Faktenfinder-Chef Patrick Gensing "Es geht allmählich los mit Fake News"

Freitag, 11. August 2017
Patrick Gensing: "Ignorieren ist keine Option"
Patrick Gensing: "Ignorieren ist keine Option"
© Wulf Rohwedder
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Fake News Patrick Gensing ARD Bundestagswahl


Knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl intensivieren Medienunternehmen und Internetplattformen ihre Bemühungen im Kampf gegen Falschnachrichten im Netz. Im Kurzinterview mit HORIZONT schildert Patrick Gensing, Projektleiter beim Faktenfinder der ARD-Tagesschau, die aktuelle Bedrohungslage beim Thema Fake News.
Herr Gensing, wie groß ist das Problem mit Fake News in Deutschland knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl? Grundsätzlich haben wir den Eindruck, dass die Medienlandschaft in Deutschland relativ gefestigt ist und es ein Vertrauen in seriöse Quellen gibt. Gleichzeitig beobachten wir aber auch, dass sich eigene Mikrokosmen gebildet haben, in denen sich Menschen mit eigenen Wahrnehmungsfiltern bewegen. Sie sind sicher nicht die Mehrheit, aber ein relevanter Teil der Bevölkerung, der sich von den etablierten Medien abwendet und in einer anderen Realität lebt. Es ist schwer bis unmöglich, diese Menschen zu erreichen. Gefälschte Nachrichten, unwahre Behauptungen und Verschwörungstheorien fallen hier auf fruchtbaren Boden.

Das Projekt

Bei http://faktenfinder.tagesschau.de handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt aller ARD-Landesrundfunkanstalten. Auf dem Portal will Patrick Gensings Team den Umgang mit Fake News transparent machen und erklären, warum bestimmte Nachrichten falsch sind. Faktenfinder fungiert dabei als Art Knotenpunkt innerhalb der ARD und arbeitet sowohl mit den Fernsehkollegen als auch mit dem internationalen Korrespondentennetzwerk zusammen.
Gibt es auch bei uns Angriffe, die die öffentliche Meinung ganz bewusst manipulieren wollen? Das ist schwer zu sagen. Social Bots gibt es definitiv, aber die können eigentlich nur Stimmungen verstärken. Es gibt keine Technologie, die Fake News automatisiert generieren und verteilen könnte. Dafür sind die Mechanismen von Social Media viel zu undurchschaubar; es ist ja kaum vorherzusehen, welche Story letztlich viral geht. Trotzdem spüren wir, dass es allmählich losgeht. Das zeigen aktuell all die Geschichten rund um den Brenner-Pass, an dem angeblich die Flüchtlingshorden einfallen.
„Die meisten Fake News haben einen wahren Kern, sind aus dem Kontext gerissen, oder die Zitate sind verfälscht.“
Patrick Gensing
Vielleicht gibt es auch noch etwas aus dem Bundestags-Leak zu erwarten. Grundsätzlich sind die Voraussetzungen in Deutschland aber andere als etwa in den USA. Russische Hacker haben bei uns keinen Kandidaten, auf den sie setzen können, der eine echte Machtoption hat. Wir erwarten eher Schmutzkampagnen, um die Glaubwürdigkeit von Politikern und Medien zu beschädigen.
Wie gehen Sie bei der Suche nach gefälschten Nachrichten vor? Manche Plattformen klagen, sie könnten der Masse schlicht nicht Herr werden. Da fahren wir mehrgleisig. Social Listening, also die permanente Auseinandersetzung mit den sozialen Netzwerken, spielt – gerade in Zusammenarbeit mit den Kollegen der Tagesschau – eine wichtige Rolle. Dann arbeiten wir mit eigenen Twitterlisten. Das alles kann kein Tool ersetzen. Man muss wissen, nach welchen Themen man sucht, man muss wissen, warum etwas falsch sein könnte. Die meisten Fake News haben schließlich irgendwie einen wahren Kern, sind aus dem Kontext gerissen, oder die Zitate sind verfälscht. Würde es eine Ampel geben, stünde die in den allermeisten Fällen auf Gelb. Da müssen wir schon selbst ran. Ignorieren ist jedenfalls keine Option. kan
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