Freebooting Wie Facebook gegen Video-Diebstahl vorgehen will

Freitag, 13. November 2015
Video-Piraterie ist ein zunehmend großes Problem für Facebook
Video-Piraterie ist ein zunehmend großes Problem für Facebook
Foto: Colourbox

Die Betreiber des Youtube-Kanals "In a Nutshell - Kurzgesagt" erheben einen schweren Vorwurf gegen Facebook: Das soziale Netzwerk tue zu wenig dagegen, dass Youtube-Videos von anderen Nutzern unerlaubterweise erneut auf Facebook hochgeladen werden. Video-Künstlern gehe dadurch vermarktbare Reichweite verloren, während Facebook seine Werberlöse in die Höhe schrauben könne.
Laut CEO Mark Zuckerberg werden mittlerweile 8 Milliarden Videos auf Facebook angesehen - pro Tag! Vielfach kommen die Videos dabei auf enorme Reichweiten und entwickeln sich auf dem weltgrößten sozialen Netzwerk zu richtigen Viral-Hits. Für Facebook ist das deswegen wichtig, weil bewegte Bilder die Menschen länger auf der Plattform halten - was wiederum bedeutet, dass Facebook ihnen mehr Werbung anzeigen kann. Und mit Werbung verdient Facebook sein Geld, im vergangenen Quartal waren es 4,3 Milliarden Dollar. Die Betreiber des Youtube-Kanals "In a Nutshell - Kurzgesagt" (rund 1,4 Millionen Abonnenten) behaupten nun aber, dass Facebook bei seinem Video-Boom nicht ganz ehrlich vorgehe. Die Video-Blogger, nach eigenen Angaben Designer, Journalisten und Musiker, haben zwei Kritikpunkte. Erstens bemängeln sie, dass bei Facebook ein Video bereits nach drei Sekunden als gesehen gelte - obwohl die Clips durch die Autoplay-Funktion automatisch starten. Auf diese Weise gezählte Aufrufe seien nicht ernst zu nehmen, behaupten die Macher des Videos. Bei Youtube wiederum - so hat es die Google-Tochter verfügt - soll ein View erst dann gezählt werden, wenn das Video mindestens 30 Sekunden angesehen wurde und das Userverhalten von einem tatsächlichen Interesse an dem Video zeugt.
Der zweite Kritikpunkt wiegt wesentlich schwerer: Im ersten Quartal des laufenden Jahres seien 725 der 1000 meistgesehenen Facebook-Videos "gestohlen", also bei Youtube heruntergeladen und auf Facebook neu hochgeladen, worden. Eine Quelle für diese Zahl nennen die Macher des Videos nicht. Sie unterfüttern die Aussage aber mit einem Beispiel, als sie selbst Opfer des so genannten "Freebootings" geworden waren. Der Facebook-Algorithmus sei so programmiert, dass er native Facebook-Videos gegenüber Youtube-Links bevorzuge. Nur deswegen sei es auch für gestohlene Videos möglich, auf Facebook viral zu werden, so die Videoblogger.

Die Folge: Youtubern geht vermarktbare Reichweite flöten. "Für einen kleinen Video-Macher kann ein virales Video den Unterschied zwischen einer Karriere und einem Hobby bedeuten", unterstreichen die "Kurzgesagt"-Betreiber. Nur schütze Facebook die Urheber nicht davor, dass andere mit ihren Videos erfolgreich werden könnten. Und wer eine Urheberrechtsverletzung melde, müsse lange warten, bis etwas passiere. Anders als bei Youtube, wo es entsprechende Schutzmechanismen gebe. Facebook habe sein Video-Imperium auf gestohlenen Inhalten und Missachtung für die eigentlichen Video-Künstler aufgebaut, so die bittere Conclusio von "Kurzgesagt".
Video-Künstlern gehe vermarktbare Reichweite durch Content-Klau verloren, kritisieren die Macher von "Kurzgesagt"
Video-Künstlern gehe vermarktbare Reichweite durch Content-Klau verloren, kritisieren die Macher von "Kurzgesagt" (Bild: Screenshot Youtube)
Was sagt Facebook zu diesen Vorwürfen? Auf Nachfrage von HORIZONT Online teilt Stefan Stojanow, Communications Manager bei Facebook für die DACH-Region, mit: "Wir nehmen den Schutz von geistigem Eigentum sehr ernst und das ist auch nichts Neues für Facebook. Wir haben zahlreiche Systeme, um potentielle Verstöße auf unserer Plattform zu adressieren. Seit Jahren nutzen wir beispielsweise Audible Magic, um die Verbreitung von nicht autorisierten Videoinhalten zu verhindern. Außerdem nutzen Rechteinhaber unsere bestehenden Optionen zum Melden von Inhalten, um Urheberrechtsverletzungen anzuzeigen. Wenn wir eine berechtigte Meldung erhalten, entfernen wir diese Inhalte. Accounts, die wiederholt gegen Urheberrechte und geistiges Eigentum verstoßen, werden gesperrt."

Der Facebook-Sprecher bestreitet also nicht, dass das Problem des Content-Klaus wirklich exisitiert. Er gibt jedoch zu bedenken, dass der Video-Boom auf Facebook Herausforderungen schaffe, "die sich nicht über Nacht lösen lassen". Die technischen Herausforderungen für die Lösung der von "Kurzgesagt" angeprangerten Missstände seien "nicht unerheblich". "Ein eigens dafür gegründetes Team arbeitet an einer internationalen Lösung, die wir bereits mit ersten Partnern in den USA testen", so Stojanow.
„Wir nehmen den Schutz von geistigem Eigentum sehr ernst und das ist auch nichts Neues für Facebook.“
Facebook-Sprecher Stefan Stojanow
Was das View-Thema angeht, will Stojanow die Vorwürfe von "Kurzgesagt" nicht gelten lassen: "Wir sind davon überzeugt, dass die über 8 Milliarden Video-Aufrufe auf Facebook keineswegs geschönt sind." Einen View ab drei Sekunden zu zählen sei "eine gängige Währung. Auf Facebook gibt uns das eine konsistente Metrik über alle Video-Formate auf der Plattform hinweg."

Da 75 Prozent der Facebook-Videos mittlerweile im mobilen News Feed gesehen werde, seien drei Sekunden zudem eine gute Größe, um die Absicht des Nutzers zu ermitteln: "In diesem Umfeld scrollen die Menschen sehr schnell mit ihrem Daumen über die Inhalte. Gleiches gilt auch für die Browser-Nutzung. Wenn ein Nutzer dann mindestens drei Sekunden auf einem Video verweilt, ist das ein sehr eindeutiges Signal dafür, dass er oder sie nicht einfach nur über das Video hinweg scrollt, sondern es tatsächlich ansehen will."

Allerdings musste Facebook in diesem Jahr erkennen, dass der Werbeindustrie ein 3-Sekunden-View längst nicht mehr ausreicht. So testete das soziale Netzwerk in diesem Jahr bereits ein Cost-per-View-Modell, bei dem der Werbungtreibende erst bezahlt, wenn ein Spot mindestens 10 Sekunden lang angesehen wurde. Dabei müssen sich mindestens 50 Prozent der Pixel im sichtbaren Bereich befinden. Außerdem testete Facebook ein Revenue-Share-Modell, bei dem der Uploader eines Videos 45 Prozent der Erlöse aus im Umfeld angezeigten Werbevideos erhält. So hält es auch - sieh an - Youtube. ire
Meist gelesen
stats