Google Talk Bei Fake News ist jeder in der Pflicht

Dienstag, 16. Mai 2017
Georg Mascolo
Georg Mascolo

Beim Google-Talk am Montagabend in Berlin waren alle Gäste aufgefordert, fleißig unter dem Hashtag #GtalkBerlin zu twittern. Zitiert wurde allerdings fast ausnahmslos ausgerechnet jener Panel-Teilnehmer, der als einziger keinen, jedenfalls keinen erkennbaren Twitter-Account besitzt und über traditionelles journalistisches Handwerk sprach: Georg Mascolo, Kopf des Rechercheverbunds aus "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR.

"Fakten, Fake & Propaganda. Müssen jetzt Journalisten mal eben kurz die Welt retten?" lautete der Titel des Google-Talks. Gleich zu Beginn schürte die moderierende NDR-Redakteurin Melanie Stein anhand einer eilig provozierten Twitter-Umfrage den Eindruck, Journalisten seien in dieser Hinsicht für die Bundestagswahl nicht gewappnet. Sie diskutierte mit Laura Himmelreich, die ihre Bekanntheit aus der #Aufschrei-Debatte nach ihrem „Stern“-Artikel über Rainer Brüderle bezieht und inzwischen Chefredakteurin des deutschen "Vice"-Ablegers ist, außerdem mit dem Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen ("Watani My Homeland"), der Juristin Sabine Frank, die bei Google für Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz zuständig ist, sowie mit Georg Mascolo. 

Während Himmelreich mehrfach Haltung, Meinung und journalistische Einordnung vermengte, Mettelsiefen über seine Arbeit in Krisengebieten sprach und die Google-Mitarbeiterin bemüht war, die Bemühungen ihres Arbeitgebers gegen die Vielzahl gemeldeter juristischer Verstöße und Verletzungen sogenannter Community-Standards hervorzuheben, sprach Mascolo über Journalismus. 

Wie er es bereits in einem Artikel in der "Süddeutschen" tat, schilderte er anhand konkreter Beispiele, dass es die gezielte Verbreitung unzutreffender Informationen – vulgo: Fake News – schon immer gab, dass es heute lediglich technisch einfacher und schneller möglich sei, mit bewussten Lügen ein großes Publikum zu erreichen. Das Publikum allerdings sei ebenso wenig wie Journalisten aus der Verantwortung zu nehmen, Fake News als das zu entlarven, was sie sind. Meist bedürfe es dazu wenig. 

Einig war sich Mascolo mit Sabine Frank, dass das von Justizminister Heiko Maas forcierte Netzwerkdurchsuchungsgesetz gut gemeint, aber schlecht gemacht sei, wobei Mascolo ergänzte, das von Maas richtig erkannte Problem berühre keine gesetzliche, sondern eine ethische Frage: Das Recht auf Zugang zu verlässlichen Informationen. Es sei gleichwertig mit dem zu sauberem Wasser oder guter Bildung. 

Beim Zugang zu verlässlichen Informationen sieht Mascolo die Journalisten in der Pflicht. Sie erlaubten sich zu viele Fehler und seien daher aufgerufen, sich der Geschwindigkeitsspirale zu entziehen. Stattdessen schrieben sie bisweilen über Dinge, von denen sie wenig verstehen, und das in einer Geschwindigkeit, die fatalerweise vor Richtigkeit geht. Als Beispiel nannte er die zunächst fehlerhafte Berichterstattung über das NPD-Urteil. Fehler passierten, sie seien zu korrigieren. Für derlei Vergehen dienten aber weder Klickzahlen noch Schnelligkeit als hinreichende Entschuldigung. Journalismus habe ein Ort der Mäßigung und des zweiten Gedankens zu sein, kein Ort der Zuspitzung. 

Schließlich nutzte Mascolo die Gelegenheit, den Gastgeber Google daran zu erinnern, dass Plattformen, erst recht wenn sie für die politische Lage folgenschwere Desinformationen verbreiten, eine Verantwortung trügen, "die besser in den Händen von Menschen liegt als bei Algorithmen". Insofern sei gut, an einem Ort wie dem des Google-Talks über ein solches Thema zu reden. usi

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