"Ein gutes Signal" Was Media-Experten zu Springers "Bilanz" sagen

Mittwoch, 27. November 2013
Die Schweizer Ausgabe von "Bilanz"
Die Schweizer Ausgabe von "Bilanz"

Am vergangenen Freitag berichtete HORIZONT exklusiv über die Pläne von Axel Springer, ein neues Wirtschaftsmagazin aus der Taufe zu heben. Seitdem wird spekuliert, was der Medienkonzern, der zuletzt vor allem mit dem Verkauf eines großen Teils seines Printgeschäfts für Schlagzeilen gesorgt hat, mit dem deutschen Ableger des Schweizer Magazins "Bilanz" bezweckt. HORIZONT.NET hat sich umgehört, was Media-Experten über den neuen Titel denken. Das Segment der Wirtschaftspresse gilt nicht gerade als einfaches Terrain. Insofern wirft der Start eines neuen Wirtschaftsmagazins Fragen auf - sieht Axel Springer hier tatsächlich noch das Potenzial für einen neuen Titel, oder will Konzernchef Mathias Döpfner mit einem journalistischen Vorzeigeobjekt ein Zeichen setzen, nachdem der Verkauf der Regionalzeitungen und zahlreicher Zeitschriften vielfach als Abschied des Verlags von seinen publizistischen Wurzeln gewertet wurde?

Auch bei Media-Experten wirft das Prestigeobjekt Fragen auf. Während einige eine journalistisch gut gemachte neue Zeitschrift begrüßen, zweifeln andere an den Erfolgsaussichten des Magazins im schwierigen Segment der Wirtschaftspresse. Auch der Start als Supplement der "Welt" wird skeptisch betrachtet. Grundsätzlich begrüßen die Experten den Start von "Bilanz" aber als positives Signal für die Printbranche.

Michael Marzahn, Managing Director Optimedia

Michael Marzahn
Michael Marzahn
Axel Springer startet mit "Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
Spannend, weil dadurch wieder Bewegung in die Gattung der Wirtschaftspresse kommt. Das Schweizer Vorbild gefällt und die Akquise des Chefredakteurs Klaus Boldt sind ein ernstzunehmendes Fundament. Soweit so gut.

Die deutsche Ausgabe von "Bilanz" soll zunächst als Supplement der "Welt" erscheinen. Welche Chancen würden Sie einem neuen Wirtschaftsmagazin in der gegenwärtigen Marktsituation am Kiosk einräumen?
Die Begriffe "Supplement" und "Kiosk" zeigen auch schon den (verständlichen) begrenzten Mut: Ich hätte aus dem Hause Axel Springer mehr digitalen Fokus erwartet. Ich hätte mir mehr zukunftsweisende Aspekte im Umgang einer hochgradig digitalen und mobilen Leserschaft gewünscht. Insofern: die Chancen sind da, ob sie allerdings im Supplement der "Welt" liegen, wird sich zeigen.

Kann "Bilanz" etablierten Wirtschaftsmagazinen wie "Capital" oder dem "Manager Magazin" ernsthaft Konkurrent machen?
Das aktuelle Supplement-basierte Setup ist noch keine echte Konkurrenz zu den etablierten Titeln. Aber man darf gespannt sein, was ASV mittelfristig noch aus dem "Bilanz"- Hut zaubert. Der Verlag ist ja häufiger für Überraschungen gut.

Welche Chancen sehen Sie für den Titel in der Anzeigenvermarktung?
Aufgrund der Breite des ASV-Portfolios ergeben sich immer Chancen bzw. Anknüpfungspunkte. Diese werden aber eher aus der gebündelten Vermarktung heraus entstehen als aus dem neuen Run auf die ASV-Wirtschaftspresse. Aus Springer Unternehmenssicht empfinde ich diese Vorgehensweise aufgrund der aktuellen Marktsituation durchaus nachvollziehbar.

Boris Schramm, Geschäftsführer Group M

Boris Schramm
Boris Schramm
Axel Springer startet mit "Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
Für journalistisch gut gemachte und kaufmännisch gut geführte neue Hefte ist auch im Wirtschaftssegment immer Platz, im Leser- wie im Werbemarkt. Allerdings muss ein Verlag einem solchen neuen Objekt auch die nötige Zeit geben - und zwar am Kiosk, nicht versteckt als Supplement.

Andreas Schmitt, Managing Director Mindshare

Andreas Schmitt
Andreas Schmitt
Axel Springer startet mit "Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
Sehr überraschend. Ein gutes Signal von Springer, dass weiterhin in Print investiert wird. Es bleibt abzuwarten, wie die Gesamtstrategie aussieht, insbesondere mit Blick auf die digitale Welt. Dennoch entsteht der Eindruck, dass mit diesem Supplement in einem ersten Schritt der Nutzwert der "schwächelnden Welt" erhöht werden soll.

Die deutsche Ausgabe von "Bilanz" soll zunächst als Supplement der "Welt" erscheinen. Welche Chancen würden Sie einem neuen Wirtschaftsmagazin in der gegenwärtigen Marktsituation am Kiosk einräumen?
Die Relevanz des Einzelverkaufs für die Wirtschaftspresse ist insgesamt gering. Der Aufbau eine Abonnentstamms ist langwierig und teuer. Generell müssen bei dem stark besetzten Markt erfolgreiche Neueinführungen eine Lücke finden. Es wird sich zeigen, ob das mit Bilanz gelingt.

Kann "Bilanz" etablierten Wirtschaftsmagazinen wie "Capital" oder dem "Manager Magazin" ernsthaft Konkurrent machen?
Beide Titel haben schon ohne "Bilanz" mit dem schwierigen Marktumfeld zu kämpfen. Ein weiterer Wettbewerbe macht die Situation nicht gerade besser.

Welche Chancen sehen Sie für den Titel in der Anzeigenvermarktung?
Bei einem Vertrieb über Abo- oder Einzelverkauf entscheidet sich der Käufer ganz bewusst für einen Titel und ist bereit, genau dafür auch Geld auf den Tisch zu legen. Bei Supplements gibt es dieses "Commitment" nicht. Zudem fehlt der Nutzungsnachweis. Daher dürften Mediaplaner eher zurückhaltend agieren.

Kirstin Heckelmann, Account Director Starcom Germany

Kirstin Heckelmann
Kirstin Heckelmann
Axel Springer startet mit "Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
Der Vorstoß ist mutig aber eine sinnvolle Ergänzung zum Thema Wirtschaft. Der "Welt" wird zum jetzigen Zeitpunkt weniger Kompetenz im Hinblick auf Wirtschaft zugesprochen als dem "Handelsblatt" oder der "FAZ". Durch das neue Supplement kann der Titel an Kompetenz dazu gewinnen und seine Marktposition verbessern. Die Anreicherung durch mehr journalistische Wirtschaftskompetenz wird auf den gesamten Axel Springer Verlag abfärben.

Die deutsche Ausgabe von "Bilanz" soll zunächst als Supplement der Welt erscheinen. Welche Chancen würden Sie einem neuen Wirtschaftsmagazin in der gegenwärtigen Marktsituation am Kiosk einräumen?
Durch die Fokussierung auf relevante Wirtschaftsthemen könnte es "Bilanz" auch als eigenständiges Magazin schaffen, den Nerv der Zielgruppe zu treffen. Im Gegensatz zum Printmarkt für die Frauen kann der Markt eine Erweiterung bei den männlich geprägten Wirtschaftsmagazinen verkraften und wird es sogar begrüßen.

Kann "Bilanz" etablierten Wirtschaftsmagazinen wie "Capital" oder dem "Manager Magazin" ernsthaft Konkurrent machen?
Als Beilage in der "Welt" wird Bilanz keine Konkurrenz für die Capital oder das Manager Magazin darstellen. Die Leser rekrutieren sich als Beilage aus Lesern der Welt und nicht aus Lesern der anderen Wirtschaftsmagazine. Als eigenständiges Printmagazin kann Bilanz mit einem starken Verlag im Rücken wie Axel Springer sehr wohl den etablierten Wirtschaftsmagazinen Konkurrenz machen. Alleine die Tatsache, dass der Chefredakteur vom Manager Magazin abgeworben wurde, verspricht eine Aufbereitung der Themen für eine ähnliche Zielgruppe und in ähnlicher Sprache.

Welche Chancen sehen Sie für den Titel in der Anzeigenvermarktung?
Die Aussichten sehen sehr gut aus, da der Markt gerade bei hochwertigen männlich geprägten Produkten wie Bankprodukten, hochwertigen Autos, Männer-Uhren, Telekommunikation etc. noch nicht ausgeschöpft ist und hochwertige Platzierungen in relevanten Umfeldern für die Zielgruppe gesucht werden. Zum jetzigen Zeitpunkt sind Tageszeitungen in diesem Umfeld sehr relevant, nehmen aber durch Überalterung der Leser in ihrer Bedeutung ab. Hier durch wird das Feld für gut recherchierte und aktuelle Wirtschaftsmedien in Form von Printmagazinen wieder neu geöffnet.



Holger Zech, Geschäftsführer Crossmedia

Holger Zech
Holger Zech
Axel Springer startet mit " Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
Grundsätzlich ist es sehr begrüßenswert, wenn Verlage den Mut haben, ein neues Wirtschaftsmedium zu starten. Wirtschaft ist ein wichtiges Thema und eine journalistisch kritische Betrachtung höchst relevant.

Die deutsche Ausgabe von "Bilanz" soll zunächst als Supplement der Welt erscheinen. Welche Chancen würden Sie einem neuen Wirtschaftsmagazin in der gegenwärtigen Marktsituation am Kiosk einräumen?
Da es bereits etablierte Magazine in diesem Segment gibt und selbst bei diesen die Auflagen zurückgehen, wird eine dauerhafte Positionierung gewisse Hürden bzw. Herausforderungen mit sich bringen. Dies kann nur in einem innovativen crossmedialem Konzept liegen. Welche klare Positionierung und Konsequenz das erfordert, macht das Beispiel der "FTD" klar. Falls es bei "Bilanz" nur bei der Funktion des Supplements zur Stärkung der Wirtschaftskompetenz der Welt mittels Content-Zweitverwertung bleibt, wird das sehr schwer durchschlagend sein.

Thomas Stennes, Head of Print Omnicom Media Group Germany

Thomas Stennes
Thomas Stennes
Axel Springer startet mit "Bilanz" ein neues Wirtschaftsmagazin. Wie beurteilen Sie den Vorstoß des Verlags?
In das Segment der Wirtschaftstitel vorzustoßen ist aufgrund der Entwicklungen der letzten Monate bzw. Jahre sicher nicht ganz ohne Risiko. Dennoch wird man die Möglichkeiten und Potenziale bei Axel Springer genauestens geprüft und beurteilt haben.

Die deutsche Ausgabe von "Bilanz" soll zunächst als Supplement der "Welt" erscheinen. Welche Chancen würden Sie einem neuen Wirtschaftsmagazin in der gegenwärtigen Marktsituation am Kiosk einräumen?
Die Entscheidung, den neuen Titel als Supplement auf den Markt zu bringen, ist sicher nicht ohne Grund gefallen. Je nach inhaltlicher Ausrichtung des Produkts ist die Ansprache einer breiteren Leserschaft durchaus sinnvoll. Wirtschaft ist ein Themenbereich, der jeden Menschen jeden Tag beschäftigt, denn jeder von uns ist Teil der Wirtschaft. Ein Wirtschaftsmagazin muss sich nicht schwerpunktmäßig ausschließlich mit Themen befassen, die nur einen kleinen Kreis der Bevölkerung beispielsweise Top-Manager direkt betreffen.

Zum Start wäre der Druck, der auf dem Titel lastet, bei alleinigem Verkauf am Kiosk sicher ein ganz anderer als der jetzt gewählte Weg. Ich halte diese Entscheidung auch für absolut richtig, denn Wirtschaftsmagazine haben es am Kiosk nie leicht.

Kann "Bilanz" etablierten Wirtschaftsmagazinen wie "Capital" oder dem "Manager Magazin" ernsthaft Konkurrenz machen?
Die Frage ist, ob "Bilanz" das überhaupt in Gänze will. Es wird sicher den einen oder anderen Leser geben, den die Machart, die Themen oder die Tatsache, dass "Bilanz" (zumindest in der Schweiz) ein ebenso etablierter Titel ist, dazu bewegen, von den beiden Konkurrenten zum Newcomer zu wechseln. Ob die Zahl der Wechsler ausreicht, muss sich aber erst zeigen.

Welche Chancen sehen Sie für den Titel in der Anzeigenvermarktung?
Im Anzeigenmarkt verhält es sich wie im Lesermarkt. Passen Preis und Leistung zusammen, so werden sich auch immer interessierte Kunden finden.
Umfrage: David Hein/Roland Pimpl
Meist gelesen
stats