Print-Redaktion gegen Chefredakteur Büchner "Spiegel"-Gesellschafter vor der Entscheidung: Koste es, was es wolle

Freitag, 19. September 2014
Tage der Entscheidung an der Ericusspitze
Tage der Entscheidung an der Ericusspitze
Foto: Foto: Der Spiegel

Beschwerdetermine, Brandbriefe, Kaltstell-Versuche unliebsamer Ressortleiter sowie KG-Kollegen: Der "Spiegel" lässt in diesen Wochen nichts aus, um sich vor den Augen einer fassungslosen Medienwelt als unführbar, stillos, Status-quo-orientiert und damit nur bedingt zukunftsbereit zu präsentieren. Die Gesellschafter müssen dieses Drama beenden – durch eine Entscheidung. Man ahnt mittlerweile, wie sie ausfallen wird. Schon jetzt steht fest: Es wird wahnsinnig teuer.

Seit Wochen stehen sie sich immer unversöhnlicher gegenüber: Hier Chefredakteur Wolfgang Büchner, seit seinem Start vor einem Jahr in der Print-Truppe sowieso umstritten. Er hat es bei seinem Versuch, die Heft- und Online-Redaktionen schnell zu verzahnen, von Anfang an versäumt, die Ressortleiter einzubinden – und es damit geschafft, auch Veränderungswillige gegen sich aufzubringen. Und auf der anderen Seite eben die Print-Ressortleiter, die Büchners Pläne – teils aus ehrlicher Sorge um das Bewährte, teils aber auch aus Sorge um eigene Macht und Pfründe – blockieren. Büchner antwortete mit Scheindiplomatie und Provokationen, die Ressortleiter, hinter ihnen zuletzt große Teile der Redaktion, mit Aufruhr und öffentlichen Affronts.

Bleibt er, geht er? "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner
Bleibt er, geht er? "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner (Bild: Foto: Carsten Milbret)
Wie zwei Munitionszüge rasen Büchner und seine Print-Unteroffiziere (von den Onlinern, die seine Pläne zum großen Teil unterstützen, redet niemand mehr) aufeinander los. Kaum einer kann sich jetzt noch vorstellen, wie beide Seiten eine gemeinsame Richtung einschlagen könnten. Die Gesellschafter müssen jetzt eingreifen, salomonische und interpretationsfähige Erklärungen reichen nicht mehr aus. Sie müssen einen der beiden Züge vom Gleis nehmen. Das heißt: Sie müssen Büchner absetzen – oder die Riege der Print-Ressortleiter, zumindest weitgehend. Die Kosten und Kollateralschäden sind in jedem Fall gewaltig.

Geht Büchner, schlägt weniger seine Abfindung zu Buche als vielmehr alle Folgekosten, materiell und immateriell: Mit ihm würden – ebenfalls hoch abgefunden – wohl ein paar Gefolgsleute gehen, allen voran Berlin-Chef Nikolaus Blome. Kämpfe um die Neuverteilung der Macht würden beginnen, Print-intern und mit Online, und alles schön öffentlich. Der „Spiegel“ würde Zeit verlieren bei seiner digitalen Transformation und Gefahr laufen, seinen (dank bisher erfolgreicher Print- und Online-Ausgaben) Vorsprung zu verspielen.

Ebenso öffentlich würde die Nachfolgersuche über die Bühne gehen – ein Prozess, bei dem der „Spiegel“ früher nicht vor Peinlichkeiten gefeit war, Stichwort Claus Kleber. Und: Wer wollte den Job dann noch haben, wo doch jetzt der Letzte im Lande weiß, wie wenig er verändern kann gegen oft kurzfristige persönliche Interessen von Mitarbeitern, die als Gesellschafter damit wohl nicht immer langfristige Unternehmensinteressen verfolgen.

Wenn man die nach innen und außen eher strategischen Stillstand als Aufbruch signalisierende interne Lösung verwirft, das von der Print-Redaktion gewünschte frühere Interims-Duo Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry als Chefs zu installieren, dann sollte es schon eine Mischung aus Supermann und Kamikaze-Karrierist sein, die der „Spiegel“ da suchen müsste. Supermann deshalb, weil er alles sein und können muss, was man bei Büchner meist vermisste: politischer Kopf, brillanter Schreiber, souveräner Blattmacher und Themen-Campagnero, diplomatisch leise ebenso wie durchsetzungsstark, zugleich innen und außen präsent, Print-Freund und Online-Stratege, und als Change-Manager genauso behutsam wie effektiv. Viel Glück bei der Suche.

Sein Schicksal hängt an dem von Wolfgang Büchner: Nikolas Blome
Sein Schicksal hängt an dem von Wolfgang Büchner: Nikolas Blome (Bild: Foto: Axel Springer)
Vor allem ist es nicht ausgeschlossen, dass bei einer Demission Büchners auch Geschäftsführer Ove Saffe gehen muss oder gehen will. Er hat Büchner zum „Spiegel“ zurückgeholt („unser Wunschkandidat“), er unterstützt ihn, sein Konzept und auch seine Detailpläne intern und öffentlich. Saffe hat sein Schicksal gewissermaßen mit dem Büchners verknüpft. Käme es so, stünde der „Spiegel“ plötzlich ohne Chefredakteur und Geschäftsführer da, und das in diesen Zeiten. Abgesehen noch von der zusätzlichen Abfindung für Saffe, dessen Vertrag bis Ende 2017 läuft.

Und was ist mit Plan B? Wenn die Gesellschafter Büchner den Rücken stärkten, die Print-Ressortleiter zu entmachten, auf Redakteursstatus zu degradieren oder gleich ganz zu feuern? Und ihm dafür eine Kriegskasse gewähren? Diese Methode gibt es beim „Spiegel“ bisher nicht – bisher tröstete man vom Alltagsgeschäft entbundene Redakteure mit Reporter- und Ressortleiter mit Autorenverträgen. Und mit weiterhin viel Geld. Daher würde auch der Trennungsweg unermesslich teuer, abhängig indes auch davon, wie viele der zwölf Ressortleiter standhaft/stur bleiben, oder wie viele einknicken/einlenken. Und wie hoch die sechs Ressortchefs, die angeblich auf der Abschussliste stehen, ihre Abfindungsangebote noch treiben können. Bei den beiden, die bereits bekannt sind, werden siebenstellige Summen kolportiert. Wobei natürlich allein diese Kolportagen Teil der Preistreibe-Strategien sind.

Doch jenseits des Geldes: Schon nur eine einzige forcierte Trennung von einem Ressortleiter würde höchste Wellen schlagen, im Haus, vor den Arbeitsgerichten, also auch im Markt und in der Branchenöffentlichkeit. Was in anderen Häusern üblich ist – Chefredakteure dürfen sich ihre Top-Leute aussuchen und eben auch mal absetzen –, ist beim „Spiegel“ ein Skandal. Ein Sakrileg. Auch deshalb dürften sich Redakteure dann in einer nicht unerheblichen Anzahl mit ihren Ressortchefs solidarisieren und gegen Büchner opponieren und provozieren – umgekehrt er natürlich auch. Weiter zusammenarbeiten, gar noch konstruktiv, gerade jetzt bei den Vorbereitungen der Umstellung des Erscheinungstages auf Samstag? Mittlerweile undenkbar.

Bitter: Alle, die noch vor Wochen auf eine Einigung getippt hatten (inklusive des Autors dieser Zeilen), haben den Frontalkurs beider Seiten unterschätzt. Und sich verschätzt.

Die Gesellschafter müssen sich jetzt entscheiden zwischen Pest und Cholera. Allen voran die fünfköpfige Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent am „Spiegel“ hält. Das Gremium ist bisher gespalten. Über einzelne der Fünf gibt es Geschichten, doch die Büchner-Gegner schießen sich nun auf Marianne Wellershoff ein, im Hauptjob Leiterin der Beilage „Kultur Spiegel“. Weil Wellershoff als beharrliche Büchner-Unterstützerin gilt. Dies sei sie aber nur deshalb, weil sie sich Hoffnung auf die Leitung des Kulturressorts mache, raunt man. Merke: Wer contra Büchners Kurs ist, hat das Wohl des „Spiegel“ im Sinn. Und wer pro Büchners Kurs ist, verfolgt egoistische Interessen. So herrlich einfach kann die Welt sein.

Wegen ihrer falschen Haltung soll Wellershoff nun per Unterschriftenaktion dazu aufgefordert werden, ihr Geschäftsführeramt in der Mitarbeiter KG niederzulegen. Der Ton wird schriller, und die Marke „Spiegel“, mittlerweile in der Mediawelt auch ein Synonym für Krach und Chaos, dürfte bald im Werbemarkt Schaden nehmen. Zeit zum Handeln für die Mitarbeiter KG und abzuwägen: Schrecken ohne Ende – oder Ende mit Schrecken? Manche Zeichen deuten nun auf Letzteres hin, auf eine schon nähere Zukunft ohne Büchner. Und man darf vermuten, dass es mittlerweile KG-intern und wohl bald auch schon in Gesprächen mit dem Veto-Gesellschafter Gruner + Jahr (25,5 Prozent) gar nicht mehr so sehr um Büchner geht, sondern um die Frage, ob und wie man bei dessen Abgang zumindest Saffe halten will.

Die Büchner-Gegner hätten gewonnen. Und wenn auch Saffe ginge, die Status-quo-Hardliner gleich mit. Fragt sich nur, ob sie mit allem dem „Spiegel“ nicht schon jetzt und dann erst Recht mehr Schaden zugefügt haben als es Büchner jemals hätte tun können. rp

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