"FAZ" Das verhagelte Interview mit Alexis Tsipras - und die Folgen

Montag, 29. Juli 2013
Die "FAZ" stellte ein Audio-Transkript des Interviews ins Netz (Bild: Screenshot faz.nez)
Die "FAZ" stellte ein Audio-Transkript des Interviews ins Netz (Bild: Screenshot faz.nez)


Die seit geraumer Zeit angespannte Situation zwischen Griechenland und Deutschland ist um eine Episode reicher - oder sollte man sagen Posse? Eigentlich wollte der griechische Oppositionsführer Alexis Tsipras der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Interview geben. Weil er aber mit den Fragen des Interviewers Michael Martens nicht einverstanden war, brach der Chef der Linkspartei Syriza das Gespräch nach nur fünf Fragen respektive acht Minuten ab. Die "FAZ" dokumentiert den Interview-Ablauf sowie das unschöne Nachspiel in ihrer Online-Ausgabe. Nach Frage fünf ist Schluss: "FAZ"-Korrespondent Martens wollte wissen, was Tsipras gemeint habe, als er im Juni 2012 sagte, die Regierungsparteien Nea Dimokratia und Pasok hätten "die griechische Flagge erniedrigt und an Angela Merkel ausgeliefert." Er hab so etwas nie gesagt, antwortet der Politiker erbost um kurz darauf zu bitten, "off the record" sprechen zu dürfen. Die Aufnahme endet hier - ebenso wie das ganze Gespräch. Bereits vor dem abrupten Ende des Interviews hatte Tsipras Martens mehrfach vorgeworfen, nicht gut informiert zu sein. Was die letzte Frage angeht, sieht sich der Interviewer allerdings im Recht: Eine Presserklärung der Syriza belege Tsipras' Zitat.

Wenig später wurde Martens von Tsipras' Pressesprecherin Danae Badogianni angerufen und gefragt, ob er sich zur Vorbereitung des Interviews mit griechischen Journalisten getroffen habe und mit welchen. Doch damit nicht genug: Im Nachgang des Interviews schrieb Badogianni eine E-Mail an einen der "FAZ"-Herausgeber, wie die Zeitung online berichtet. Zum Inhalt des Schreibens heißt es auf faz.net: "Der Fragesteller habe 'die Grenzen journalistischer Arbeitsethik weit überschritten', er arbeite mit 'Gerüchten, Aussagen Dritter und ungeprüft übernommenen Informationen'. Da er der 'Klatschpresse' keine Interviews gewähre, habe Tsipras sich 'genötigt' gesehen, das Gespräch abzubrechen."

Dass ein Politiker ein Interview abbreche, sei in Ordnung, da Journalisten kein Grundrecht auf Interviews hätten, ordnet Martens den Vorfall ein. Um zu dokumentieren, dass man sich nichts habe zuschulden kommen lassen, hat die "FAZ" die Tonaufnahme von dem Interview sowie ein Transkript veröffentlicht - unter anderem deswegen, um die Reputation von Martens und der Zeitung nicht zu beschädigen. Nachdem der Korrespondent die Aussagen von Tsipras aus dem Juni 2012 beweisen konnte, folgte der Vorwurf, Martens unverfrorener Ton sei der Grund für den Abbruch des Interviews gewesen. "Als mich eine Kollegin der Athener Zeitung 'Ta Nea' fragte, ob ihr Blatt den Mitschnitt des Gesprächs online stellen könne, sagte ich daher zu damit sich die Griechen selbst ein Urteil darüber bilden können, ob mein Ton unverschämt war oder nicht. Gleiches gilt für deutsche Leser", so Martens in einem Interview mit "Newsroom.de".

Könnte er noch einmal mit Tsipras sprechen, so Martens gegenüber dem Branchendienst, dann würde er ihn konsequent nach Lieblingsessen, -insel und -farbe befragen. Es ist nicht das erste Mal, dass es aufgrund medialer Berichterstattung zu Zoff zwischen Griechen und Deutschen kommt. Vor zwei Jahren hatten griechische Anwälte mehrere Journalisten des "Focus" sowie Herausgeber Helmut Markwort wegen einer vermeintlich beleidigenden Titelabbildung verklagt. ire
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