"Digitale Totalüberwachung" Sascha Lobos zornige Abrechnung mit der Werbeindustrie

Mittwoch, 02. April 2014
ADC 2010: Sascha Lobo als Internet-Evangelist
ADC 2010: Sascha Lobo als Internet-Evangelist

Was haben NSA und Digitalwerbung gemeinsam? Ziemlich viel, behauptet  Sascha Lobo in einem fulminanten Artikel in der „FAZ". Der Beitrag ist vieles zugleich: ein wütendes Pamphlet gegen Werbung und das Militär, ein  Abgesang auf datenhungrige Internetkonzerne und - indirekt - das erneute Eingeständnis des Autors, das Web früher allzu blauäugig gefeiert zu haben.

„Daten, die das Leben kosten", heißt die Überschrift des Beitrags. Ein Beitrag, der ziemlich viele starke Sätze hat. Beispielsweise: „Die digitalen Supermächte sind dabei, jedem Menschen ein Preisschild anzukleben."

Es wird ziemlich schnell klar, dass mit den Supermächten Rüstungskonzerne genauso gemeint sind wie Internet- und Werbeunternehmen. Und es ist beim ersten Lesen imponierend, beim zweiten Lesen erschreckend, mit welcher Leichtigkeit und vermeintlichen Logik der ehemalige Werber und Internet-Evangelist Sascha Lobo vom Militär entwickelte Killerdrohnen gedanklich in die Nähe der Werbeindustrie rückt.

In Lobos Analyse liest sich das so: „Die gesamte Ökonomie transformiert sich zu einer Datenökonomie, die digitale Vernetzung und ihre Datenflüsse sind das Nervensystem der kommenden Wirtschaft." Oder so: „Online-Werbung ist zum privatwirtschaftlichen Arm der digitalen Totalüberwachung mutiert, nur dass es sich hier um Kauf- und nicht um Killwahrscheinlichkeit geht."

Danke Sascha Lobo, dass mir endlich der Unterschied zwischen einem Rüstungskonzern und einer Werbeagentur klar geworden ist. Beide machen eigentlich das Gleiche, der einzige Unterschied ist "nur", dass es einmal ums Killen, das andere Mal ums Kaufen geht.  Wahrscheinlich sollten Werbetexter ihren Müttern weiterhin erzählen, dass sie Pianist im Bordell sind. Kurzum: Blödsinn bleibt Blödsinn, auch wenn er noch so brilliant formuliert wird.


In den Germanistik- und Soziologie-Seminaren der 80er-Jahre war Werbung der Todfeind einer demokratischen Gesellschaft (und auch ich diskutierte über die diversen „ideologischen Staatsapparate", zu denen die Werbeindustrie damals gezählt wurde). In dieser Zeit war die „Frankfurter Rundschau" eine wichtige Zeitung. Wenn ein Redakteur nicht umhin kam, über Werbung zu schreiben, war immer abfällig von Reklame die Rede.

Die Erkenntnis, dass Werbung keine Manipulationsmaschine ist (auch, weil Menschen sich nicht so leicht manipulieren lassen, wie sich das ein Soziologie-Student vorstellt), kam dann Gottseidank später.


Unter dem Schlagwort Big Data erlebt nun die Ideologie von der Werbung als Bestandteil, wenn nicht sorgar wichtige Antriebsfeder, der bösen Macht seine Wiederauferstehung.

Der Text von Sascha Lobo ist dafür ein besonders starkes Beispiel. Seine Rede von automatisierten Killerdrohnen liest sich wie das Treatment für ein "Terminator"-Sequel.  Doch dass der Datenhunger automatisierter Tötungsinstrumente ein anderer ist als der, auf dem automatisierte Werbung basiert, verschweigt er. Lobo will die Ideologie, die Big Data zugrunde liegt, demaskieren. Doch weil für ihn Big Data eben Big Data ist, wird er unpräzise.

Vor dem Datenhunger von Internetkonzernen warnt übrigens nicht nur Lobo, sondern auch HORIZONT - genauso wie von der teilweise naiv anmutenden Datengläubigkeit von Agenturen, Vermarktern und Technikspezialisten in der Werbeindustrie. Doch kann man das alles in einen Topf werfen? Sind Texter, Screendesigner und Art Direktoren eigentlich ohne es zu wissen Teil eines neuen militärisch-industriellen Komplexes, der Menschenrechte, Datenschutz und Privatsphäre systematisch missachtet? Sind Tina Beuchler, Jean-Remy von Matt, Martin Sorrell und andere Top-Manager der Werbeindustrie nur die „Charaktermasken" dieser digitalen Supermacht namens Werbung?

Auch an anderer Stelle wird Lobo zu viel in einen Topf. Die Armada der Datenschutzgegner besteht für ihn aus einer bunten Koalition aus Google, Microsoft, deutschen Adresshändlern, der Zeitschriften- und Marketingbranche.  Dass die vermeintlichen Koalitionäre erbitterte Gegner sind, wird nicht erwähnt. Und den von kleinen bis allenfalls mittelständischen Unternehmen geprägten Markt wie die Zeitschriftenverleger in eine Reihe mit dem  Riesen Google und seinen Serverfarmen und Milliardenumsätzen zu stellen, greift nicht nur zu kurz, sondern ist schlichtweg falsch.


Man muss kein Großkritiker sein, um bedenkliche  Entwicklungen der Medien- und Werbeindustrie zu diskutieren. Die Gefahr, dass Werbung zu einem datengetriebenen oligopolistischen Markt, bei dem wenige große Internet-Konzerne den Ton angeben, besteht durchaus. Kein vernünftiger Mensch möchte nach einem Online-Einkauf monatelang gestalkt werden. Werbung darf nicht bedeuten, dass Adserver zum wichtigsten Bestandteil einer Kampagne werden. Undundund - es gibt viele Punkte, über die sich diese Branche neu vergewissern muss.

Sascha Lobo fordert einen „neuen Internetoptimismus" - für die von Berufs wegen optimistischen Werber sollte dies ein guter Anknüpfungspunkt für weitere Diskussionen sein. Lobo: „Es geht nicht um die Ablehnung des Fortschritts, sondern um dessen Richtung." Das kann nicht gegen, sondern nur mit dem Internet gehen. Man muss vielleicht doch nicht zu Stein erstarren, wenn man ins Gesicht der Medusa blickt. vs

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