Deutscher Medienkongress 2018 Frank Schätzing: "Wir sind Weltmeister im Zögern"

Donnerstag, 02. November 2017
Bestseller-Autor Frank Schätzing
Bestseller-Autor Frank Schätzing
© Paul Schmitz

Brechen mit neuen Technologien paradiesische Zeiten an? Oder spitzen sich die Probleme der Gegenwart noch weiter zu? Kommt darauf an, was wir wollen, sagt Frank Schätzing. Über eine visionäre und mutige Gestaltung unserer Zukunft spricht der Bestseller-Autor beim Deutschen Medienkongress 2018 – und vorab mit HORIZONT Online.

Frank Schätzing wurde mit seinem Buch "Der Schwarm" 2004 zum erfolgreichsten deutschen Science-Fiction-Autor. Auch für seinen Roman "Limit", der im Jahr 2025 spielt, hat er sich intensiv mit Zukunftsfragen, Utopien und Technologien beschäftigt. Er warnt vor allem davor, Zukunft als unveränderliches Schicksal zu betrachten, das unwetterartig über uns hereinbricht. Was kommt, ist vielmehr Resultat vieler Einzelfaktoren, die wir positiv beeinflussen können. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt Frank Schätzing, warum wir uns das viel zu selten trauen.

Herr Schätzing, "Die schlimmste aller Ängste ist die Zukunftsangst", haben Sie mal gesagt. Sind die Deutschen in puncto Zukunft immer noch so pessimistisch, wie man ihnen seit Langem nachsagt? Deutsche sind eigentlich geborene Forscher. Etliches, womit das Silicon Valley heute punktet, wurde bei uns und in anderen europäischen Ländern vorgedacht. Unser Problem ist die Umsetzung in marktreife Produkte. Vom Potenzial her sind wir Technologie-Weltmeister, allerdings auch Weltmeister im Zögern. In anderen Teilen der Welt, Kalifornien, China, entscheidet man schneller, und es ist mehr Risikokapital in Umlauf. Venture Capital bei uns? Beschämend wenig. Die Angst, etwas verkehrt zu machen, ist tief verwurzelt, also macht man’s lieber nicht. Das führt in die Stagnation, und Stagnation geht einher mit Zukunftsangst. Zudem sind Deutsche wertkonservativ. Wir lieben systemerhaltende Innovationen. Gerade in diesen Tagen zeigt sich aber, dass disruptive, also systemaustauschende Innovationen, die Märkte von morgen definieren. Da drohen wir aufgrund unserer Zögerlichkeit den Anschluss zu verlieren. Als Folge haben wir Angst vor dem Fortschritt.

Wie zukunftsbegeistert haben Sie die deutschen Politiker im Bundestagswahlkampf erlebt? Wenig. Noch am ehesten bei den Grünen, aber auch nicht in dem Maße, wie man es von ihnen erwarten sollte. Die SPD lag richtig, was soziale Gerechtigkeit betrifft, hat das Thema allerdings zu rückwärtsgewandt aufbereitet: Den Kumpel von früher wird es morgen nicht mehr geben, in einer digitalisierten Welt spielen völlig neue Lebens- und Arbeitsmodelle eine Rolle. Die CDU ist in jeder Hinsicht auf das Erhaltende ausgerichtet. Was erst mal gut ist, nicht aber, wo Dynamik gefragt ist: Die Energiewende humpelt vor sich hin, unser Bildungssystem ist reformierungsbedürftig. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klimawandel, das Ausmaß künftiger Migrationen, ethische Konsequenzen, das kam viel zu kurz.

DMK 18

Der 10. Deutsche Medienkongress 2018 findet am 16. und 17. Januar 2018 in der Alten Oper Frankfurt statt. Top-Manager aus Unternehmen, Agenturen und Medien werden dort die wichtigsten Zukunftstrends der Branche diskutieren. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT AWARD an die Männer und Frauen des Jahres 2017. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses.
Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 15. Dezember zum reduzierten Preis von 1099 Euro erhältlich. HORIZONT-Abonnenten erhalten zusätzlich jeweils einen Rabatt von 100 Euro auf die Kongressgebühr. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT AWARD. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2018 sind HORIZONT und dfv Conference Group.

Braucht eine Gesellschaft eigentlich Zukunftsbilder oder Utopien – oder reicht es nicht auch, ergebnisoffen einen Schritt nach dem anderen zu tun? Man braucht beides – die Utopie und die kleinen Schritte. Ergebnisoffen, das ist so eine der leeren Worthülsen, die das Auf-der-Stelle-Treten verklausulieren. Einfach mal irgendwo entlangmarschieren und sehen, ob’s klappt, reicht nicht, man muss eine größere Vorstellung davon entwickeln, wo man morgen und übermorgen stehen will, sonst wird man von denen, die solche Visionen haben, überrannt. Aus der Vision erst leiten sich die kleinen Schritte ab. Richtig ist aber, dass man nicht alles planen kann. Kreativität braucht Chaos, Raum, Freiheit. Da steht uns Deutschen unser preußischer Ordnungssinn im Weg. Forschung braucht den Zufall. Und sie braucht das Geld, um sich den Zufall leisten zu können.

Was halten Sie von Zukunftsforschung? Machen nicht mittlerweile immer mehr "schwarze Schwäne", also unvorhersehbare Ereignisse, seriöse Prognosen unmöglich? Das ist ganz einfach zu beantworten. Prognosen funktionieren kurzfristig, sofern nix dazwischenkommt. Der Wetterbericht für die nächsten 24 Stunden trifft in aller Regel zu. Auf längere Sicht sind Prognosen Blödsinn. Ein Blick auf die letzten hundert Jahre zeigt, dass fast alle Prognosen danebenlagen. Der Prognostiker spielt gerne den Propheten und sagt: So wird es werden. Außer Wichtigtuerei kommt dabei selten was rum. Seriöse Zukunftsforschung denkt in Szenarien. Sie behauptet nicht zu wissen, was sein wird, sondern skizziert alle möglichen Entwicklungen, auch einander widersprechende, um dann zu gewichten – was ist wahrscheinlich, was weniger wahrscheinlich? Vor allem aber: Wie schaffen wir es, auf jede dieser Entwicklungen vorbereitet zu sein? Besser noch, wie können wir genau die Entwicklung voranzutreiben, die wir uns wünschen? Szenarien sind Wegweiser mit eingebauter Vorsorge. Davon brauchen wir mehr.

Wer gestaltet eigentlich Zukunft mehr als wir denken - und wer weniger? Vorab: Zukunft ist ein Konstrukt im Kopf. Sie existiert nicht. Da wartet nichts auf uns. Zukunft ist eine permanente Baustelle. Jeder Moment, den wir gestalten, ist die Zukunft des Moments davor. Das war’s schon.  Sprich, jeder einzelne gestaltet die Zukunft jeden Tag unbewusst mit – schlicht durch das, was er tut oder lässt. Die Zukunft der Erde ist das Resultat aller Einzelbewegungen auf diesem Planeten, und wie sie einander beeinflussen. Jeder sollte also immer mal wieder innehalten und kurz nachdenken, ob sein nächster Schritt zu einer positiveren oder negativeren Zukunft beitragen könnte. Wichtig ist zu erkennen, wo die Zukunft liegt, nämlich immer volle Kraft voraus. Die rückwärtsgewandten Kräfte in unseren Gesellschaften, die versprechen, die gute alten Zeiten zurückzuholen, Trump, Le Pen, AfD und so weiter – das ist die Anti-Zukunft.

Interview: Klaus Janke

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