Dumont Köln „Express“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“: Et bliev nix wie et wor

Donnerstag, 02. Februar 2017
Der Sitz der DuMont Mediengruppe in Köln
Der Sitz der DuMont Mediengruppe in Köln
Foto: DuMont

Noch steht der Beweis aus, dass unterschiedliche Medienmarken, noch dazu aus verschiedenen Mediengattungen, an Profil gewinnen, indem man ihre Redaktionen verkleinert und in einen gemeinsamen Newsroom steckt. Doch genau das hat die DuMont Mediengruppe auch an ihrem Stammsitz vor. Immerhin: Der Stellenabbau fällt geringer aus als befürchtet. Carsten Fiedler, bis Ende 2016 Chefredakteur des „Express“ und seit Jahresbeginn des „Kölner Stadt-Anzeigers“, erklärt, wie das neue Modell funktionieren soll. Dazu eine Übersicht, welcher DuMont-Titel eigentlich woher welche Berichterstattung bezieht. Langsam wird es nämlich kompliziert.

Schon lange war klar: Der Tag wird kommen, an dem die DuMont Mediengruppe auch am Standort Köln offenlegt, welche Einschnitte sie plant. Den Mitarbeitern war klar: Dann werden, wie in Berlin, auch die Redaktionen von „Express“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ in einen gemeinsamen Newsroom ziehen. Es wird zu Stellenabbau kommen, und alles wird damit begründet, dass das die Wettbewerbsfähigkeit stärkt, zukunftsweisend ist und dass nun alle Zeichen auf Wachstum stehen. Am heutigen Donnerstag war es soweit.

Bis September dieses Jahres werden im Erdgeschoss des Neven-DuMont-Hauses in Köln alle Redakteure von „Express“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ gemeinsam im selben Newsroom sitzen. Die ersten Umzüge stehen im April an. Anders als in der Hauptstadt, wo künftig der „Berliner Kurier“ und die „Berliner Zeitung“ aus einer Hand produziert werden, handelt es sich in Köln allerdings nicht um einen „vollintegrierten Newsroom“. Chefredakteur Carsten Fiedler, erst vor einem Monat vom „Express“ an die Spitze des „Kölner Stadt-Anzeigers“ gewechselt, spricht von einem „Kooperationsmodell“: Um zu kooperieren müsse man kommunizieren können, sagt er, daher der gemeinsame Newsroom. Mit dem „Express“ im zweiten Stock, vorderer Flügel, und dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Erdgeschoss, hinterer Flügel, sei das nicht machbar gewesen.

Mit dem Begriff „Kooperationsmodell“ meint DuMont, dass es weiterhin für beide Titel getrennte Chefredakteure gibt: Für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ Fiedler, für den „Express“ von Sommer an Constantin Blaß, der von der konzerneigenen „Mitteldeutschen Zeitung“ aus Halle kommt. Wer bisher Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“ war, wird dies auch in Zukunft sein, dasselbe gilt für die Redakteure des „Express“. Das allerdings schließt nicht aus, dass ein ursprünglich für den „Stadt-Anzeiger“ geschriebener Artikel auch im „Express“ erscheinen wird. Zwar sei eine „stärkere Markendifferenzierung“ angestrebt, sagt Fiedler, allerdings nur bei Themen, die „für die jeweilige Marke prägend sind und bei denen wir zwingend unterschiedlich unterwegs sein müssen. Das gilt vor allem für den Sport und das Lokale“.

„Ein ,Weiter so‘ funktioniert nicht mehr. Der wirtschaftliche Druck und die Digitalisierung zwingen uns zu neuen Strukturen.“
Carsten Fiedler
Carsten Fiedler ist seit Januar Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers"
Carsten Fiedler ist seit Januar Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers" (Bild: DuMont)
Grundsätzlich soll also gelten: „So viel wie möglich zusammen, so viel wie nötig getrennt.“ Zwingend für beide Titel parallel arbeiten die Teams, die für Video, Grafik, Foto, Datenanalyse und Suchmaschinenoptimierung zuständig sind. Für alles andere gibt es die „Kanalverantwortlichen“, die sich, in Rufnähe zueinander sitzend, austauschen und entscheiden, was von wem in welcher Form und über welchen Weg digital wie gedruckt veröffentlicht wird.

Auf die Frage, wie genau die „unverwechselbaren Identitäten“ von „Express“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu definieren seien, antwortet Fiedler: „Der ,Express‘ ist das reichweitengetriebene Entertainment-Portal, das auch als gedruckte Zeitung erscheint. Der ,Kölner Stadt-Anzeiger‘ ist das regionale Premiumprodukt, Print und digital, bei dem wir mit Dossiers und vertiefenden Geschichten im Netz wieder über eine Bezahlstrategie nachdenken.“

Zuletzt wurde das Paid-Content-Experiment für gescheitert erklärt. Nun also der nächste Versuch. Beim „Express“ dagegen setzt DuMont weiterhin auf Reichweite -  über 20 Millionen Visits im Monat sind eine gute Ausgangsbasis – wobei diese Zahl nicht unbedingt mit journalistischen Mitteln erreicht wird. Die Prognose, dass der unter Auflagen- wie Millionenverlusten leidende gedruckte „Express“ über kurz oder lang als reine Digitalmarke weitergeführt wird, bezeichnet Fiedler als falsch.

Die am Donnerstag mitgeteilten Veränderungen sind gravierend, doch es fällt auf, dass die Verlagsführung am Stammsitz Köln zurückhaltender agiert als in Berlin. Dort wurde eigens eine neue Gesellschaft gegründet, die Redakteure müssen sich auf ihre Stellen neu bewerben und dabei mit Interessenten von außen konkurrieren. Um Klagen derer, die leer ausgehen, zu verhindern, zahlt DuMont Abfindungen und finanziert eine Transfergesellschaft.  In Köln gibt es keine gesellschaftsrechtlichen Veränderungen. Und der Personalabbau wird sich auf 15 bis 18 Stellen beschränken. Insgesamt arbeiten für „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ nach Verlagsangaben 250 Beschäftigte.

Fiedler begründet die unterschiedliche Herangehensweise damit, dass sich die Kölner Titel in einer anderen Marktposition befinden: wirtschaftlich, aber auch in Bezug auf die Leserschaft. Sie überschneide sich in Köln in weitaus höherem Maß als in der Hauptstadt. Der Anteil der Print-Doppelleser liege „bei bis zu zehn Prozent, digital ist der Anteil der Leser des Stadt-Anzeigers, der ,Express.de‘ nutzt, noch viel höher“. Umso wichtiger sei, dass sich beide voneinander unterscheiden. Generell aber gelte: „Ein ,Weiter so‘ funktioniert nicht mehr. Der wirtschaftliche Druck und die Digitalisierung zwingen uns zu neuen Strukturen.“ Daher sei es erforderlich, zu einer anderen Organisation zu kommen, „um unsere Leser bestmöglich auf allen Kanälen zu erreichen und um Freiraum zu gewinnen für innovative Produkte“.

Die „innovativen Produkte“ sind das, was DuMont meint, wenn von „Perspektive Wachstum“ die Rede ist. Worum es dabei gehen könnte? Fiedler nennt „Apps, personalisierbare Angebote und eine neue E-Paper-Variante“. Aber auch die gedruckte Ausgabe des „Kölner Stadt-Anzeigers“ soll im Herbst einen Refresh bekommen, der „seinen Charakter als Qualitätspapier unterstreicht“.

Soweit die Nachrichten aus Köln. Abschließend die versprochene Übersicht, wer bei den DuMont-Titeln nun eigentlich welche Teile zuliefert und produziert.

-         In Köln werden künftig aus einem gemeinsamen Newsroom heraus die gedruckten und digitalen Ausgaben von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ produziert.

-         Die überregionale Berichterstattung des „Express“ wird wie bisher gemeinschaftlich mit den Schwesterzeitungen „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“ gestemmt.

-         Der Politikteil und die Wirtschaftsseite des „Kölner Stadt-Anzeigers“ werden von der DuMont Hauptstadtredaktion erstellt. Neu ist, dass sie in Berlin produziert und als fertige Seiten nach Köln geliefert werden. Im Gegenzug sollen künftig in Berlin Mitarbeiter sitzen, die, so Fiedler „unsere rheinische Perspektive einnehmen“.

-         Die DuMont Hauptstadtredaktion ist nicht nur Mantellieferant des „Kölner Stadt-Anzeigers“, sondern auch der „Mitteldeutschen Zeitung“ in Halle und natürlich der „Berliner Zeitung“.

-         Die „Berliner Zeitung“ allerdings wird in Zukunft zusammen mit dem „Berliner Kurier“ aus einem gemeinsamen Newsroom heraus produziert, bei dem die Redakteure nicht mehr einer Marke zuzuordnen werden und crossmedial arbeiten.

-         Die Berichterstattung aus dem Umland bekommt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ von der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft geliefert, die dasselbe für die „Kölnische Rundschau“ macht. Die „Kölnische Rundschau“ mit Helmut Heinen als Herausgeber gehört zwar DuMont, bezieht ihren Mantelteil jedoch vom Bonner „Generalanzeiger“.

In Köln sagt man: Et hätt noch immer jot jejange. usi

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