächsten halben Jahr zeigen, das ist in der Tat die große Bewährungsprobe."

Braun äußert sich in dem Interview auch über den nationalen Tageszeitungsvermarkter Lotus, hinter dem eine Reihe von deutschen Verlagen stehen, und die Zukunft der Tageszeitungen. Hier fordert er tiefgreifende Reformen: "Wir haben den Redaktionen 30 Jahre lang erzählt: Ändert so wenig wie möglich an der Zeitung, die Menschen wollen das nicht. Daran glaube ich nicht mehr." Maßgabe bei Funke sei es, "das Angebot an zielgruppenspezifischen Produkten massiv auszubauen". Und zu dem Gemeinschaftsprojekt Lotus: "Mein Eindruck ist, dass alle verstanden haben: Wenn wir diese Chance jetzt nicht nutzen, gehen wir in der nationalen Vermarktung schweren Zeiten entgegen. Alle sind bereit, ihre Partikularinteressen hinten anzustellen."

Zum wirtschaftlichen Ergebnis von Funke will Braun keine konkreten Zahlen nennen. Man schreibe einen ordentlichen Gewinn und habe alle wichtigen Planzahlen erreicht. Der Funke-Chef: "Alles wäre großartig, wenn uns der Mindestlohn nicht in die Quere gekommen wäre. Das belastet uns in einer Größenordnung von 20 bis 30 Millionen Euro."

Manfred Braun...

...zur personellen Aufstellung bei Media Impact:

"Ich bin überzeugt, dass wir die richtige Konstellation gefunden haben. Mit Christian Nienhaus steht jetzt ein erfahrener Verlagsmanager an der Spitze, der Springer und Funke seit vielen Jahren kennt. Er ist der ideale Mann, MI organisatorisch richtig aufzustellen. Daniela Sakowski ist eine begnadete Vermarkterin von Zeitschriften und hat eine unglaubliche Power. Sie macht nicht groß Politik, sondern arbeitet einfach, und das mit einer Geschwindigkeit, die alle verdutzt. Harald Wahls kennt das Zeitungsgeschäft wie kaum ein Zweiter und ist ein sehr guter Stratege. Nach ein paar Umwegen ist MI jetzt perfekt aufgestellt. Das gilt auch für die zweite Managementebene."

...zur Bedeutung von Media Impact für Funke:

"Für Funke ist MI eine gewaltige Chance, aber auch ein großes wirtschaftliches Risiko. Wir bringen unsere Zeitungen und Zeitschriften ein, MI ist für uns absolut existenziell. Es darf nicht passieren, dass beim „Hamburger Abendblatt“ oder anderen Titeln plötzlich der nationale Vermarktungsumsatz zurückgeht. Die größte Herausforderung ist, dass MI sich als neutraler Portfolio-Vermarkter und nicht als Verlags-Vermarkter darstellt. Diesen Reset-Knopf muss MI drücken! Wenn uns das gelingt, kann das für die gesamte Branche ein wichtiger Schritt sein."

...über Wachstumsperspektiven von MI:

"Ich glaube, dass wir in der Vermarktung eine weitere Konsolidierung brauchen. MI ist der drittgrößte deutsche Vermarkter, aber wenn Sie den gesamten Werbemarkt in den Blick nehmen, doch relativ klein. Man muss sehen, was kartellrechtlich möglich ist, um eine Brücke zu weiteren Vermarktungsvolumina zu bauen. Es geht jetzt erst einmal darum, MI richtig zu positionieren und das operative Geschäft voranzutreiben. Aber wenn ich eine Karte malen dürfte, wie die Vermarktungslandschaft einmal aussehen könnte, wäre ein wichtiges Element die Zusammenarbeit von MI und dem neuen Tageszeitungs-Vermarkter Lotus."

...über die Bedeutung des nationalen Tageszeitungsvermarkters Lotus:

"Bei der letzten BDZV-Tagung in Regensburg haben die beteiligten Geschäftsführer und Verleger ein Letter of Intent unterzeichnet, in den nächsten zwei, drei Monaten soll der neue Vermarkter starten. Mein Eindruck war, dass alle verstanden haben: Wenn wir diese Chance jetzt nicht nutzen, gehen wir in der nationalen Vermarktung schweren Zeiten entgegen. Alle sind bereit, ihre Partikularinteressen hinten anzustellen. Und es kann auch nicht mehr darum gehen, dass ein Manager, den wir für Lotus einstellen wollen, nicht in irgendein Gehaltsgefüge passt."

...über das Geschäftsjahr 2015:

"Wir haben unsere Planzahlen erfüllt und schreiben einen Gewinn - den brauchen wir aber auch dringend, um die Zukunft unserer Mediengruppe zu sichern. Alles wäre großartig, wenn uns der Mindestlohn nicht in die Quere gekommen wäre. Das belastet uns in einer Größenordnung von 20 bis 30 Millionen Euro. Im Westen kann man die neuen Regelungen halbwegs abfedern, aber für Ostdeutschland ist der Mindestlohn wirklich eine Katastrophe. Da sind viele Regionalausgaben bedroht. Ich halte das auch gesellschaftspolitisch für sehr bedenklich und unglaublich leichtsinnig. Das ist eine Sache, die mich wirklich maßlos geärgert hat in diesem Jahr."

...über die Lage der Tageszeitungen:

"Im Vergleich zu 2014 hat sich die Situation deutlich stabilisiert, vor allem auch in NRW, was für uns besonders wichtig ist. Die Zeiten der zweistelligen Umsatzrückgänge im Anzeigengeschäft sind vorbei. Ich bin aber überzeugt, dass wir über vieles ganz neu nachdenken müssen. Ein Weg, auf den ich setze, ist das Angebot an zielgruppenspezifischen Produkten massiv auszubauen."

...über neue Produkte bei Tageszeitungen:

"Ich sage nicht, dass das Konzept der regionalen Tageszeitung generell überholt ist. Es muss aber dringend ergänzt werden. Das können Publikationen zu bestimmten Themen sein, aber auch spezielle Medien für junge Leser oder Sportinteressierte oder auch Newsletter für einzelne Stadtteile. Es gibt so viele Ideen, die wir noch umsetzen können! Wir haben den Redaktionen 30 Jahre lang erzählt: Ändert so wenig wie möglich an der Zeitung, die Menschen wollen das nicht. Daran glaube ich nicht mehr. Umso mehr glaube ich aber daran, dass das Medium Tageszeitungen noch sehr viele Möglichkeiten hat. Deswegen ist mir um die Zukunft auch überhaupt nicht bang."

...über die neue Funke-Zentralredaktion in Berlin:

"Solch ein Projekt klappt nur dann, wenn Sie die richtigen Leute in so einer Zentralredaktion sitzen haben, die nicht hochmütig sagen: „Jetzt zeigen wir Euch in der Provinz, wie richtiger Journalismus funktioniert!“ Was Sie brauchen, ist eine Chefredaktion, die sich dem Dienstleistungsgedanken verpflichtet fühlt. Und sie brauchen bei den Regionaltiteln Chefredakteure, die bereit sind, ihre regionalen Inhalte national zu spielen. Wenn Sie sehen, wie die Funke-Titel am Montag nach den Terroranschlägen in Paris berichtet haben: Das hätten wir in dieser Qualität niemals aus einer Redaktion alleine hinbekommen. Darauf bin ich wirklich stolz. Die Bilanz nach den ersten paar Monaten zeigt, dass die Entscheidung mit Berlin goldrichtig war. Das ist auch eine Ermutigung, weiter in diese Richtung zu gehen."

...über weitere zentrale Redaktionsteams bei Funke:

"Ich kann mir sehr gut Kompetenzcenter für einzelne Bereiche vorstellen. Und die müssen dann ja nicht zwingend in Berlin oder Essen sitzen. Bei Zeitschriften haben wir das längst, hier gibt es spezialisierte Redaktionsteams für Themen wie Beauty, Fashion, Gesundheit oder Reise. Für Journalisten ist das natürlich ein schwieriger Schritt, nicht mehr für einen bestimmten Titel zu schreiben. Ich sage dann immer: Dein Ziel muss es sein, der Beste in deinem Bereich zu sein, du musst jetzt viel tiefer in deinen Themen drin sein als bisher. Das ist ein ganz neues Berufsethos, das da entsteht. Für das Hauptgericht ist aber weiter die Kernredaktion zuständig. Und das Hauptgericht ist bei Tageszeitungen die regionale Berichterstattung."

Interview: Jürgen Scharrer
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