EM-Qualifikation bei RTL im HORIZONT-Check Solides Debüt mit kleinen Merkwürdigkeiten

Montag, 08. September 2014
Das RTL-Team für die EM-Quali: Jens Lehmann, Florian König und Marco Hagemann
Das RTL-Team für die EM-Quali: Jens Lehmann, Florian König und Marco Hagemann
Foto: RTL/Ruprecht Stempell

Wenn die Nationalmannschaft spielt, gibt es in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer - und wahrscheinlich ebenso viele Fernsehkritiker. RTL zeigt alle Qualifikationsspiele der DFB-Auswahl für die EM 2016 und die WM 2018. Gestern war die Premiere und der Sender fährt dabei in Sachen Technik und Personal mächtig auf. Am Tag nach dem 2:1-Sieg über Schottland fragt HORIZONT Online: Kann RTL Nationalmannschaft?

Was war gut?

Ein Spiel der DFB-Elf gab es bei RTL zuletzt 1993 zu sehen, auch damals war Deutschland amtierender Weltmeister. Das war’s dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Im Jahr 2014 ist nicht nur der Sport, sondern auch die Übertragung professioneller geworden. Über 30 Kameras, 120 Mitarbeiter. Patzer erlaubt sich RTL so gut wie keine. Der Sender hat Expertise gesammelt bei Formel 1 und Boxen, auch wenn Fußball-Sachverstand erst wieder eingekauft werden musste. Das hat funktioniert, Kommentator Marco Hagemann (vorher Sky und Eurosport) macht einen ordentlichen Job. Und in Zeiten, in denen jeder Satz von Sportreportern auf die Feingoldwaage gelegt wird, ist das schon ein mittelgroßes Lob. Ach, und erwartungsgemäß gut waren natürlich die Einschaltquoten (im Schnitt 10,85 Millionen Zuschauer).

Was geht besser?

Gastgeber Florian König und Experte Jens Lehmann moderieren routiniert, beide sind auch zu erfahren, um sich von Kulisse oder Zuschauerinteresse beeindrucken zu lassen. Stellenweise wirken die Talks aber etwas gehetzt, was sicherlich auch an den vielen Werbeunterbrechungen lag. Gleichwohl fehlte den Gesprächen der Esprit, den etwa Mehmet Scholl in der ARD versprüht - solide eben. Ähnlich wie Scholl sagt Lehmann auch mal, wenn ihm etwas nicht passt. Zum Beispiel die Tatsache, dass König und er ständig durch das Stadion gescheucht werden, im Wechsel von der Tribüne, aus dem Studio und vom Rasen aus moderieren. Beim nächsten Mal werde er Wanderschuhe mitbringen, so Lehmanns süffisanter Kommentar.
RTL_Länderspielteam
Bild: RTL/Ruprecht Stempell

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Was war gewöhnungsbedürftig?

Klar, die Werbepausen auch in der Halbzeit und nach dem Abpfiff - Hauptargument für alle Zuschauer, die RTL noch am Abend via Twitter, Facebook und Co die Länderspieltauglichkeit absprachen. Aber das gehört im Privatfernsehen nun mal dazu. Genauso wie die Tonalität der Einspieler, RTL-Stil eben. Da wird eine MAZ schon einmal mit übertrieben dramatischer Musik unterlegt, wird eine startende Rakete zum Aufhänger eines Beitrags, wird der Dortmunder Marco Reus per Bauchbinde mit "Spielt heute zuhause" vorgestellt. Privatfernsehen wie es leibt und lebt. Aber mit dem Thema "Journalistische Distanz" mussten sich auch ARD und ZDF während ihrer WM-Berichterstattung ja mehrfach auseinandersetzen.
Das stilisierte Trikot im Herz-Look
Das stilisierte Trikot im Herz-Look (Bild: UEFA)

Was war merkwürdig?

Mehrere Dinge. Zum Beispiel, die Bild-Blende zwischen Live-Szenen und Zeitlupen. Dafür hat die UEFA ein eigenes Logo entwickelt, ein stilisiertes Trikot in einer herzförmigen Animation - sehr seltsam, aber keine RTL-Schöpfung. Warum man die guten alten Qualifikationsspiele aber als "European Qualifiers" verkaufen muss, erschließt sich nicht. Das klingt bemüht und nach bewusster Abgrenzung vom vermeintlichen Staub-Image der Öffentlich-Rechtlichen. Und dann war da noch der Espresso, den RTL nach Abpiff für Jogi Löw im Studio bereitstellte. Der witzelnde Kommentar des Bundestrainers: "Nach viertel vor elf nicht mehr". Ein Tacken zu viel Anbiederung, ein Ticken zu wenig Interview. Getrunken hat Löw den Espresso dann aber doch.

Das Fazit

Ordentlicher Auftakt für RTL. Klar ist aber schon jetzt: Kein Spiel wird vorübergehen, an dem sich die Fans nicht lauthals über die Privaten beschweren und die Rückkehr zu ARD/ZDF fordern werden - und das war schon vor dem Debüt gestern klar. Damit muss der Sender leben, denn auch ZDF-Mann Béla Réthy kann kein Spiel kommentieren, ohne schon in Minute 5 von den Zuschauer als unfähig abgestempelt zu werden. Irgendwer hat schließlich immer irgendwas auszusetzen. Aber sind wir ehrlich: RTL hat die Aufgabe Nationalmannschaft ähnlich gelöst wie das DFB-Team die Hürde Schottland: Erfolgreich, aber ohne zu glänzen. fam

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