Handelsblatt mit Doppelspitze Sven Afhüppe wird Chefredakteur / Viele Ressortleiter verlieren Titel

Freitag, 21. November 2014
Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Foto: Verlagsgruppe Handelsblatt

Ein Aufstieg, eine Menge Degradierungen – und mehr Arbeitsfreiheiten für viele. So lassen sich die Folgen der künftigen Redaktionsstruktur beim "Handelsblatt" beschreiben. Mit der neuen Großredaktion für Print, App und Web will Geschäftsführer Gabor Steingart Abläufe vereinfachen, zweitens mehr Redakteure im Land und in der Welt verteilen und drittens mehr Paid-Content-taugliche Inhalte produzieren, ohne dass der Traffic der Website sinkt.

Die Verschmelzung der bisherigen Redaktionen von "Handelsblatt", der dreimal täglich aktualisierten Bezahl-App "Handelsblatt Live" und des Portals Handelsblatt.com – HORIZONT hatte bereits über die Pläne berichtet – bringt einen Hauptgewinner hervor: Sven Afhüppe. Der 43-Jährige, seit Oktober 2011 stellvertretender Print-Chefredakteur, rückt im Januar zum Co-Chef aller "Handelsblatt"-Medien auf, neben Hans-Jürgen Jakobs, dem bisherigen Print-Chef. Dies erfuhr HORIZONT Online aus Redaktionskreisen der Zeitung; im Düsseldorfer Hauptquartier findet derzeit eine Informationsveranstaltung für Mitarbeiter statt.

Gabor Steingart
Bild: Lena Böhm

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Die künftige Gemeinschaftsredaktion der drei "Handelsblatt"-Medien Print, App und Web (die vierte Säule, die digitale International-Ausgabe "Handelsblatt Global Edition" in Berlin, soll davon unberührt bleiben) wird also ab 2015 – losgehen soll es im 1. Quartal – von einer Doppelspitze geführt. Jakobs soll hier eher für den großen Unternehmensteil zuständig sein, Afhüppe für Wirtschaft/Politik, Finanzen - und für Personalführung. Er hat nach VWL-Studium und Volontariat an der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten 1999 als Redakteur und Berlin-Korrespondent für die "Wirtschaftswoche" gearbeitet, ging 2004 in gleicher Funktion zum "Spiegel" und 2006 ins Berliner Büro des "Handelsblatts".

Stellvertretende Chefredakteure der Großredaktion werden Thomas Tuma (seit November 2013 Print-Vize, davor lange Wirtschaftsressortleiter beim "Spiegel") und Oliver Stock (seit August 2011 Chef von Handelsblatt.com und so zugleich Mitglied der Chefredaktion) als oberster CvD im neuen Newsroom. Sönke Iwersen, erfolgreicher Leiter des wichtigen "Handelsblatt"-Investigativteams und erst Anfang dieses Jahres mit einigem Tamtam zugleich zum Chefredakteur der App "Handelsblatt Live" berufen, verliert diese Schulterklappe schon wieder und tritt zurück ins Glied.

Ebenso wie eine dem Vernehmen nach zweistellige Anzahl von (stellvertretenden) Ressortleitern in Print und Online, die de facto degradiert werden; allerdings sollen sie ihre bisherigen Bezüge auch als "einfache" Redakteure behalten – was bei den Kollegen, die schon immer an der Basis gearbeitet haben, für Unmut sorgen könnte. Die Reduzierung der Ressortleiterstellen, eine Folge der Redaktionsfusion zur Vermeidung von Doppel- und Dreifachbesetzungen, soll aber nichts an der Zahl und am Zuschnitt der Ressorts ändern. Auch künftig soll es die vier Ressorts Unternehmen, Wirtschaft/Politik, Finanzen und Agenda geben.

Stellen in der dann knapp 200-köpfigen Gesamtredaktion will man nicht streichen, dies hatte eine Verlagssprecherin bereits betont und Steingart auf der Mitarbeiterversammlung bekräftigt. Das bedeutet: Künftig sollen mehr Kräfte fürs Recherchieren und Schreiben zur Verfügung stehen. Ziel der Reform sei es, "Abläufe zu vereinfachen, unnötige Barrieren zwischen Zeitung und Digitalprodukten zu beseitigen und wieder mehr Ressourcen – sprich Menschen und Geld – für die Vor-Ort-Recherche im In- und Ausland zu gewinnen", hat Steingart in einer internen Mail geschrieben. Das "Handelsblatt" solle eine "multimediale Reporterzeitung" werden, wird er zitiert.

Dabei wollen er, Jakobs und Afhüppe die Redakteure zum Umziehen ermuntern – sie können (oder sollen?) dort leben und arbeiten, "wo ihr Thema zuhause ist", wo also die Unternehmen und Branchen sitzen, über die sie berichten. Die Zahl der Korrespondenten und Reporter soll sich erhöhen, die Zahl der internen Redaktionsstellen verringern. Nur die etwa 50 Mitarbeiter im Newsroom sollen an die Düsseldorfer Zentrale gebunden bleiben. Bisher arbeiten "Handelsblatt"-Journalisten an 25 Standorten in 18 Ländern. Zudem sollen Selbstorganisation (in zwei Dutzend Thementeams) und Selbstbestimmung der Redakteure gestärkt werden, etwa durch eine Lockerung der Präsenzpflicht in der Redaktion. "Agenda Freiheit" nennt Steingart dies.

Das Ganze hat auch einen produktstrategischen Hintergrund: Über die kostenpflichtige „Live“-App sind (Bezahl-) Zeitung und (Gratis-) Website näher aneinander gerückt. Die Rollen: Die App für Exklusives, das Netz dagegen für allgemein zugängliche News – und als Teaser- und Werbemedium für die App. Dabei soll der Bezahl-Content ausgebaut werden, ohne dass der Traffic der Gratis-Site sinkt und damit die Basis für Werbeerlöse. Umso wichtiger ist die Choreographie der Inhalte in den drei Kanälen, von Gratis- und Bezahlcontent. Dies dürfte mit gemeinsamen Ressorts, Ressortleitungen und Verantwortungen für alle Produkte besser funktionieren. In diesem Jahr habe das Portal mit Onlinewerbung knapp 10 Millionen Euro eingenommen, 13 Prozent mehr als im Vorjahr, hat Steingart intern verkündet. Die Anzeigenumsätze der Zeitung seien immerhin stabil geblieben. rp

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