Digitalplattformen vs. Verlage Zeit-Online-Chef Jochen Wegner: „Ich glaube nicht an Apple-Korrespondenten in Athen“

Mittwoch, 29. Juli 2015
Jochen Wegner
Jochen Wegner
Foto: Die Zeit

Sind Digitalplattformen die Verlage der Zukunft? Manches spricht dafür – und die Verantwortlichen der möglicherweise betroffenen Häuser dagegen. Jetzt äußert sich Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online.

Soziale Netzwerke, Distributionsplattformen und Onlinekioske übernehmen immer mehr Verlagsfunktionen. Oft geht es nicht mehr nur um komplette Ausgaben oder Abos, sondern um einzelne Texte, aus denen die Plattformen eigene Angebote zusammenstellen. Die ersten beginnen sogar, Journalisten anzuheuern. Die Frage, ob diese Plattformen die Verlage der Zukunft werden könnten, haben HORIZONT (zuletzt in seiner Bezahlausgabe 30/2015 vom 23. Juli) sowie HORIZONT Online in den vergangenen Wochen intensiv erörtert. Und nach "SZ"-Digitalchefredakteur Stefan Plöchinger, G+J-Digitalboss Stan Sugarman und "FAZ"-Geschäftsführer Thomas Lindner spricht jetzt Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner …

… zum vermeintlichen Untergang der Verlage: Seit den 90er-Jahren wurde sicher ein halbes Dutzend Mal der Untergang des klassischen Mediensystems vorhergesagt, bewirkt durch irgendetwas Digitales – durch Online-Dienste wie Compuserve und AOL, durch das Internet, durch Portale wie Yahoo oder MSN, durch Google, Apple und nun Facebook. Bisher sind derlei Prophezeiungen nicht eingetroffen. Deshalb bleibe ich auch dieses Mal entspannt – und gespannt auf die neuen Entwicklungen.

… zum Wert von Inhalten: Es gibt nicht mehr den einen digitalen Giganten, der uns zerquetschen könnte, sondern drei, vier, fünf große Mitspieler, die miteinander konkurrieren und sich um uns bemühen. Sie reden mit Verlagen über Inhalte und wollen mit uns zusammenarbeiten. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so, und das ist sehr gut für uns. Zudem entstehen ständig neue, rein digitale Medien wie die HuffPo, wie Politico, .Mic oder Buzzfeed – was zeigt, dass Content-Geschäftsmodelle weiterhin spannend sind.
AlphaAppsOptik
Bild: HORIZONT-Grafik

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… zu den Mühen des Journalismus: Soweit ich sehe, haben digitale Konzerne bisher keine große Historie als Anbieter von Journalismus – denken Sie nur an Microsofts Versuche mit Slate. Und ich sehe auch nicht, dass sich daran etwas ändern könnte. Journalismus ist mühsam und stört eigentlich nur beim profitablen Kerngeschäft. Unternehmen wie Apple, Google und Facebook haben weder das Interesse noch die Kompetenz noch gar die Glaubwürdigkeit als Anbieter von klassischem Journalismus. Ich denke nicht, dass wir bald einen Apple-Korrespondenten in Athen oder bei den Schauen in Paris sehen werden. Als Plattformen, die Inhalte kuratieren und distribuieren, sind sie schon heute ein wichtiger Teil des medialen Ökosystems.

… über One-Man-Shows im Netz: Natürlich gibt es Autorinnen und Autoren, die heute als One-Woman- oder One-Man-Show im Netz eine eigene Marke aufgebaut haben. Auch Amazon ist sehr erfolgreich damit, Autoren direkt zu publizieren, ohne klassische Verlage und Agenten im Hintergrund. Über alle Themen hinweg und für große Zielgruppen scheinen Medienmarken weiterhin wichtig für Qualität, Glaubwürdigkeit, Haltung zu sein. Diese Marken müssen nicht bei klassischen Verlagen angesiedelt sein – Politico ist ein großartiges Gegenbeispiel.

… übers Publizieren ohne Mittelsmänner: Das Internet selbst ist doch ein Medium, das einzelnen Autoren bereits das Publizieren ohne weitere Mittelsmänner ermöglicht. Viele Projekte, die als kleine Blogs angefangen haben, sind zu großen Portalen geworden. Und natürlich sind manche Autoren eine eigene Marke und leben hervorragend davon. Trotzdem hat sich die alte Debatte um Blogs als das Ende klassischer Medienmodelle erledigt. Beide Welten koexistieren, es gibt keinen Sieger. (Aufgezeichnet von Roland Pimpl)

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