Deutscher Medienkongress Peter Frey: „Die Zuschauer wollen mehr als nur Bad News“

Dienstag, 28. November 2017
ZDF-Chefredakteur Peter Frey
ZDF-Chefredakteur Peter Frey
© ZDF / Laurence Chaperon

Sind die Leitmedien schuld am Aufstieg der AfD? Wie glaubwürdig sind sie noch? Und lässt sich Qualitätsjournalismus auf Dauer finanzieren? Über diese und viele weitere Fragen diskutiert beim Deutschen Medienkongress 2018 Peter Frey, Chefredakteur des ZDF. Im Gespräch mit HORIZONT Online fordert er einen Schulterschluss der Qualitätsmedien – und bricht eine Lanze für konstruktiven Journalismus.

Je turbulenter die politischen Ereignisse, desto schneller geraten neuerdings auch die großen TV-Sender, Zeitungen und Zeitschriften in die Kritik. Genauestens wird beobachtet, ob sie ausgewogen und ausführlich genug berichten. Talkshow-Besetzungen werden genauso hinterfragt wie Titelbilder, und ganz schnell werden Glaubwürdigkeit und journalistische Unabhängigkeit angezweifelt.

Für die Leitmedien ist das aktuell nur eine von vielen Herausforderungen – neben der Baustelle Internet und dem Kostendruck. Wie steht es um die "Leitmedien 2018"? Darüber diskutiert Peter Frey beim Deutschen Medienkongress mit Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur Spiegel, Dagmar Rosenfeld, stellvertretende Chefredakteurin WeltN24, und Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin Die Zeit. HORIZONT Online hat Peter Frey vorab fünf Fragen zum Thema gestellt.  

"Mit eingezogenem Kopf lässt sich kein Journalismus machen"

Herr Frey, Sie haben in einem Gastbeitrag für HORIZONT gefordert, die journalistischen Medien müssten angesichts von "Fake News" und "Lügenpresse"-Vorwürfen selbstbewusster auftreten. Wie kann das konkret aussehen? Ganz einfach: Indem wir unseren Job machen, denn diese Gesellschaft braucht faktentreue, kritische Berichterstattung – vielleicht mehr denn je. Und das geht nun mal nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein, mit eingezogenem Kopf lässt sich kein Journalismus machen. Es braucht ein gerades Kreuz, um den Mächtigen kritische Fragen zu stellen, den Finger in die Wunde zu legen, wo es nötig ist. Dazu kommt: Wir müssen selbstbewusst und klar benennen, wenn Grenzen überschritten werden, vor allem bei den Themen Erinnerungspolitik, Rassismus oder Antisemitismus.

DMK 2018

Der 10. Deutsche Medienkongress 2018 findet am 16. und 17. Januar 2018 in der Alten Oper Frankfurt statt. Top-Manager aus Unternehmen, Agenturen und Medien werden dort die wichtigsten Zukunftstrends der Branche diskutieren. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT AWARD an die Männer und Frauen des Jahres 2017. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 15. Dezember zum reduzierten Preis von 1099 Euro erhältlich. HORIZONT-Abonnenten erhalten zusätzlich jeweils einen Rabatt von 100 Euro auf die Kongressgebühr. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT AWARD. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2018 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit von ARD und ZDF unter der aktuellen Kritik diverser Verlage ("Staatsfunk") leiden wird? Die große Mehrheit der Bürger findet unsere Berichterstattung glaubwürdig, viele Millionen schalten jeden Tag unsere Programme ein. Aber natürlich verfängt diese Kritik bei manchen auch. Wir versuchen dem mit guter täglicher Arbeit, aber auch mit mehr Transparenz zu begegnen. So legen wir Fehler auf heute.de offen, wenn wir sie machen, geben außerdem Einblicke in unsere Arbeitsweise. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass es angesichts der Dominanz des Silicon Valley vielmehr einen Schulterschluss der Qualitätsmedien braucht – egal ob privat oder öffentlich-rechtlich. Wir haben da mehr gemeinsame Interessen, als die aktuelle Debatte suggeriert.

Den Leitmedien wurde nach der Bundestagswahl vorgehalten, zum Erfolg der AfD beigetragen zu haben. Für das ZDF haben Sie diesen Vorwurf zurückgewiesen – war er auch allgemein unbegründet? Das ist ein bisschen einfach. Zum Teil werden da schlicht die Überbringer schlechter Nachrichten gescholten. Ich sage ganz klar: Es ist weder die Aufgabe der Medien, die AfD kleinzuhalten, noch sie groß zu machen. Aber natürlich müssen wir Medien uns fragen, genauso wie andere gesellschaftliche Akteure von Politik über Gewerkschaften bis Kirchen, warum sich so viele Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen, einen Hass auf das "System" und dessen vermeintliche "Eliten" entwickelt haben. Das muss uns alle beschäftigen. 

„Angesichts der Dominanz des Silicon Valley braucht es einen Schulterschluss der Qualitätsmedien – egal ob privat oder öffentlich-rechtlich.“
Peter Frey
Wird das ZDF nach ihrem Einzug in den Bundestag anders mit der AfD umgehen als bislang? Ist ein Interview mit einem AfD-Experten etwa zum Gesundheitssystem vorstellbar? Selbstverständlich befragen wir die AfD – wie jede andere im Bundestag vertretene Partei – auch zu anderen Themen als zu ihren Lieblingsthemen. Jüngst hatten wir beispielsweise einen AfD-Politiker zum Thema Klimaschutz im "Morgenmagazin". Wir haben das im Übrigen auch so schon im Wahlkampf gehandhabt – und einen AfD-Vertreter etwa in einer "illner intensiv"-Ausgabe zum Thema Rente befragt.

Mit der Magazinsendung "plan b" präsentiert das ZDF seit Oktober "konstruktiven Journalismus", der Lösungen für gesellschaftliche Probleme wie den Mietnotstand aufzeigen soll. Wissen Sie, dass die Zuschauer optimistischere TV-Formate sehen wollen – oder wünschen Sie es sich? Das hat nichts mit Wünschen zu tun. Wir wissen aus vielen Studien, die wir zu unseren Sendungen durchführen lassen, dass es ein großes Interesse an Lösungen gibt in dieser immer komplexeren Welt. Der klassisch-journalistische Blick auf die Probleme, das Versagen, den Regelbruch ist weiterhin wichtig – und unser Kerngeschäft. Wenn man das Problem nicht benennt, kann es auch nicht gelöst werden. Aber es gibt eben auch einen berechtigten Wunsch, nicht nur "bad news", sondern auch Geschichten vom Gelingen zu zeigen. "plan b" ist unsere Antwort darauf.

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