"Die Welt steht vor einer neuen Zeitrechnung" So kommentieren die Medien die Wahl von Donald Trump

Mittwoch, 09. November 2016
Donald Trump hat sich gegen Hillary Clinton durchgesetzt - und das Netz reagiert schockiert
Donald Trump hat sich gegen Hillary Clinton durchgesetzt - und das Netz reagiert schockiert
Foto: DPA Picture Alliance

Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Die meisten Medien reagieren geschockt auf die Nachricht - und suchen nun nach den Ursachen für das überraschend deutliche Votum der Wähler in den USA. In einem Punkt sind sich die meisten Kommentatoren einig: Die USA stehen an einem historischen Wendepunkt - mit Auswirkungen auf die ganze Welt.

Klaus-Dieter Frankenberger, verantwortlicher Redakteur Außenpolitik der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

"Nach dem Brexit wird dem alten Gebäude westlicher Ordnung ein neuer Schlag versetzt. Der Zorn vieler Amerikaner war ganz offenkundig stärker als die Skrupel, sich auf ein gefährliches Experiment demokratischen Richtungswechsels einzulassen. Sie wählten den 'Wandel', verkörpert von einem Mann, der so offensichtlich gravierende Charaktermängel hat, so wie viele andere Wähler vor acht Jahren jenen Wandel gewählt hatten, den Barack Obama ihnen versprach. (...) Für Amerikas Freunde und Verbündete heißt es jetzt, sich mit der neuen Lage vertraut zu machen und sich ganz fest anzuschnallen!"

Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel Online

"Hillary Clinton war eine schwache Wahlkämpferin. In den Augen von Millionen Amerikanern verkörperte sie die Washingtoner Kaste. Sie steht für das Amerika der Hinterzimmerdeals, der politischen Egoismen, der vermeintlichen Korruption. Deswegen war sie vielen Amerikanern verhasst. (...) Was kann die Welt jetzt von diesem neuen Präsidenten Trump erwarten, was können wir erwarten? Das Problem ist: Wir wissen es nicht, weil er so unberechenbar ist. (...) Wir sind endgültig im Zeitalter des Populismus angekommen. Die internationale Politik wird wilder, sie wird härter, sie wird unberechenbarer, und das ist schlecht."

Stefan Cornelius, Ressortleiter Außenpolitik der "Süddeutsche Zeitung"

Die Machtverschiebung in den USA ist umfassend und vollkommen. Die drei Säulen der Nation, die Exekutive, die Legislative und die Judikative, sind in der Hand einer radikalen und unberechenbaren Partei und eines Präsidenten, den man wohlwollend noch als skurril bezeichnen kann. Viel wahrscheinlicher ist, dass Trump gefährlich ist für die USA und die Welt. Die Demokraten sind vernichtend geschlagen. Das Land und die Welt stehen vor einer neuen Zeitrechnung.

Jörg Quoos, Leiter der Zentralredaktion Berlin der Funke Mediengruppe

"Die beste Erklärung lieferte in der Wahlnacht der amerikanische Filmemacher Michel Moore: Ein wütendes, weißes Amerika hat einen menschlichen Molotow-Cocktail ins politische Establishment geschleudert. Es waren die Unpolitischen, die wirtschaftlich Abgehängten und die Wut-Bürger, die am Wahlautomaten ihren Frust nach acht enttäuschenden Obama-Jahren rausließen. Ihnen waren Lügen, Hass und auch üble Sex-Prahlereien egal. Sie folgten einem banalen - aber genialen - Versprechen: 'I make America great again'."

Michael Bröcker, Chefredakteur der "Rheinischen Post"

"Wenn Trump in Amerika Präsident werden kann, kann Marine Le Pen auch in Frankreich Präsidentin werden. Der Populismus ist mehrheitsfähig. Und er wächst. Es sagt einiges aus, dass die ersten Glückwünsche aus Europa von Geert Wilders, Marine Le Pen und den AfD-Vertretern über das Netz verschickt wurden. Für die Regierenden in Berlin, Brüssel und Paris ist der Trump-Sieg ein Weckruf. Sie müssen ihre Rhetorik überdenken, sollten auf Wählerbeschimpfung verzichten und sich ernsthaft mit den Unzufriedenen auseinandersetzen. Es bleibt ihnen ja auch gar nichts anderes übrig, wenn sie die wachsende Spaltung in den Wohlstands-Gesellschaften eindämmen wollen."

Niels Kruse, Auslandskorrespondent des "Stern"

"Mit Donald Trump führt ein Mann die westliche Welt an, der noch nie auch nur irgendein Amt ausgeübt hat. Der Politik höchstens aus Party-Smalltalk kennt. Und der bislang jeden Beweis schuldig geblieben ist, dass er auch nur annährend das Zeug dazu hat, den härtesten Job der Welt auszuüben. Donald Trump wird bei Amtsantritt der älteste US-Präsident aller Zeiten sein. (...) Selbst wenn der 45. Präsident nur die Hälfte seiner Versprechen wahrmachen sollte, wird er die USA auf die dunkle Seite der Macht führen. Die Amerikaner wollten das so, jetzt haben sie den Wechsel. Das ist vielleicht das Entsetzlichste an diesem historischen Tag."

Friedemann Diederichs, USA-Korrespondent des "Münchner Merkur"

"Donald Trump hat Amerika und den Rest der Welt geschockt. Mit seinem sensationellen Sieg zieht ein Demagoge für die Republikaner ins Weiße Haus, dessen politische Unerfahrenheit und teilweise radikalen Pläne nur noch von seinen charakterlichen Schwächen übertroffen werden. Der zum Start seiner Kampagne als chancenlos eingestufte Geschäftmann hat dabei von einem unglaublich großen Potenzial an "Wutbürgern" profitiert, die für seine Thesen empfänglich waren und nach acht Jahren unter Barack Obama nicht die versprochenen Verbesserungen spüren. Sie alle zeigten der etablierten Politik in Washington durch ihren Stimmzettel nun den Mittelfinger."
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