Fall Deniz Yücel Ulf Poschardt appelliert mit offenem Brief an Erdogan

Mittwoch, 08. März 2017
Ulf Poschardt ist Chefredakteur von Welt N24
Ulf Poschardt ist Chefredakteur von Welt N24
© Axel Springer

Ulf Poschardt hat sich mit einem offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Ergodan gewandt. Darin appelliert der "Welt"-Chefredakteur an Erdogan, den inhaftierten Korrespondenten Deniz Yücel freizulassen. Veröffentlicht wurde der Brief in der heutigen Ausgabe der "Welt" sowie auf Welt.de - in deutscher und türkischer Sprache. 
In dem Brief berichtet Poschardt unter anderem von seinem ersten Treffen mit Yücel. Eigentlich sollte der Journalist für die "Welt" über Innenpolitik schreiben. Im Gespräch sei man dann auf die Türkei gekommen. "Mir wurde klar, wie sehr Deniz das Land seiner Mütter und Väter liebt. Deswegen ging er für uns in die Türkei", schreibt Poschardt. Seitdem habe sich das Interesse an der Berichterstattung über die Türkei verdoppelt.  Außerdem beschreibt der Chefredakteur, wie sein Vater als bayerischer Beamter Ende der 80er Jahre im türkischen Finanzministerium bei der Modernisierung der türkischen Steuerverwaltung geholfen habe und "noch heute von dem unglaublichen Fleiß und dem Engagement der Kollegen, die auch am Samstagnachmittag noch selbstverständlich im Ministerium arbeiteten" erzähle. 

Deutschland und die Türkei verbinde eine wechselvolle Geschichte, "in der es beiden Seiten am besten ging, wenn gemeinsame Interessen gewürdigt und gepflegt wurden. Das augenblickliche Verhältnis spiegelt nicht wider, was unsere beiden Länder verbindet. Sie können das ändern. Sie vor allem", richtet sich Poschardt direkt an den türkischen Präsidenten.
„Deniz Yücel ist Journalist, ein kritischer und unbequemer. Nicht mehr und nicht weniger.“
Ulf Poschardt
Er verbindet seine warmen Worte über die Türkei mit de
r Bitte, den seit mittlerweile dreieinhalb Wochen inhaftierten Deniz Yücel freizulassen. "Deniz Yücel ist Journalist, ein kritischer und unbequemer. Nicht mehr und nicht weniger. Bitte lassen Sie ihn frei. Deniz hat sich freiwillig gestellt und vertraut auf ein rechtstaatliches, faires Verfahren in Ihrem Land. Er arbeitet mit den ermittelnden Behörden zusammen." Am Ende des Briefes zitiert der Chefredakteur den Koran: "Wenn ihr über Menschen richtet", so fordere Gott von seinen Gläubigen, "dann urteilt mit Gerechtigkeit".  Er freue sich, von Erdogan zu hören.

Dass sich Erdogan von dem Schreiben beeindrucken lässt, darf indes bezweifelt werden. Der türkische Staatspräsident hatte seinen Tonfall zuletzt deutlich verschärft und den deutschen Behörden "Nazi-Methoden" vorgeworfen, nachdem mehrere Auftritte türkischer Minister in Deutschland wegen Sicherheitsbedenken abgesagt worden waren. Am Dienstag kündigte zudem der türkische Wirtschaftsminister rechtliche Schritte gegen die "Bild"-Zeitung an. Diese hatte Nihat Zeybekci als "treuesten Kettenhund" von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet. Die "Bild" gehört wie auch die "Welt" zu Axel Springer. dh
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