DuMont Berlin Die Reaktionen auf den Umbau beim Berliner Verlag

Donnerstag, 27. Oktober 2016
Das neue Gebäude des Berliner Verlags am Berliner Alexanderplatz
Das neue Gebäude des Berliner Verlags am Berliner Alexanderplatz
© Dumont

"Content is king, Technology is queen". Solche Sätze hörte die resignierte Belegschaft von "Berliner Kurier" und "Berliner Zeitung" am Donnerstag bei DuMont in der Hauptstadt. CEO Christoph Bauer war da, Aufsichtsratsmitglied Hans Werner Kilz erzählte von Journalisten, die bei Reformen immer skeptisch reagierten. Den Mann, der die harten Zahlen und Fakten präsentierte, kannte kaum einer. Es war Jörg Mertens. Der frühere Holtzbrinck-Manager stellte sich als Geschäftsführer der neuen Berliner Newsroom GmbH vor.

Die einst kampferprobte Belegschaft des Berliner Verlags wirkte still und resigniert. Wie die Lämmer zur Schlachtbank bewegten sich die Berliner Mitarbeiter der DuMont Mediengruppe am Donnerstag, kurz vor elf Uhr, in den intern "Große Halle des Volkes" genannten Saal im Gebäude des Berliner Verlags. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Geschäftsführung, Michael Braun und Jens Kauerauf, bereits den Redaktionsausschuss und den Betriebsrat über das informiert, was HORIZONT zuvor berichtet hatte. Am künftigen Standort in der Alten Jacobstraße wird "schrittweise bis voraussichtlich Mitte 2017" ein Newsroom aufgebaut, an dem "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" print wie digital aus einer Hand produziert werden. Wie das konzeptionell und praktisch funktionieren soll, wurde nicht erläutert. Fest steht nur, dass der Verlag mit 50 Stellen weniger auskommen will.

Die Berliner Newsroom GmbH fungiert als Dienstleister, an dem sich "über eine Zwischenholding neben der DuMont Mediengruppe auch digitale Experten als Gesellschafter beteiligen können". Redaktionell verantwortlich sind Jochen Arntz, designierter Chefredakteur der "Berliner Zeitung", der allerdings direkt nach der Versammlung in die Hauptstadtredaktion verschwand, außerdem Elmar Jehn, bisher Chefredakteur "Berliner Kurier", und der zuletzt für "die digitale Transformation" zuständige Thilo Knott. Er wirkte auf die Belegschaft wie der Primus inter Pares.

Den bisher bei "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" angestellten Redakteuren teilte der ursprünglich als Umzugsbeauftragter engagierte und nun zum Geschäftsführer des Newsrooms aufgestiegene frühere Holtzbrinck-Manager Jörg Mertens mit, sich bei der neuen Gesellschaft bewerben zu können. Angeblich habe "jeder dieselben Chance". Vorgesehen sind allerdings nur noch 110 Stellen mit Vergütungen, die an den geltenden Branchentarifvertrag lediglich angelehnt sind. Insgesamt soll der Newsroom 140 Stellen zählen. 30 gehen an die bestehende DuMont Hauptstadtredaktion und die Online-Redaktion Berlin24 Digital GmbH, deren Mitarbeiter als einzige gewiss sein dürfen, mit zum neuen Standort in der Alten Jacobstraße umzuziehen.

Das Wort Entlassung fiel während der Versammlung am Donnerstag nicht. Lieber wurde von den neuen Stellen gesprochen, die im Newsroom geschaffen würden. Von neuen Arbeitsweisen, einer "Kultur des Lernens", einer "ständigen Betaphase", von Disruption und Digitalisierung wurde gesprochen. "Content is king, technology is queen", lautete einer der Sätze, den sich die verstörten Mitarbeiter merkten. Vieles von dem, was sie hörten, interpretierten sie als zynisch. Nachfragen ließ Christoph Bauer keine zu.

Stattdessen gab er für die DuMont Mediengruppe "ein ausdrückliches Bekenntnis zur publizistischen Qualität an ihrem Berliner Standort ab". Der CEO erneuerte seinen Slogan von der "Perspektive Wachstum" und sagte, ein "Weiter wie bisher" sei keine zukunftsfähige Alternative.  Die, sagte Kilz, hätte darin bestanden, die beiden Zeitungen "noch zwei Jahre beim Niedergang" zu begleiten. Nur wenn dieser Neuanfang gelinge, "können wir unseren publizistischen Auftrag sicherstellen."

Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) unter Vorsitz von Hans-Peter Buschheuer, früher Chefredakteur des "Berliner Kurier", erklärte: "Mit der Zerschlagung der gemeinsamen Firma Berliner Verlag und der Gründung einer eigenen Gesellschaft für den 'Berliner Kurier' aus angeblich rein steuerrechtlichen Gründen hat man die Belegschaft seinerzeit hinters Licht geführt. Jetzt stellt sich heraus, dass dies zur Vorbereitung diente, um jetzt die Kündigungsschutzregeln eines sogenannten Betriebsübergangs zu umgehen." Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von einem "Desaster" für die Betroffenen und einer "Bankrotterklärung des Managements".  Der Betriebsrat nannte DuMonts "Perspektive Wachstum" in Berlin ein "Projekt Kahlschlag". Am Nachmittag fanden in den einzelnen Bereichen weitere Teilbetriebsversammlungen statt. Ob und in welcher Form "Berliner Kurier" und "Berliner Zeitung" am Freitag erscheinen, vermochte niemand zu sagen. usi

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