DuMont Mediengruppe Christoph Bauers Operation an den Herzkammern des Verlages

Montag, 17. Oktober 2016
Christoph Bauer krempelt DuMont um
Christoph Bauer krempelt DuMont um

Knapp 17 Monate nach dem Tod des Verlegers Alfred Neven DuMont verschreibt CEO Christoph Bauer den Redaktionen von DuMont eine brachiale Therapie. Und in der Branche wird gemunkelt: Die Gesellschafter des rheinischen Imperiums könnten ihre Firma ganz oder teilweise verkaufen – an die Funke-Gruppe in Essen.

Köln, Amsterdamer Straße 192. Alles transparent, sehr viel Glas, imposante Architektur. Die DuMont Mediengruppe residiert hier, immer noch eins der wichtigeren Verlagsunternehmen der Republik. Im 4. Stock hat Christoph Bauer sein Büro, seit 2014 steht er an der Spitze des Vorstands. Im Mai 2015 ist Alfred Neven DuMont gestorben, der Patriarch der Familie und der Firma. Bauer hat er noch persönlich engagiert. Nevens Büro, ein paar Schritte von dem des CEO entfernt, aber zwei Treppenstufen höher, hat seine Tochter Isabella bezogen.

Isabella Neven DuMont vertritt ihren Familienzweig im Aufsichtsrat, Christian DuMont Schütte agiert dort als Vertreter der Schütte-Linie und Vorsitzender. Aus dem Aufsichtsrat heraus hatte Neven lange Jahre das Unternehmen geführt, sehr operativ. Heute ist das anders. Heute entscheidet der Aufsichtsrat, was der Vorstandschef zur Entscheidung vorlegt.

Bauer, Jahrgang 1970, hat seine Karriere bei Bertelsmann begonnen und reichlich Verlagserfahrung in der Schweiz gesammelt. Dort wurde er als Medienmanager des Jahres ausgezeichnet. Ein Analytiker mit strategischem Weitblick, durchsetzungsstark. In seinen ersten beiden Jahren bei DuMont hat er ein beachtliches Tempo vorgelegt. An den Standorten Köln, Halle, Berlin und Hamburg wurden regionale Medienhäuser aufgebaut, die ihre Titel eigenständig vermarkten. Bauer hat das Unternehmen auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, Funktionen outgesourct, GmbHs gegründet, Abteilungen geschlossen, Dienstleistungen eingekauft. Im Vorstand ist niemand mehr, der bei Bauers Amtsantritt dabei war.

Neven Dumont
Bild: BDZV

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Eines ist Bauer nicht: ein Publizist. Im traditionell publizistisch geführten Haus DuMont hat er als CEO formell nicht einmal die Zuständigkeit für das Herz des Unternehmens, die Redaktionen. Dafür gibt es die Herausgeber, nach dem Tod des Verlegers also Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte. Die allerdings agieren als Herausgeber ebenso zurückhaltend wie als Aufsichtsräte. Bauer hat Robert von Heusinger, den Journalisten im Vorstand, aus dem Gremium gedrängt. Er hat jetzt freie Hand, seine Management-Operationen auf die Herzkammern des Unternehmens auszudehnen. Im 4. Stock der Kölner Zentrale laufen die OP-Vorbereitungen auf Hochtouren.

In der Branche schwirren die Gerüchte durcheinander wie Motten im Abendlicht: Wird das einst stolze Verlagshaus sich demnächst den redaktionellen Mantel seines Traditionstitels „Kölner Stadtanzeiger“ von der anderen Rheinseite, von der Funke-Gruppe in Essen, liefern lassen? Oder von Madsack in Hannover? Plant Bauer einen Kahlschlag bei seinem Hauptstadttitel, der „Berliner Zeitung“? Ist die DuMont Redaktionsgemeinschaft, vor fünf Jahren als ambitioniertes Synergieprojekt gestartet, ein Auslaufmodell? Und immer lauter wird diese Frage gestellt: Wird DuMont zu Beginn nächsten Jahres überhaupt noch ein selbstständiges Verlagshaus sein? Oder steht der Ausverkauf des rheinischen Imperiums unmittelbar bevor?

Auf einige Fragen zeichnen sich Antworten ab, anderes bleibt vorerst ungewiss. Auch deshalb, weil die handelnden Personen noch nicht alle Fragen für sich beantwortet haben.

Standort Köln: Express und Stadtanzeiger machen gemeinsame Sache

Das redaktionelle Konzept für den Standort Köln steht in seinen Grundzügen. „Stadtanzeiger“ und „Express“ werden künftig an einem gemeinsamen Newsdesk produziert. Die bisherige Strategie, wonach einerseits DuMonts Abotitel („Kölner Stadtanzeiger“, „Berliner Zeitung“ und „Mitteldeutsche Zeitung“) eng miteinander kooperieren und andererseits die Boulevardtitel „Express“, „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“, ist obsolet. Jetzt werden Boulevard- und Abotitel an den Standorten zusammengespannt – zwei völlig verschiedene Genres an einem Newsdesk, ein waghalsiges Unterfangen.

Der „Express“ schreibt tiefrote Zahlen, die Printausgabe ist ökonomisch so gut wie tot. Digital hat der Boulevardtitel dagegen eine bemerkenswerte Reichweite von mehr als 19 Millionen Visits monatlich. Er soll sich ganz auf seine Rolle als führendes Internetportal für Köln, Karneval, FC und blanke Brüste konzentrieren, eine standardisierte Printausgabe entsteht künftig am Newsdesk eher nebenbei. Beim „Stadtanzeiger“ dagegen, der gerade eine enttäuschende Erfahrung mit Paid Content im Netz hinter sich hat, steht die Printausgabe als Umsatz- und Gewinnbringer auf absehbare Zeit im Vordergrund.

Die Operation Newsdesk Köln soll 4 Millionen Euro jährlich sparen, vorwiegend durch Personalabbau. Peter Pauls, Chefredakteur des Flaggschiffs, einst enger Vertrauter des Verlegers, geht diesen Weg nicht mehr mit. Er wird ab Anfang nächsten Jahres als Chefautor geführt. Carsten Fiedler, bisher „Express“-Chefredakteur, soll das Newsroom-Konzept umsetzen.

Das ist aber noch nicht alles. DuMont will, ein passendes Angebot vorausgesetzt, seinen überregionalen Mantel für Köln künftig von außen beziehen. Passende Angebote gibt es, mindestens zwei. Die Funke-Gruppe hat sich als Dienstleister positioniert, bietet überregionale Seiten zum Komplettpreis von etwa 200 Euro an – ein Tarif, der durch Inhouse-Produktion nicht zu schlagen ist. Und Madsack hat dieses Angebot noch einmal unterboten. Beide sehen sich als Konsolidierer der zersplitterten deutschen Zeitungslandschaft. Für beide wäre DuMont ein Prestigekunde mit Signalwirkung in den Markt.

Berlin: Der finale Schuss – Rettungsschuss oder Todesschuss?

Eigentlich liegt es nahe, das Kölner Modell, wenn man es denn für richtig hält, auf die Hauptstadt zu übertragen: „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ werden aus einer Hand produziert, der überregionale Mantel wird zugeliefert. Der erste Teil ist beschlossene Sache. Den zweiten haben die Gesellschafter, Aufsichtsräte und Herausgeber, also DuMont Schütte und Isabella Neven DuMont, ausdrücklich dementiert: keine Mantellieferung für Berlin; auch die Redaktionsgemeinschaft, ebenfalls mit Sitz in Berlin, stehe nicht zur Disposition.

Das ist, mindestens auf den ersten Blick, unplausibel. Wenn Köln den Mantel von außen bezieht, braucht man dort die Redaktionsgemeinschaft nicht mehr. Deren Kosten hätte dann Berlin komplett zu tragen – bis auf jenen Anteil, den die „Frankfurter Rundschau“ als Kunde beiträgt und ein paar Euro, die DuMonts Standort in Halle als Solidarbeitrag beisteuert. Die finanziellen Probleme in der Hauptstadt würden noch größer.

Im Kölner Glaspalast kursieren für Berlin drastische Begriffe: letzte Chance, finaler Schuss ... Sicher ist, dass ein rabiates Kostenprogramm auf den Weg gebracht wird. Etwa 160 Redakteure arbeiten am Alexanderplatz in den Redaktionen von „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“ und in der eigenständigen Onlineredaktion. Für mindestens ein Drittel von ihnen wird es im neuen Domizil in der Alten Jakobstraße, wenige Kilometer vom Alex entfernt, keinen Arbeitsplatz mehr geben, rein zahlenmäßig.

An den Umzug von Verlag und Redaktion im nächsten Jahr knüpfen sich besonders wilde Spekulationen. Plant Bauer einen Coup nach dem Lensing-Wolff-Modell? Der Dortmunder Verlag hatte vor zehn Jahren seine komplette Redaktion in Münster über Nacht auf die Straße gesetzt und die Produktion mit einer neuen, kleineren und billigeren Mannschaft neu aufgenommen. Bauer kennt Restrukturierungsprozesse aus der Schweiz, wo es kein Betriebsverfassungsgesetz und kein Arbeitsrecht nach deutschem Muster gibt. Betriebsübergang, Sozialauswahl, Sozialplan: das sind Regularien, für die er wenig Verständnis aufbringt.

Auch deshalb kursiert dieses Szenario: Der Berliner Verlag am Alexanderplatz stellt seine Geschäftstätigkeit ein. Eine neue Gesellschaft – oder die nicht tarifgebundene Redaktionsgemeinschaft - übernimmt die Herstellung der beiden Zeitungen. Eigentlich führt das zu einem Betriebsübergang mit allen Rechten für die bisherigen Mitarbeiter. Gibt es Möglichkeiten, das Recht auszuhebeln? Vielleicht ja, sagen Arbeitsrechtler. Aber nur unter extremen Voraussetzungen: wenn die neue Firma ihren Geschäftsbetrieb in neuen Räumen aufnimmt (was beim Umzug der Fall ist), wenn nur ein sehr kleiner Teil der bisherigen Mitarbeiter angestellt wird, am besten keine Führungskräfte. Und, und, und.  

Dass Jochen Arntz, designierter Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, sein Amt nicht, wie seit langem geplant, am 1. Oktober angetreten hat, ist ein Indiz dafür, dass solche Pläne zumindest erwogen werden. Arntz bleibt vorläufig in der Redaktionsgemeinschaft – weil er gar nicht erst mit dem „alten“ Verlag in Verbindung gebracht werden soll? Offiziell heißt es bei DuMont, er müsse erst noch am neuen Redaktionskonzept arbeiten – auch aus dem Glaspalast heraus kann man auf nordkoreanische Art kommunizieren.

Ende Oktober will Bauer die Karten auf den Tisch legen. Vorsorglich hat man in der Druckerei in Berlin-Lichtenberg schon mal ein paar Computer mit dem Redaktionssystem installiert: Streikvorsorge.

Hamburg: Kleine Redaktion, große Öffentlichkeit

Bei der kleinen „Hamburger Morgenpost“ gibt es gerade einen  Vorgeschmack auf die öffentlichen Auseinandersetzungen, die DuMont bevorstehen. Nachdem der Betriebsrat Informationen veröffentlichte, wonach 15 bis 17 Stellen in der Redaktion gestrichen werden sollen, formierte sich umgehend eine große Protestkoalition aus SPD, CDU, Grünen und FDP in der Bürgerschaft.

Das große Ganze: Bleibt DuMont überhaupt DuMont?

Eigentlich deutet nichts darauf hin, dass die Familien Neven DuMont und DuMont Schütte ihr Unternehmen verkaufen wollen. Im Gegenteil. Die Gesellschafter haben erst kürzlich eine Kraftanstrengung unternommen, um den finanziellen und unternehmerischen Spielraum des Verlages deutlich zu erweitern. Die Details lesen sich kompliziert: eine Gesellschaft namens Sagittarius (der Schütze, Symbol des Unternehmens) wurde mit einer anderen verschmolzen, die Bilanzierung umgestellt.

Das klingt nach gehobener Buchhaltung, aber es handelt sich um strategische Schritte: Die Eigentümer haben Vermögen in das operative Geschäft eingebracht, sie haben stille Reserven in der Bilanz aufgelöst, Beteiligungen abgeschrieben – und so die Voraussetzungen geschaffen für neue Bankkredite in der Größenordnung  von 160 Millionen Euro. Das war eine Forderung Bauers, der dem Unternehmen einen dramatischen Nachholbedarf bei den Investitionen bescheinigt.

In das klassische Zeitungsgeschäft wird Bauer das frische Geld nicht investieren, im Gegensatz zu Funke und Madsack. Der CEO sieht die Zukunft DuMonts auf anderen Feldern, zum Beispiel beim eher drögen  „Bundesanzeiger“. Dieses amtliche Publikationsorgan hat den Reichtum des DuMont-Imperiums mitbegründet. Und verdient heute noch gutes Geld, Und hat Daten, Daten, Daten – den Rohstoff der neuen Medienwelt. Daraus lässt sich neues, anderes Geschäft entwickeln.

Und das Zeitungsbusiness? Vielleicht doch an Funke verkaufen? In eine gemeinsame Gesellschaft einbringen und sich dort mit der Rolle des Minderheitseigentümers begnügen? Alfred Neven DuMont hatte stets zwei Feinbilder: Springer und die andere Rheinseite. Die andere Rheinseite, das heißt Funke. Aber anderthalb Jahre nach seinem Tod räumt einer mit dem Erbe des großen Verlegers auf: Christoph Bauer. uv

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