Führungskrise beim Spiegel Wie Giovanni di Lorenzo fast "Spiegel"-Chef wurde

Dienstag, 21. Oktober 2014
Die Zukunft des "Spiegel" beschäftigt die Branche
Die Zukunft des "Spiegel" beschäftigt die Branche
Foto: Foto: Jürgen Herschelmann

Weiterhin Zeitläufte statt Spiegelfechtereien: Seit etwa fünf Wochen planen die "Spiegel"-Gesellschafter die Zukunft ohne den amtierend umstrittenen Chefredakteur Wolfgang Büchner. Sie suchen einen Nachfolger. Einig werden konnten sie sich nur bei einem Kopf - "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der ewige Wunschkandidat. Tatsächlich schien es diesmal zu klappen; er galt als bereit zum Wechsel. Doch nach einem angeblichen Treffen mit Jakob Augstein soll di Lorenzo abgesagt haben. Und alle sind jetzt wieder Verlierer.

Giovanni di Lorenzo
Giovanni di Lorenzo (Bild: Die Zeit)
Die Situation ist ja bekannt: Die Gräben zwischen Büchner und großen Teilen der Print-Redaktion gelten mittlerweile als so tief, dass auch die "Spiegel"-Gesellschafter - Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5) und die Augstein-Erben (24) - nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft glauben. Bei dem Gezerre geht es nicht nur um Details und Zeitplan von Büchners digitalem Umbaukonzept "Spiegel 3.0", sondern auch um seine grundsätzliche Eignung für diesen Posten. Dabei treibt manche Büchner-Gegner sicher nicht nur die ehrliche Sorge um den "Spiegel" um, sondern auch die um eigene Macht und Pfründe. Zuletzt: Nur noch gegenseitige Blockaden und Provokationen. Die Gesellschafter mussten handeln.
Ove Saffe
Bild: Foto: Olaf Ballnus

Mehr zum Thema

Ove Saffe zum Chefredakteurs-Zoff Der bewusste Eiertanz des Spiegel-Geschäftsführers

Das Problem nur: Wer wäre ein besserer Chefredakteur? Beim "Spiegel" wäre nur der- oder diejenige halbwegs unumstritten, der oder die alles in sich vereint: politischer Kopf (bitte im Zweifel linksliberal!), brillanter Schreiber, souveräner Blattmacher und Themen-Campagnero, diplomatisch leise ebenso wie durchsetzungsstark, zugleich innen und außen präsent, Print-Freund und Online-Stratege, als Change-Manager genauso behutsam wie effektiv, intimer "Spiegel"-Kulturkenner und gleichzeitig in der restlichen Medienwelt bewandert. Und, ganz wichtig, falls es wieder ein Mann sein sollte: ein Frauenversteher und Quotenbefürworter!

Doch solche Komplettkandidaten warten nicht an jeder Ecke. Vielleicht ja genau deshalb - oder weil man sich schon gut kennt und womöglich kaum Veränderungen befürchten muss – befürworten Teile der Print-Redaktion (von den Onlinern redet ohnehin niemand mehr, sie sind auch keine Gesellschafter) und auch Teile der fünfköpfigen Geschäftsführung der Mitarbeiter KG Kandidaten aus ihren Reihen. Der Rest der KG und auch der Veto-berechtigte Gesellschafter G+J sind aber dagegen. Sie befürchten bei einer internen Lösung strategischen Stillstand und möchten auch den Eindruck vermeiden, die Print-Redaktion würde sie vor sich hertreiben.

Allein auf einen Namen konnten sich die maßgeblichen Gesellschafter einigen, die fünf KG-Geschäftsführer intern als auch dann mit G+J: auf Giovanni di Lorenzo, seit über zehn Jahren Chefredakteur der Holtzbrinck-Wochenzeitung "Die Zeit". Glaubt man der Gerüchtehistorie in Hamburg, war di Lorenzo schon 2008 (als Nachfolger von Stefan Aust) und erneut 2013 (als Nachfolger von Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo) bevorzugter Kandidat für den "Spiegel"-Chefposten. Ob es damals tatsächlich Gespräche gab - unklar.

Aber jetzt. Nach HORIZONT-Infos aus gewöhnlich gut unterrichteten "Spiegel"-Kreisen gab es zielführende Gespräche von Thomas Hass, dem Sprecher der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG (im Hauptjob Vertriebschef), und G+J-Chefin Julia Jäkel, die den Kontakt aufgenommen hatte, mit di Lorenzo. Und eigentlich, so wird an der Ericusspitze erzählt, sei man sich bald einig gewesen. Di Lorenzo habe nur noch um ein Gespräch mit Jakob Augstein gebeten, dem Sprecher der Erbengemeinschaft. Allein aus atmosphärischen Gründen, nicht mehr, denn die Augsteins haben mit ihren 24 Prozent beim "Spiegel" nichts mehr zu sagen.

Am vorvergangenen Freitag soll dieses Gespräch stattgefunden haben - und gleich am Montag danach soll di Lorenzo dann doch plötzlich abgesagt haben, angeblich mit Bezug auf das Gespräch mit Augstein, den einzelne "Spiegel"-Leute, Zeitungen und ein Mediendienst immer gerne mal als möglichen Chefredakteur ins Spiel bringen. Was genau war da los an jenem Freitag? Sehr vereinzelt ist auch noch eine alternative Version der Geschichte zu hören: Danach habe di Lorenzo abgesagt, ohne dass ein Gespräch mit Augstein stattgefunden habe.

Außerdem sei es zuvor gar nicht um Büchners Absetzung gegangen – man wolle schließlich sein digitales Know-how erhalten -, sondern um eine Doppelkonstruktion: di Lorenzo als Chefredakteur mit Hoheit übers Blatt und über alle Inhalte, Büchner als oberster Change-Manager mit Zugriff auf die Strukturen. Klingt eigentlich zu kompliziert, um wahr zu sein. Unklar ist außerdem, inwieweit Geschäftsführer Ove Saffe, der Büchner und sein Konzept immer stark unterstützt hat, über alles das informiert und involviert war und ist.

HORIZONT hat am Montagabend zwischen 20 Uhr und 20:40 Uhr allen beteiligten Parteien (Mitarbeiter KG, G+J, Jakob Augstein, Spiegel-Verlag, Giovanni di Lorenzo) detaillierte Fragen zum Geschehen geschickt, mit Bitten um Stellungnahmen – und hätte gerne die Antworten aller Parteien vor einer Veröffentlichung brav abgewartet. Doch so ein Zufall: Fast postwendend, zwei Stunden nach dem Verschicken der HORIZONT-Mails, ging ein Mediendienst mit einer Geschichte online, ohne Hinweise darauf, den Beteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben zu haben. HORIZONT wird das weiterhin tun und die Stellungnahmen an dieser Stelle nachliefern, sobald sie eintreffen.

Update I, Dienstag 10 Uhr: KG-Chef Thomas Hass möchte sich "zu Personalspekulationen nicht äußern". G+J will sich "als Minderheitsgesellschafter grundsätzlich nicht öffentlich zu Angelegenheiten im Kontext ,Spiegel' äußern", so ein Sprecher.
Update II, 11:45 Uhr: Eine "Spiegel"-Sprecherin betont, nicht für die Gesellschafter sprechen zu können. Und für die Geschäftsführung des Verlags "ist die Neubesetzung der Chefredaktion kein Thema, sie steht unverändert hinter dem amtierenden Chefredakteur und seinem Konzept 'Spiegel' 3.0". Jakob Augstein und Giovanni di Lorenzo waren für offizielle Stellungnahmen nicht zu erreichen.

Wie auch immer: Jetzt steht der "Spiegel" wieder zurück auf "Los". Nur, dass alle ein bisschen (mehr) beschädigt sind: Die Chefs der Mitarbeiter KG und Jäkel, weil sie di Lorenzo am Ende doch nicht gekriegt haben. Speziell G+J und Jäkel, weil sie bald als Blockierer dastehen könnten, wenn wieder interne Nachfolgelösungen diskutiert werden. Augstein, weil er zumindest im Verdacht steht, di Lorenzo vergrault zu haben. Di Lorenzo, weil man bei der "Zeit" und bei Holtzbrinck nun weiß, dass er mit dem "Spiegel" zumindest geliebäugelt hat. Jeder Büchner-Nachfolger, der gegen das Stigma der zweiten Wahl ankämpfen muss. Saffe, der in diesem ganzen Spiel seltsam unbeteiligt wirkt (oder ist). Und Büchner, der (und von dem man) nun weiß und nicht nur ahnt, dass er den Rückhalt der Gesellschafter verloren hat. rp

Meist gelesen
stats