Digital Media Conference Print als Hemmschuh fürs Digitalgeschäft?

Donnerstag, 05. Februar 2015
Christian Fricke, Geschäftsleiter Bauer Digital
Christian Fricke, Geschäftsleiter Bauer Digital
Foto: Bauer

Das ist doch mal eine These zur Transformation: „Das Digitale nützt Print wenig“ – mit dieser Meinung dürfte Bauers Digitalchef Christian Fricke für Stirnrunzeln bei manchen Verlagskollegen sorgen, die sich ihre defizitären Sites durch erhoffte Abstrahleffekte aufs Stammgeschäft schönrechnen. Doch auch sein eigenes Haus pflegt diese Spill-over-Rhetorik, wie gleichzeitig deutlich wurde.

Da steht Fricke auf der Bühne der Digital Media Conference (DMC) in Hamburg. Dämpft Hoffnungen, dass ihr Digitalgeschäft den Verlagen zu mehr Abos verhelfen könnte („Oft zu geringe Schnittmengen der Print- und Online-Zielgruppen“). Sagt, dass sich beide Sparten sogar behindern könnten: Der regionale (Print-) Fokus sei ein „Hemmschuh für international skalierendes Digitalgeschäft“. Kündigt daher das weltweite Label „Xcel Media“ für Bauers Digitalaktivitäten an, um den Austausch von Produktideen und Technologie zwischen den großen Länderdependancen zu forcieren. So könne sich jede der drei Bauer-Sparten (Print, Radio, Digital) zu 100 Prozent auf ihre speziellen Anforderungen fokussieren, so Fricke.

In jenen Sekunden streut der Verlag seine Pressemitteilung in Sachen Xcel Media. Mancher schaut aufs Handy – und staunt: Sowohl das „Zeitschriftengeschäft als auch der Ausbau des digitalen Business werden durch diesen Schritt gestärkt“, verkündet Bauer da. Also doch eine Befruchtung Digital zu Print? Oder nur Pflicht-Rhetorik für ein Haus, das immer noch über 80 Prozent seiner Umsätze mit Gedrucktem erzielt? Egal. Doch die Episode zeigt, dass sogar Bauer mit seiner Alleinverlegerin bei der digitalen Transformation bisweilen noch schwankt.
Yvonne Bauer
Bild: Bauer Media

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Doch wie sollen denn da Verlage mit einer komplexeren Gesellschafterstruktur klarkommen, ganz extrem etwa der „Spiegel“, der zur Hälfte seinen (Print-) Mitarbeitern gehört? „Bei der digitalen Transformation müssen sich auch Strukturen ändern“, sagt Jörg Mertens, COO bei Dieter von Holtzbrincks DvH Medien (Verlagsgruppe Handelsblatt, „Zeit“, „Tagesspiegel“). Dann könnten etwa Finanzinvestoren besser helfen, riskante Investitionen zu stemmen. Und kleinere Häuser könnten in neuen Strukturen Knowhow und Investments zusammenlegen.
„Aus Start-ups und Beteiligungen allein erwächst kein neues Facebook.“
Tobias Henning
Doch auch beim börsennotierten Konzern Axel Springer „macht es Spaß, mutig zu sein“, sagt Tobias Henning, General Manager bei Bild Digital. Bei guten Ideen würden Vertrauen und Geld vorgeschossen; außerdem gebe es einen regen Austausch mit dem Springer-eigenen Accelerator Plug and Play. Aber das befreie keinen Bereich davor, seine Transformations-Hausaufgaben selbst zu machen: „Aus Start-ups und Beteiligungen allein erwächst kein neues Facebook“, so Henning auf der DMC, die von der Beratungsfirma Cassini veranstaltet wurde.

Davon ist auch Gruner + Jahr noch recht weit entfernt. Aber immerhin: Die Zusammenarbeit zwischen den Digital- und Printabteilungen nimmt zu, berichtet Eva-Maria Bauch, Geschäftsführerin bei G+J Digital Products. Das liege aber weniger an der vor drei Monaten vollzogenen G+J-Komplettübernahme durch Bertelsmann, sondern mehr an den faktischen Notwendigkeiten. Und vielleicht auch schlicht am Nachholbedarf, mag man da hinzufügen. rp

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