Digitalplattformen vs. Verlage "SZ"-Digitalchef Plöchinger: "Ich will nicht immer alles als Risiko sehen"

Freitag, 24. Juli 2015
Stefan Plöchinger
Stefan Plöchinger

Sind Digitalplattformen die Verlage der Zukunft? Manches spricht dafür - doch die Verantwortlichen der möglicherweise betroffenen Häuser sprechen dagegen. Den Anfang macht Stefan Plöchinger, Digital-Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung".

Darum geht es: Soziale Netzwerke (Facebook Instant Articles), Inhalte-Distributoren (Apple News-App), Messenger (Snapchat Discover) und Onlinekioske (Blendle) übernehmen immer mehr Verlagsfunktionen. Suchmaschinen (Google), Shopping-Portale (Amazon) und Dienste wie Twitter und Linkedin dürften eines Tages mit neuen Presse-Angeboten nachziehen. Und immer öfter geht es nicht mehr nur um komplette Ausgaben oder gar Abos, sondern um einzelne Texte, aus denen die Plattformen eigene Angebote zusammenstellen. Die ersten von ihnen beginnen sogar, Journalisten anzuheuern, zunächst nur zum Kuratieren der Zulieferungen, irgendwann vielleicht aber auch zum Erstellen eigener Inhalte.

Die Frage, ob diese Plattformen die Verlage der Zukunft werden könnten, hat HORIZONT in seiner Bezahlausgabe 30/2015 vom 23. Juli und in den Wochen zuvor auch in HORIZONT Online ausführlich erörtert.

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Gegenüber HORIZONT Online richtet nun Stefan Plöchinger, Digital-Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", den Blick in die Zukunft.
„Wenn die Konzerne irgendwann wirklich in Massen recherchierende, schreibende, filmende Journalisten einstellen würden, würden wir vielleicht wirklich über Verlegerisches reden; aber so denke ich bei den Plattformen eher an neue Arten von Kiosken.“
Stefan Plöchinger
Herr Plöchinger, sind diese Plattformen die Verlage der Zukunft?
Nein, die Kategorie passt irgendwie nicht richtig. Da sind wir jetzt im Theoretischen, aber Wesenskern des Verlegerischen ist ja immer auch das Publizistische; Distribution, Abrechnung und Marketing konstituieren das nicht allein. Wenn die Konzerne irgendwann wirklich in Massen recherchierende, schreibende, filmende Journalisten einstellen würden, würden wir vielleicht wirklich über Verlegerisches reden; aber so denke ich bei den Plattformen eher an neue Arten von Kiosken.

Welche Verlagsfunktionen können diese Plattformen denn niemals übernehmen? Sag niemals nie. Man hätte ja auch nicht zwingend darauf gewettet, dass Jeff Bezos die „Washington Post“ kauft. Die Annäherung an Amazon-Funktionsweisen läuft inzwischen auch. Wer weiß schon, wie in ein paar Jahren der Markt aussieht? Ich beurteile den Markt deshalb lieber aus der Jetzt-Perspektive.

Was schützt das Geschäftsmodell der Verlage vor Vereinnahmung durch diese Plattformen? Wenn wir uns diese Plattformen als Kioske vorstellen, ist Vereinnahmung nicht das Problem, vielmehr bietet die Zusammenarbeit größere Chancen. Eine Plattform wie Blendle kann uns bezahlende Leser herantragen, die uns noch nicht kennen. Wenn Facebooks Instant Articles ein Metered Model unterstützen, kann das aus gleichem Grund sehr attraktiv sein. Ich will nicht immer alles als Risiko sehen. Im Gegenteil ist es ratsam, angesichts der Marktmacht und der Nutzerzahlen der Konzerne über Geschäftschancen nachzudenken.
„Für mich ist die einzig relevante Frage, wie der Journalismus im klassischsten Sinne – unabhängig, investigativ, tief und kenntnisreich – den digitalen Medienbruch überleben kann.“
Stefan Plöchinger
Inwieweit ist es besser für Presse, Land und Leute, wenn Verlage den Job machen – und nicht (nur) solche Plattformen? Für mich ist die einzig relevante Frage, wie der Journalismus im klassischsten Sinne – unabhängig, investigativ, tief und kenntnisreich – den digitalen Medienbruch überleben kann. Dieser so beschriebene Journalismus wird gerade zu einem Gutteil von Verlagen getragen, und Technikkonzerne liefern bisher vor allem Verbreitung. Wenn man nach Erlöschancen geht, ist nicht dringend zu erwarten, dass Letztere richtig dick ins finanziell nicht einfache Journalistengeschäft einsteigen werden. Weil eben das Modell „Redaktionen machen die Inhalte, Technikkonzerne streuen sie“ für sie recht attraktiv ist. Kurz, es ist für unsere Gesellschaft vermutlich gut und wichtig, wenn es unsere Redaktionen noch lange gibt.
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Bild: HORIZONT-Grafik

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Was müssen Verlage heute (mehr als bisher) tun, um ihr Geschäftsmodell möglichst gut und lange zu behaupten? Wir sollten uns überlegen, wie wir die Plattformen für unsere eigenen Interessen gut nutzen können. Google und Facebook sind ja deshalb so groß und mächtig, weil dort viele Nutzer sind; diese Monopolstellung darf man als liberaler Mensch und kritischer Journalist natürlich kritisieren. Aber wirtschaftlich ist es schlau, dort zu sein, wo viele Menschen sind und man viel Geschäft machen kann – sage ich als Chefredakteur einer Abomodell-Nachrichtenseite, der zum Beispiel von kluger Neukundengenerierung auf den genannten Plattformen noch mal richtig profitieren kann und will.

Interview: Roland Pimpl

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