Digitalplattformen vs. Verlage G+J-Digitalchef Sugarman: „Journalismus ist Kerngeschäft, nicht Opportunität“

Montag, 27. Juli 2015
Stan Sugarman
Stan Sugarman
Foto: Gruner + Jahr

Sind Digitalplattformen die Verlage der Zukunft? Manches spricht dafür – und die Verantwortlichen der möglicherweise betroffenen Häuser dagegen. Zum Wochenbeginn steigt Stan Sugarman in die Bütt, Chief Digital Officer bei G+J Deutschland.

Darum geht es: Soziale Netzwerke, Distributionsplattformen und Onlinekioske übernehmen immer mehr Verlagsfunktionen. Und immer öfter geht es nicht mehr nur um komplette Ausgaben oder gar Abos, sondern um einzelne Texte, aus denen die Plattformen eigene Angebote zusammenstellen. Die ersten beginnen sogar, Journalisten anzuheuern. Die Frage, ob diese Plattformen die Verlage der Zukunft werden könnten, haben HORIZONT (zuletzt in seiner Bezahlausgabe 30/2015 vom 23. Juli) sowie HORIZONT Online in den Wochen zuvor ausführlich erörtert. Und nach „SZ“-Digitalchefredakteur Stefan Plöchinger am Freitag blickt heute G+J-Digitalchef Stan Sugarman in die Zukunft.

Sind diese Plattformen die Verlage der Zukunft? Nein, denn Journalismus ist nicht ihre DNA. Technologie und Userströme sind ihre Treiber – die beherrschen sie hervorragend. Aber Verlage haben die erfahrenen Redaktionen und die relevanten und recherchierten Geschichten. Wenn es um Einordnung, Orientierung, hochwertige Unterhaltung und Inspiration geht, werden die etablierten journalistischen Marken der Verlage auch in Zukunft nicht zu ersetzen sein. Aber ein Nebeneinander wird es geben, zum Beispiel bei schnell drehenden Breaking News. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und mit einem Fair Share für beide Seiten kann eine Win-Situation für Verlage und Plattformen gleichermaßen sein. Deshalb sind wir mit unseren digitalen Medien im App Store und im Newsstand, deshalb testen wir Instant Articles und Blendle mit ausgewählten Marken von Gruner + Jahr.

Was können Verlage denn, was die Digitalplattformen nicht können? Die DNA der Verlage ist investigativer, meinungsstarker Journalismus. Die Social Networks orientieren sich an den schnell drehenden Trendthemen ihrer User. Sie werden kein Reporterteam in den Himalaya schicken, hartnäckig eine monatelange Recherche verfolgen oder sich nur mit den besten Nutzwert- oder Bilderstrecken zufrieden geben. Das können und tun nur Journalisten und Verlage, denen solche Themen am Herzen liegen. Komplexe und herausragende journalistische Leistungen gibt es nicht nebenbei.
„Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und mit einem Fair Share für beide Seiten kann eine Win-Situation für Verlage und Plattformen gleichermaßen sein.“
Stan Sugarman
Inwieweit ist es denn besser für Presse, Land und Leute, wenn nur Verlage diesen Job machen? Journalismus ist für Verlage Kern-Geschäftsmodell, nicht Opportunität. Verlage erreichen breite Interessen- und fast alle Altersgruppen der Gesellschaft, ihre Marken schreiben nicht ausschließlich für die Generation Y. So entstehen Meinungsvielfalt und Medienvielfalt.

Was müssen Verlage heute (mehr als bisher) tun, um ihr Geschäftsmodell möglichst gut und lange zu behaupten? Sie sollten weiter daran arbeiten, die Stärken von investigativem, gut recherchierten Journalismus und starken journalistischen Marken auch in einer Welt der digital verteilten Inhalte durchzusetzen: Meinung, Haltung, Uniqueness, nicht austauschbar sein. Dies impliziert, die relevanten technischen Details zu verstehen und die geeigneten Partnerschaften mit Plattformbetreibern einzugehen. Und entschlossenes Invest in Marken, Formate und Technologie. Interview: Roland Pimpl

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