"Die unheimliche Macht" Wie das Handelsblatt den Spiegel-Titel geraderücken will

Freitag, 27. Oktober 2017
Der Mantel der aktuellen Handelsblatt-Ausgabe
Der Mantel der aktuellen Handelsblatt-Ausgabe
© Verlagsgruppe Handelsblatt

Vor einigen Wochen widmete sich der Spiegel in seiner Titelgeschichte der "unheimlichen Macht" der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Das Handelsblatt hält diese Titelzeile offensichtlich für verfehlt - und kopiert sie dennoch eins zu eins.
Auch die Titelgeschichte der Wochenendausgabe der Wirtschaftszeitung trägt die Headline "Die unheimliche Macht". Darin geht es allerdings nicht um das öffentlich-rechtliche Rundfunksystems Deutschlands. Stattdessen hat sich die Redaktion mit Facebook, Google und Co. beschäftigt: Die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley hätten durch ihre Datensammelwut und ihre marktbeherrschende Stellung eine "Verwertungsmaschine" gebaut, die "kaum noch zu kontrollieren" sei.
(Bild: Verlagsgruppe Handelsblatt)
Auf acht Seiten widmet sich das Autorenteam Catrin Bialek, Astrid Dörner, Christof Kerkmann und Britta Weddeling den Tracking- und Werbetechnologien von Facebook und Google. Außerdem skizzieren die Redakteure die Versuche der Politik, die Marktmacht der Web-Riesen einzuhegen. Zusätzlich haben Bialek und Kerkmann ein Interview mit der Buchautorin Sarah Spiekermann-Hoff ("Networks of Control") über die "totale Überwachung im Internet" geführt.  Nun wäre die exakte Kopie einer bereits vor Wochen bei der Konkurrenz erschienenen Headline ohne jegliche Erklärung reichlich merkwürdig. Deswegen gibt es auf Seite 5 der Ausgabe ein längeres Editorial von Chefredakteur Sven Afhüppe, in dem er die Titelwahl erklärt.

Wir erinnern uns: In seiner Coverstory mit dem Untertitel "Wie ARD und ZDF Politik betreiben" hatte der Spiegel seinerzeit kritisiert, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur ein massiv aufgeblähter Apparat sei. Auch die Nähe zur Politik, die Ferne der Sender zu den Menschen sowie die Presseähnlichkeit der Netz-Angebote von ARD und ZDF kamen zu Sprache. Hinterher gab es eine lange und kritische Stellungnahme der ARD zu den Inhalten.
Der Spiegel Die unheimliche Macht
Bild: Der Spiegel

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Afhüppe ist der Meinung, dass die Spiegel-Geschichte das völlig falsche Problem thematisierte: "Abgesehen davon, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland im Vergleich zum Staatsfunk in China oder Russland ungefähr so unheimlich ist wie der Kinderkanal Kika im Vergleich mit dem konservativen Propagandsender Fox News: ARD und ZDF sind, bei aller Wertschätzung der journalistischen Arbeit, nicht jene Konkurrenten, die das Geschäftsmodell der Verlage bedrohen."

Die eigentliche "unheimliche Macht" übten vielmehr Amazon, Facebook und Google aus. "Die Technologiekonzerne aus dem Silicon Valley werden zunehmend zur Gefahr - für die Demokratie, die freie Meinungsäußerung und die Privatsphäre", so Afhüppe. "Es ist unheimlich, was die Konzerne alles über uns wissen und wie freizügig und instransparent sie unsere Informationen verwenden."

Mit dem Editorial hat Afhüppe nicht nur die Diskussion um das Schlüsselwort "Staatsfunk", das im Zusammenhang mit ARD und ZDF von Kritikern gerne verwendet wird, dorthin verbannt, wo es hingehört: In die Sphäre autoritärer Systeme. Er macht außerdem auf ein Problem aufmerksam, dass nicht nur die Medienhäuser umtreibt, sondern auch Daten- und Verbraucherschützer sowie einfache Bürger: Wie viel Macht haben Facebook, Amazon und Google tatsächlich - und wie viel ist überhaupt wünschenswert? ire
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