DuMonts neuer Berliner Newsroom Großer Abbruch, kleiner Neuanfang

Donnerstag, 27. Oktober 2016
Jochen Arntz leitet künftig gemeinsam mit Elmar Jehn und Thilo Knott den Berliner Newsroom
Jochen Arntz leitet künftig gemeinsam mit Elmar Jehn und Thilo Knott den Berliner Newsroom
Foto: DuMont Mediengruppe

Heute werden die Entscheidungen am Alexanderplatz verkündet: Die DuMont Mediengruppe fusioniert ihre Redaktionen in Berlin in einem gemeinsamen Newsroom. Damit verbunden ist ein drastischer Personalabbau, der vor allem die "Berliner Zeitung" trifft.

Nachdem HORIZONT Online vor eineinhalb Wochen über die radikalen Pläne von DuMont-CEO Christoph Bauer berichtet hatte, haben Aufsichtsräte und Vorstand in Köln die bereits fertigen Konzepte nochmals auf den internen Prüfstand gestellt. Ergebnis: In der Substanz bleiben sie unverändert, die soziale Abfederung des Personalabbaus ist nachjustiert worden. Und am Wording ist mit Hilfe von Heiko Kretschmer, Managing Partner der Kommunikationsagentur Johannsen + Kretschmer, bis zuletzt gefeilt worden. Um 11 Uhr wollen die DuMont-Oberen heute in der "Großen Halle des Volkes", wie der Versammlungsraum im ersten Stock des Verlages spöttisch genannt wird, vor die Mitarbeiter treten.

Sie  werden ankündigen, dass "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" in ihrem neuen Domizil in der Alten Jakobstraße, das Anfang nächsten Jahres bezugsfertig ist, aus einem gemeinsamen Newsroom heraus produziert werden, sowohl die Printausgaben als auch die digitalen Formate. Die bisherige Organisation der Redaktionen in Ressorts entfällt weitgehend, themenorientierte Teams sollen die Verantwortung für die Inhalte in allen Kanälen übernehmen. Für die künftige Gemeinschaftsredaktion wird, wie vermutet, eine neue Gesellschaft gegründet, die Berliner Newsroom GmbH, mit Sitz in Köln. Geleitet wird die gemeinsame Redaktion von einem Trio: Jochen Arntz, bisher Chefredakteur der DuMont Redaktionsgemeinschaft, Elmar Jehn, bisher "Kurier"-Chef und Thilo Knott, Chefredakteur für digitale Entwicklung bei DuMont.

Dieses Newsroom-Konzept folgt dem Beispiel anderer deutscher Regionalzeitungen, die damit erfolgreich arbeiten. Deutliche  Ähnlichkeiten weist die neue, an Themen orientierte Organisation etwa mit dem Newsroom der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg auf. Allerdings vereint DuMont zwei unterschiedliche Genres, die Abo-Zeitung und den Boulevard, an einem gemeinsamen Desk – dafür gibt es bisher kein Beispiel. DuMont korrigiert zudem einen  offenkundigen Fehler aus der Vergangenheit: Unter der Ägide des früheren Vorstands waren die Online-Redaktionen der Verantwortung der Chefredakteure entzogen worden, um die Inhalte stärker an der Vermarktung zu orientieren. Ergebnis: Die digitalen Reichweiten von "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" sind mit 1,5 beziehungsweise 1,3 Millionen Unique User im Monat ausgesprochen bescheiden und für die Vermarktung praktisch irrelevant. Drastisch wird der Personalabbau ausfallen. Bereits am Dienstag hat DuMont den Anfang der Ankündigungen gemacht, mit der Schließung des Berliner Standorts der Tochtergesellschaft DuMont Systems. Die technische Betreuung der Redaktionen wird an eine externe Firma ausgelagert, 16 IT-Experten sind davon betroffen. Gestern wurde der Verkauf der Callcenter in Halle und Berlin angekündigt, heute nun geht es um die Redaktionen. Von den etwa 160 journalistischen Stellen am Standort Berlin dürfte mindestens ein Drittel wegfallen, allerdings sehr ungleich über die Bereiche verteilt. Weitgehend unangetastet bleiben die DuMont-Redaktionsgemeinschaft, also der Berliner Autorenpool des Konzerns, sowie die Onlineredaktion Berlin 24. Auf ein knappes Viertel seiner circa 60 Redakteure muss der "Berliner Kurier" verzichten, den großen Rest soll die "Berliner Zeitung" als Beitrag zur Kostenentlastung bringen. Rein rechnerisch läuft das auf die Trennung von etwa 40 der bisher 90 Redakteure beim Berliner Flaggschiff von DuMont hinaus - genauer wohl: beim ehemaligen Flaggschiff.

Mit der Neugründung der Berliner Newsroom GmbH will sich DuMont die Möglichkeit eröffnen, die künftige Belegschaft nicht im Wege der Sozialauswahl zusammenzustellen, wie sie bei betriebsbedingten Kündigungen vorgeschrieben ist. Arntz, Jehn und Knott wollen stattdessen in jedem Einzelfall entscheiden, wer der neuen Redaktion angehört. Juristisch ist dieses Vorgehen mit hohen Risiken behaftet, über die  tatsächliche Zusammensetzung der Redaktion werden in den nächsten ein bis zwei Jahren Arbeitsgerichte entscheiden. Um den sozialen Sprengstoff in den kampferprobten Berliner Redaktionen zu entschärfen, geht DuMont mit Angeboten auf Betriebsrat und Gewerkschaften zu. "Freiwillige" Abfindungen werden in Aussicht gestellt, ausgemusterte Redakteure könnten vorübergehend noch in einer Transfergesellschaft weiterbeschäftigt werden.

Nicht zu den Ankündigungen gehört der von einigen Medien in den vergangenen Tagen kolportierte Rückzug der "Berliner Zeitung" auf ihr altes Kernverbreitungsgebiet im Osten der Stadt. Eine Provinzzeitung in der Metropole, zugeschnitten auf die Leser in Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf, diesen Kurs wollen die DuMont-Oberen ausdrücklich nicht zum Programm machen. Sie müssen es aber auch gar nicht. Angesichts einer Auflage im freien Fall (zuletzt minus 12 Prozent auf gerade noch 77.000 hart verkaufte Exemplare), angesichts des weitgehenden Verzichts auf Markenführung, Abo-Marketing und sonstiges verlegerisches Handeln vollzieht sich der Rückzug auf die Treuesten der Treuen ganz von selbst. uv

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