Deutscher Medienkongress 2018 Klaus Brinkbäumer: „Eine demokratisch gewählte Partei sollte man nicht ausgrenzen“

Donnerstag, 12. Oktober 2017
Baut das Paid-Content-Angebot des Spiegel weiter aus: Klaus Brinkbäumer
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© Spiegel

Mit „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer wird beim Deutschen Medienkongress 2018 einer der renommiertesten und mächtigsten Journalisten des Landes auftreten. HORIZONT Online hat vorab mit ihm über die AfD, investigative Recherche, Adblocker und Paid Content gesprochen.

Herr Brinkbäumer, konnten Sie die Aufregung nachvollziehen, die es in der vorvergangenen Woche um das „Spiegel“-Titelbild zur Wahl gegeben hat? Man warf Ihnen vor, den Erfolg der AfD zu überhöhen, die die Volksparteien „überrollt“. Ich hatte und habe bei diesem Cover keine Bauchschmerzen. Der Titel zeigt, was passiert ist: CDU und SPD haben überraschend klar verloren, die Große Koalition wurde abgewählt. Die AfD ist in den Bundestag eingezogen und hat es geschafft, die öffentliche Debatte in den letzten Wochen vor der Wahl zu bestimmen. Man könnte darüber diskutieren, ob „überrollt“ das richtige Wort ist oder ob wir ein etwas ruhigeres Wort hätten wählen sollen; ich halte „überrollt“ für angemessen. Bei unserem Trump-Titel mit dem abgeschnittenen Kopf der Freiheitsstatue konnte ich die öffentliche Diskussion verstehen, diesmal aber nicht.

Haben die Medien der AfD im Vorfeld zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie es Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ARD und ZDF vorgeworfen hat? Vielleicht punktuell, aber fulminante und grundsätzliche Fehler habe ich nicht gesehen. Ja, die AfD wurde stärker durchleuchtet als die FDP, aber es gab eben auch mehr zu durchleuchten. Die internen Streitigkeiten der Partei waren zu Recht ein großes Thema. Die deutschen Medien haben den Fehler der amerikanischen vermieden, die Trump vor der Präsidentenwahl wie einen Star behandelt haben und zu spät zu recherchieren begannen.

Aber die Themen der AfD, vor allem Einwanderung, spielten eine große Rolle in der Berichterstattung, was der Partei womöglich genutzt hat. Die Medien müssen thematisieren, was die Menschen bewegt. Die Volksparteien haben es nicht geschafft, Themen wie die Globalisierung und die damit verbundenen Ängste selbst zu besetzen und Antworten zu präsentieren. Wenn eine Kanzlerin die Auseinandersetzung vermeidet und CDU und CSU mehr miteinander ringen als gemeinsam mit der AfD, dann sind dies nicht Fehler der Medien.

„Wenn eine Kanzlerin die Auseinandersetzung vermeidet und CDU und CSU mehr miteinander ringen als gemeinsam mit der AfD, dann sind dies nicht Fehler der Medien.“
Klaus Brinkbäumer
Die AfD stellt nun die drittstärkste Kraft im Bundestag. Dürfen sich ihre Vertreter künftig im „Spiegel“ gleichberechtigt mit Politikern anderer Parteien über Sachthemen äußern? Oder werden sie eine Art Sonderstatus behalten? Spannende Fragen. Das werden wir in den kommenden Wochen intern diskutieren, wenn sich der neue Bundestag und die neue Regierung sortiert haben. Natürlich wird es bei uns kein Podium für Rechtsradikale geben, die sich über Einwanderung auslassen wollen. Aber eine demokratisch gewählte Partei sollte man nicht ausgrenzen. Wenn es bei der AfD kompetente Experten zu wichtigen Themen gibt, werden wir sie zu Wort kommen lassen.

Sie haben im August in der Redaktion ein ressortübergreifendes Recherchenetzwerk eingerichtet. Wie sehen die ersten Erfahrungen damit aus? Wunderbar. Die Autoren können sich komplett auf die Recherche bestimmter Themen konzentrieren, weil sie von anderen Aufgaben freigestellt sind. Dadurch können wir flexibler auf Themen reagieren und konsequenter umfangreichere Recherchen durchführen. Eines der ersten Resultate war der Beitrag über Franz Beckenbauer im vergangenen „Spiegel“. Das Netzwerk stellt auch sicher, dass die Themen optimal über alle Kanäle, also über „Spiegel“, „Spiegel Online“ und „Spiegel TV“, gespielt werden. Weil dieses vernetzte Arbeiten immer wichtiger wird, haben wir im vergangenen Jahr das internationale Recherche-Netzwerk (EIC) ins Leben gerufen. Vor allem internationale Themen mit großen Datenmengen sind durch einzelne Journalisten schon lange nicht mehr zu recherchieren.

DMK 2018

Der 10. Deutsche Medienkongress 2018 findet am 16. und 17. Januar 2018 in der Alten Oper Frankfurt statt. Top-Manager aus Unternehmen, Agenturen und Medien werden dort die wichtigsten Zukunftstrends der Branche diskutieren. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT AWARD an die Männer und Frauen des Jahres 2017. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 15. Dezember zum reduzierten Preis von 1099 Euro erhältlich. HORIZONT-Abonnenten erhalten zusätzlich jeweils einen Rabatt von 100 Euro auf die Kongressgebühr. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT AWARD. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2018 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Neu ist beim Spiegel auch „S“, ein Stilmagazin, das sich mit den Themen Mode, Beauty, Design, Genuss und Interieur beschäftigt und vierteljährlich als Beilage erscheint. Wollen Sie damit eher den Lesern oder der Anzeigenabteilung etwas Gutes tun? Das eine schließt das andere nicht aus. Seit unsere Leser den „Spiegel“ zum Wochenende bekommen, tun ihm ein paar leichtere Themen sicherlich gut. Der „Spiegel“ ist und bleibt aber ein politisch-investigatives Nachrichtenmagazin, daher werden die entsprechenden Beiträge bei der Auswahl stets und zu Recht vorgezogen. „S“ erlaubt es, Lifestyle-Themen in einem passenden Rahmen zu platzieren und gleichzeitig den Charakter des großen „Spiegel“ unverändert zu lassen. Es ist aber auch richtig, dass wir nun attraktive Umfelder für manche Anzeigen, etwa aus dem gehobenen Modebereich, anbieten, die wir vorher nur selten hatten.

Sie wollen auch die digitalen Bezahlangebote ausbauen. Wie gut laufen bislang die kostenpflichtigen Beiträge unter „Spiegel Plus“ und die digitale Tageszeitung „Spiegel Daily“? Konkrete Zahlen nennen wir dazu noch nicht. Wir sind aber bislang sehr zufrieden und heilfroh, dass wir die Digitalisierung unserer Angebote schon so weit vorantreiben konnten. Nun arbeiten wir noch daran, die einzelnen Services besser aufeinander abzustimmen. „Spiegel Plus“ werden wir bald zu einem Abo-Angebot ausbauen, das dann auch „Spiegel Daily“ umfasst.

Ein großes Problem für alle Online-Medien bleiben Adblocker-Nutzer, die Quote will nicht sinken. Sperrt „Spiegel Online“ die Werbeverweigerer mittlerweile aus? Aussperren ist ja ein hässliches Wort: Guter Journalismus muss finanziert werden können, dies geschieht unter anderem durch Werbung. Wir wünschen uns daher lediglich, dass die „Spiegel Online“-Nutzer ihren Teil dazu beitragen und bitten sie deshalb seit kurzem tatsächlich darum, ihre Adblocker zu unterdrücken, wenn sie unsere Seite nutzen wollen.

Sie werden künftig bei den Themen Print-Online-Verzahnung und Bezahlangeboten auf Verlagsseite mit Stefan Plöchinger zusammenzuarbeiten, derzeit noch Mitglied der „SZ“-Chefredaktion. Wie wird die Aufgabenteilung aussehen? Stefan wechselt in den Verlag, wird dort mit Produktentwicklung und Produktmanagement befasst sein, und ich freue mich sehr auf einen höchst kompetenten Partner, denn die Zahl der Herausforderungen und Möglichkeiten wird ja nicht kleiner. Die Print-Online-Verzahnung ist nicht Stefans Aufgabe, damit beschäftigen sich ja längst die Redaktionen. kj

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