Die neue "Vice" im HORIZONT-Check Underground-Journalismus im Hochglanz-Look

Mittwoch, 13. April 2016
Das Cover der frisch relaunchten "Vice"
Das Cover der frisch relaunchten "Vice"
Foto: Vice
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Relaunch Ellis Jones


Diesen Luxus muss man sich erst einmal leisten können: Drei Monate hat sich das Szenemagazin "Vice" für seinen Relaunch Zeit gelassen und dafür eigens eine kreative Auszeit eingelegt. Nach dem Launch der runderneuerten US-Ausgabe im März erscheint in dieser Woche auch die deutsche Ausgabe im neuen Gewand. HORIZONT Online bietet exklusiv einen Einblick in das neue Heft.
Während das Cover weitgehend unverändert blieb – ein außergewöhnliches Foto, kein Text, das Logo wurde etwas kleiner und der Hinweis "Free" erscheint nun weniger prominent am unteren Rand – blieb innerhalb des Magazins kein Stein auf dem anderen. Sowohl die Struktur als auch das Design wurden unter der Regie der neuen US-Chefredakteurin Ellis Jones grundlegend überarbeitet.
Das Cover der frisch relaunchten "Vice"
Das Cover der frisch relaunchten "Vice" (Bild: Vice)
Das Magazin gliedert sich ab sofort in drei Teile: Die "Briefs", Nachrichten, kürzere Stücke und Infografiken bilden den Einstieg: Darauf folgt der in der deutschen Ausgabe schlicht "Features" genannte zentrale Teil mit den "Vice"-typischen langen Lesestücken und Bilderstrecken. Den Abschluss bilden ab sofort die "Field Notes": Kolumnen, Kommentare, die stark ausgedünnten Reviews zu Platten, Büchern und Filmen sowie die Rubrik "Hinter dem Cover", die die Entstehung des aktuellen Titelbilds beschreibt.
Die "Briefs" bilden ab sofort den Einstieg ins Heft
Die "Briefs" bilden ab sofort den Einstieg ins Heft (Bild: Vice)
Auch das Layout folgt ab sofort einem klaren Regelwerk. Die alte "Vice" wirkte streckenweise immer noch ein wenig konfus und selbstgestrickt und konnte ihre Wurzeln als Fanzine kaum verleugnen. Das neue Layout kommt dagegen sehr aufgeräumt, streckenweise fast schon streng daher. Viel Weißraum und ein oft symmetrischer Seitenaufbau kennzeichnen das neue Design. Kürzere Texte sind in der Regel dreispaltig, bei längeren Lesestücken bietet ein zweispaltiges Layout den Augen Erholung. Grafiken kommen nur sehr sparsam zum Einsatz; auch in der neuen "Vice" sind große Fotostrecken ein wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts. In der neuen Ausgabe präsentiert das Magazin unter anderem Auszüge aus dem italienischen Fotografie-Magazin "Toilet Paper" oder eine Fotostrecke über Transexuelle in Südafrika.
Fotostrecke aus dem italienischen Magazin "Toilet Paper"
Fotostrecke aus dem italienischen Magazin "Toilet Paper" (Bild: Vice)
Auch inhaltlich bleibt sich "Vice" weitgehend treu. Der journalistische Kern des Magazins sind nach wie vor Reportagen und Texte über vergleichsweise abseitige, aber gerade deswegen spannende Themen jenseits des Mainstreams. Lesetipps in der Relaunch-Ausgabe: Eine Reportage über Ugander, die durch die Gesetze gegen Homosexuelle ins Nachbarland Kenia fliehen mussten, ein Stück über eine Organisation, die Mexikaner bei der Flucht in die USA unterstützt oder die Reisereportage über das feucht-fröhliche Fest Skach Koyl der Maya. Wermutstropfen sind die mitunter leicht holprigen deutschen Übersetzungen von Texten aus der US-Ausgabe.
Eines der langen Features in der neuen "Vice"
Eines der langen Features in der neuen "Vice" (Bild: Vice)
Einige Rubriken haben den Relaunch nicht überlebt. Langjährige Leser werden unter anderem die ironischen "Do's and Don'ts" oder den Comic am Ende des Heftes vermissen, über den in der aktuellen Ausgabe dafür Auszüge aus dem neuen Graphic Novel "Patience" von Daniel Clowes hinwegtrösten.

Insgesamt ist "Vice" mit dem Relaunch optisch ein großer Wurf gelungen.  Am inhaltlichen (Erfolgs-) Konzept hat sich indes wenig geändert. "Vice" ist erwachsen und damit noch professioneller  geworden. Der wilde Indie-Charme des einstigen Fanzines ist allerdings ein wenig auf der Strecke geblieben. Wie das neue Konzept in der Zielgruppe ankommt, wird sich zeigen. Am Kiosk muss sich "Vice" bekanntlich nicht beweisen: Die gesamte Auflage in Höhe von rund 100.000 Exemplaren in Deutschland wird kostenlos über 900 Auslegestellen unter die Leute gebracht. dh
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