Digitalplattformen vs. Verlage Spiegel-Online-Chefin Katharina Borchert: „Verlage müssen konsequenter experimentieren“

Donnerstag, 30. Juli 2015
Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online
Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online
Foto: Spiegel Gruppe

Sind Digitalplattformen die Verlage der Zukunft? Manches spricht dafür – und die Verantwortlichen der möglicherweise betroffenen Häuser dagegen. Nun äußert sich Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online.

Soziale Netzwerke, Distributionsplattformen und Onlinekioske übernehmen immer mehr Verlagsfunktionen. Oft geht es nicht mehr nur um komplette Ausgaben oder Abos, sondern um einzelne Texte, aus denen die Plattformen eigene Angebote zusammenstellen. Die ersten beginnen sogar, Journalisten anzuheuern. Die Frage, ob diese Plattformen die Verlage der Zukunft werden könnten, haben HORIZONT (zuletzt in seiner Bezahlausgabe 30/2015 vom 23. Juli) sowie HORIZONT Online in den vergangenen Wochen intensiv erörtert. Und nach „SZ“-Digitalchefredakteur Stefan Plöchinger, G+J-Digitalboss Stan Sugarman, „FAZ“-Geschäftsführer Thomas Lindner und Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner meldet sich zum Abschluss der Serie Katharina Borchert zu Wort, Geschäftsführerin von Spiegel Online.

Sind diese Plattformen die Verlage der Zukunft? Facebook, Blendle und Co. sind neue, spannende Distributionsplattformen für unsere journalistischen Inhalte. Durch sie haben wir die Möglichkeit, Zielgruppen an unsere Marke heranzuführen, die wir bisher nicht oder nur teilweise erreichen konnten. In dieser Funktion werden sie in Zukunft sicherlich eine gewichtige Rolle spielen. Verlage sind sie aber deshalb noch lange nicht, denn Distribution ist eine Aufgabe von Verlagen, auch wenn es nicht der Kern ihrer verlegerischen Tätigkeit ist.

Welche Verlagsfunktionen können diese Plattformen denn niemals übernehmen? Unabhängigen Qualitätsjournalismus, investigative Recherche, kluge Analysen des politischen Geschehens gehört nicht zur DNA dieser Plattformen, und es ist auch nicht davon auszugehen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Sie sind auch so sehr erfolgreich, und für ihr Geschäftsmodell brauchen sie selbst keine eigenen Redaktionen. Die Plattformen können eine zusätzliche Infrastruktur schaffen, werden aber nicht die Heimat kritischer, unabhängiger Redaktionen sein.

Was genau schützt das Geschäftsmodell der Verlage vor Vereinnahmung durch die Plattformen? Uns schützen die Stärke unserer Marken und das Vertrauen in unsere Arbeit. Umso wichtiger ist es, alles dafür zu tun, dass dieses Vertrauen erhalten bleibt und wir unseren Kernaufgaben nachkommen. Wir müssen unsere Nutzer schnell, präzise, hintergründig und unterhaltsam über alles Relevante informieren und sie überall dort erreichen, wo sie sich gerade aufhalten. Und wir müssen noch deutlicher herausstellen, dass unser Journalismus unabhängig ist und bleiben wird.

Was müssen Verlage heute (mehr als bisher) tun, um ihr Geschäftsmodell möglichst gut und lange zu behaupten? Verlage können und müssen auch von diesen Plattformen lernen, indem sie konsequenter experimentieren und schneller auf Marktentwicklungen reagieren. Sie müssen sich auf der einen Seite ihrer Kernkompetenzen besinnen, aber auch besser darin werden, strategische Partnerschaften einzugehen. Dazu können eben auch Partnerschaften mit besagten Plattformen gehören. Bei manchen Plattformen fällt das derzeit leichter als bei anderen. Facebook ist zum Beispiel sehr weit auf Verlage zugegangen und versucht, ein Angebot wie Instant Articles mit den Partnern zusammen weiterzuentwickeln. Apple hingegen baut einfach einen Adblocker ein und nimmt uns damit eine wichtige Umsatzquelle. Das richtige Verhältnis zu den großen Netzwerken lässt sich nur herausfinden, wenn man aufeinander zugeht. Simples Schwarz-Weiß-Denken bringt uns hier sicherlich nicht weiter. (Interview: Roland Pimpl)

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