Die Zeit Wie Giovanni di Lorenzo seine Leser über die mögliche Heftrevolution abstimmen lässt

Sonntag, 08. Oktober 2017
Zeit-Macher Giovanni di Lorenzo
Zeit-Macher Giovanni di Lorenzo
© Screenforce Days / Willi Weber

Welcher Ton ist richtig in der Berichterstattung über Flüchtlinge, Europa oder Israel? Warum verschwendet die Zeit so viel Platz für "Reklame"? Und bekommt der Chef wegen mancher TV-Talkshowsprüche daheim von seiner Redaktion auch mal was auf den Deckel? Fragen über Fragen im "Leserparlament". Nicht zu vergessen: Soll die Zeit ihr Heftformat ändern?

Audimax der Uni Hamburg, vollbesetzt trotz Samstagvormittag und Bahnchaos nach dem Sturm. Der Verlag lädt zum „Tag der Zeit“, als Auftakt des neuen Abonnentenprogramms „Freunde der Zeit“. Über 2000 Leser hatten sich angemeldet, aus ganz Deutschland, sogar aus der Schweiz; nur 1600 duften kommen, aus Platzgründen. Rüstige Rentner mit Thermoskanne im Rucksack, Mittvierziger in Smart Casual, Twentysomethings in Schlabberpullis oder schicken Schals, Frauen wie Männer, viele Paare: Wohl ein Querschnitt der bildungsbürgerlichen Gesellschaft diskutiert mit Giovanni di Lorenzo und anschließend mit seinen Redakteuren. Fragend, lobend, kritisierend. Und der Chefredakteur lässt die Leser etwas hinter die Kulissen blicken – und auch in seine Gedanken.

Der Zeit-Einladung sind viele Leser gefolgt
Der Zeit-Einladung sind viele Leser gefolgt (Bild: dfv)
Seine in Relation zu den meisten Hamburg-Berlin-München-Medienmachern vergleichsweise branchen- und regierungskritische Haltung bei der Flüchtlingsthematik? „Ich vertrete da in meinem Blatt eine Minderheitenposition.“ Üppige und „kryptische“ (so ein Leser) Uhren-Geschichten im Zeit Magazin? „Die haben auch in der Redaktion nicht nur Freunde, sind aber begehrte Anzeigenumfelder“, sagt di Lorenzo: „Und ohne Werbung wäre die Zeit mindestens doppelt so teuer, wenn wir uns weiterhin auf dem Niveau unsere Recherchen leisten wollen.“ Sollte die Zeit auch Anzeigen von AfD oder Türkei-Offiziellen drucken? „Grundsätzlich habe ich ein Problem mit dem Ablehnen von Werbung, solange sie nicht volksverhetzend ist. Auch Werbung ist Meinungsäußerung, eben eine bezahlte.“ Heißt in etwa: Türkei-Urlaub ja, Erdogan-Verherrlichung nein. Und die AfD? Schwierig. Die Mehrheit im „Leserparlament“ jedenfalls würde es tolerieren – falls denn eine Buchung dieser Partei gekommen wäre. „Dieser Kelch ging an uns vorüber“, sagt der Chefredakteur.

Die "Freunde der Zeit" dürfen bei dem Titel mitbestimmen
Die "Freunde der Zeit" dürfen bei dem Titel mitbestimmen (Bild: Zeit)
Und berichtet von Erwägungen, ein „Streit“-Ressort zu gründen. Nicht "Debatte" oder so, sondern "Streit", zum „zugespitzten Debattieren“. Eine Mehrheit im Audimax stimmt zu. Dann lässt er über die Titelstory der nächsten Ausgabe votieren, über ein paar anstehende Recherchethemen – und über das künftige Aussehen der Zeit. Dass man darüber nachdenkt, vom sperrigen Nordischen Format auf eine kleinere (gar Magazin-) Variante zu wechseln, ist bekannt. Di Lorenzo präsentiert zwei Tabloid-Dummys (vertikal gedrehtes Nordisches Format) mit gleicher Schriftgröße wie bisher: ein geheftetes und eines mit losen Ressortbüchern, die man weiterhin herausnehmen kann. Letztere Tabloid-Variante gewinnt im „Leserparlament“ das Votum, auch gegenüber dem Status quo. In Verlagskreisen raunt mancher, genau diese Entscheidung sei bereits gefallen. Es wäre eine Revolution in der über 70-jährigen Geschichte der Zeit – und 1600 Leser hätten das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Wobei der Chefredakteur kaum Zweifel daran lässt, dass er alle Abstimmungen eher als wichtiges Stimmungsbild liest und weniger als bindendes Votum.

Am Tag vor dem (Leseran-) Sturm: Rainer Esser, Wencke Tzanakakis und Giovanni di Lorenzo
Am Tag vor dem (Leseran-) Sturm: Rainer Esser, Wencke Tzanakakis und Giovanni di Lorenzo (Bild: Zeit)
Tags zuvor, beim Vorab-Pressegespräch: „Wir bieten keine Promis auf, sondern nur uns“. Fast erstaunt wirkt di Lorenzo (der durch seine TV-Auftritte indes selbst schon ein bisschen Promi ist), dass sich derart viele Abonnenten für den „Tag der Zeit“ angemeldet haben, zur Diskussion mit über 40 Redakteuren, Korrespondenten und Autoren aus Print und Online. In rund 20 Einzelsessions (das „Leserparlament“ war die Eröffnung) wollen die Zeit-Macher mit ihren Lesern ins Gespräch kommen: Über Aufgaben und Unabhängigkeit des Journalismus, übers Heftmachen, über Textformate, über die Geschichten hinter den Geschichten.

Die Veranstaltung, die künftig jährlich stattfinden soll, ist das Auftaktevent zum neuen Abonnentenprogramm „Freunde der Zeit“. Auch hier sollen sich (Festbezug-) Leser und Redakteure näher kommen, bei „Unter Freunde“-Abenden (Diskussionen, Ausstellungen, Aufführungen) in sechs Städten, bei Redaktionsbesuchen auch in den Außenbüros und bei „Meisterklasse“-Workshops, in denen Zeit-Redakteure erklären, wie man Newsletter schreibt, Fake-News erkennt oder gelassen-agil den Alltag meistert. Nur die Seminare sind kostenpflichtig und auch für jeden zugänglich – Abonnenten zahlen weniger und werden bei Überbuchungen vorgezogen. Dies gilt auch für die übrigen jährlich bisher über 150 Zeit-Veranstaltungen.

Exklusiv für Festbezieher gibt es außerdem Zusatzprodukte: E-Books und Podcasts mit Artikelsammlungen und Making-of-Geschichten. Und ab 12. Oktober wird in jeder Zeit-Ausgabe auf einer festen Seite sowie per Newsletter über die Arbeit der Redaktion berichtet und debattiert.

Mit dem Programm, das laut Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser einen hohen sechsstelligen Betrag kostet, will der Verlag den Anreiz erhöhen, Abonnent zu werden und vor allem: zu bleiben. Anders als die Clubprogramme anderer Titel bietet „Freunde der Zeit“ weniger Nutzwert als vielmehr Begegnung und Dialog. Dabei rechnet Esser auch mit Kritik: „Nicht jede Begegnung ist eine Umarmung.“ Und die Bezahlseminare der Redakteure? Als neues Erlösmodell will er sie nicht verstanden wissen; hier gehe es eher um Kostenbeteiligung. Das Hauptziel sei die langfristige Abonnentenbindung. Wohl auch vor dem Hintergrund, dass es immer mühsamer und teurer wird, neue Leser zu gewinnen, um die Abgänge auszugleichen. Bisher zumindest gelingt das: Die Zeit vermeldet ziemlich stabil knapp 340.000 Abonnenten.

„Ohne Werbung wäre die Zeit mindestens doppelt so teuer, wenn wir uns weiterhin auf dem Niveau unsere Recherchen leisten wollen.“
Giovanni di Lorenzo
Das Programm (Leitung: Wencke Tzanakakis) verfolgt aber noch ein weiteres Ziel: Die Zeit möchte sich nahbarer geben und sich – zumindest für Abonnenten – nicht mehr nur durch die Produkte erlebbar machen, sondern auch durch den direkten Austausch mit den Machern. Chefredakteur di Lorenzo glaubt seine Leser zu kennen: „Sie interessieren sich sehr für unsere Arbeitsweise, und auch die kritischen Fragen an uns sind mehr geworden.“ Außerdem lebe die Zeit auch von der Leserbindung an bestimmte Autoren, umso wichtiger sei der Austausch mit ihnen. „Früher glaubte man, je weniger ein Blatt Einblicke in seinen Mythos gibt, desto besser sei das für den Mythos – das gilt schon lange nicht mehr“, sagt di Lorenzo. Auch der Redaktion sollen die Begegnungen mit den Lesern etwas bringen, einen schärferen Blick heraus aus der Medienblase.

Daher zurück in den Hörsaal, Samstag, mittlerweile Mittag. Eine Frage ist noch offen: Hat er wegen mancher TV-Talkshowsprüche schon einmal was auf den Deckel bekommen? „Einmal?“ fragt di Lorenzo zurück. Und bittet später im „Leserparlament“ darum, pro Thema nur einmal zu votieren. Denn: „Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht mit doppeltem Abstimmen.“ Die Kunst der Anspielung als Antwort – mit Zeit-Lesern kann er das gut machen. Die meisten im Saal verstehen den Gag, kennen den Kontext und heben lachend ihre Karte. Freunde halt. rp

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