Firefox 42 Vom Browser zum Adblocker?

Dienstag, 10. November 2015
Firefox-Nutzer können im privaten Modus Tracking-Software abschalten
Firefox-Nutzer können im privaten Modus Tracking-Software abschalten
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Die Hiobs-Botschaften für die Online-Werbeindustrie reißen nicht ab. Der in Deutschland führende Browser Mozilla Firefox hat in seinem aktuellen Update eine „Tracking Protection“ – einen Defacto-Werbeblocker – vor installiert. Die Auswirkungen auf die Online-Werbeindustrie könnten immens sein.

Wer gestern Nachmittag oder heute Morgen im privaten Modus mit seinem Firefox-Browser Spiegel Online, Focus Online oder HORIZONT aufgerufen hat, wird seinen Augen nicht getraut haben. Mit einem Schlag wurden viele der gewohnten Online-Anzeigen nicht mehr angezeigt.

Der Marktanteil von Firefox lag im Juli 2015 in Deutschland bei 39,9 Prozent
Der Marktanteil von Firefox lag im Juli 2015 in Deutschland bei 39,9 Prozent (Bild: Statista)
Grund: Die aktuelle Firefox-Version 42 hat eine „Tracking Protection“ in privaten Browser-Tabs vorinstalliert. Mit dieser Einstellung soll laut Firefox verhindert werden, dass Werbedienstleister über Third Party Cookies das Verhalten der Nutzer tracken und für Werbeprofile sammeln können. Wer also künftig im privaten Fenster surft, kann dies nahezu komplett werbefrei tun.
Firefox hat in Deutschland einen Marktanteil von 40 Prozent. Weltweit ist der Browser nicht mehr so bedeutend wie einst. Das Tracking-Tool ist ein Baustein, Firefox neu zu erfinden, wie Heise Online vor kurzem beschrieben hat.
Doch für die Werbeindustrie könnte diese Strategie einem weiteren Schlag in die Magengrube – besser gesagt: einem unerlaubten Tiefschlag – gleichkommen.

Weltweit explodieren weiterhin die Adblocker-Zahlen. Nun auch noch das. In der offiziellen Firefox-Pressemeldung heißt es klar: "Ab heute gibt es eine neue, leistungsstarke Funktion für den Private Browsing Modus von Firefox: Tracking Protection (Schutz vor Aktivitätenverfolgung) schützt die Daten der Nutzer vor dem Zugriff durch Dritte." Auf gut deutsch: Wer künftig auf Werbung verzichten will, muss sich keinen Adblocker mehr installieren, sondern nur noch die aktuelle Firefox-Version downloaden und im privaten Tab surfen.

Im Interview mit Heise Online weist Firefox-Chef Mark Mayo von sich, allgemein gegen Online-Werbung vorgehen zu wollen: „Der Nutzer gibt uns damit ein starkes Signal, die Schilder hochzufahren. Mit dem Tracking-Schutz versuchen wir, aggressiv so viele Dinge zu blockieren wie möglich, ohne damit die Nutzererwartungen zu unterlaufen." Doch blockiert wird laut offiziellem Mozilla-Blog neben Trackern auch Werbung und die  Social-Share-Buttons.

Immerhin: Im Gegensatz zu Eyeo-Chef Tim Schumacher gibt Mayo zu, dass diese Maßnahme durchaus „aggressiv“ zu verstehen sind.

Und wie bei Eyeos Adblock Plus gibt es auch bei Firefox eine White- und Blacklist (die freilich ganz anders funktioniert als die von Eyeo). Werbenetzwerke, die sich der sogenannten „Do not Track“-Initiative angeschlossen haben, werden von der Firefox-Blockade nicht berührt. Nur: So richtig eingeschlagen hat diese Initiative bei Unternehmen noch nicht.

Firefox habe im Vorfeld viele Gespräche mit Vertretern der Werbeindustrie geführt. Es kann Agenturen und Werbeträger aber nicht richtig beruhigen, dass die Tracking Protection nur zum Tragen kommt, wenn Nutzer im privaten Fenster surfen. Derzeit liegt die Nutzung im privaten Modus bei ein bis zwei Prozent, schätzt Mozilla-Chef Mayo. Das könnte sich  angesichts der chronisch werbemüden Surfer schlagartig ändern.

Was bedeutet das alles für die Werbeindustrie? Die Folgen sind noch nicht absehbar. Im schlimmsten Fall könnte Folgendes passieren:

  •  Online-Währungen wie IVW und Agof bekommen möglicherweise Probleme, wenn auch die Zählpixel blockiert werden.
  • Die Werbeerlöse implodieren, weil die Ad Impressions drastisch zurückgehen.
  • Das Geschäftsmodell vieler Online-Werbeträger muss neu definiert werden.
  • Big Data, zumindest so, wie es viele (Media-)Agenturen verstehen, funkioniert nicht (mehr).
  • Kein Mensch braucht mehr andere Ablocker.

    Unabhängig wie die Auseinandersetzung mit Firefox endet, muss der Medienindustrie national wie global allmählich klar werden:
  1. Wir müssen Digitalwerbung neu analysieren, diskutieren (und möglicherweise auch neu standardisieren). Seit 20 Jahren schreibt Onlinewerbung eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Wenn das die nächsten 20 Jahre so weiter gehen soll, brauchen wir ein Neues Denken. 
  2. Es wird höchste Zeit, dass Medien noch stärker als bislang Alternativ-Geschäftsmodelle zum werbefinanzierten Digitalbusiness entwickeln.
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