Deutscher Journalistenverband Alexander Fritsch fordert Michael Konken heraus

Montag, 22. Juni 2015
Alexander Fritsch will DJV-Vorsitzender werden
Alexander Fritsch will DJV-Vorsitzender werden
Foto: privat

Am heutigen Montag hat Alexander Fritsch, Vorsitzender des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg, angekündigt, für den Vorsitz des Deutschen Journalistenverbands zu kandidieren. Damit fordert der 48-Jährige Michael Konken, 61, heraus, der den DJV seit sechs Amtsperioden, insgesamt also seit zwölf Jahren anführt. Im Gespräch mit HORIZONT begründet Fritsch, warum er gegen Konken kandidieren will.
Fritsch ist seit 25 Jahren freier Journalist, unter anderem als Chef vom Dienst bei den Fernsehnachrichten der Deutschen Welle. Außerdem ist er Dozent an der Uni Leipzig. Der DJV zählt rund 36.000 Mitglieder. Die Wahlen werden Anfang November auf dem Bundesverbandstag in Fulda stattfinden.

"Die Digitalisierung hat gerade erst begonnen"

Herr Fritsch, weshalb wollen Sie Bundesvorsitzender des DJV werden?
Der DJV braucht dringend eine offene, gerne auch öffentliche Diskussion, wohin er in den nächsten Jahren will – und mit wem. Von allein wird diese Diskussion nicht stattfinden, und diese Diskussion muss von Personen getragen werden.

Was kritisieren Sie: Wurde mit den falschen Personen das Falsche versucht umzusetzen – oder klagen Sie über Stillstand?
So rückwärtsgewandt will ich das nicht angehen.

Dann verraten Sie, was Sie glauben, besser zu machen.
Dem DJV wäre dringend angeraten, sich aus der Komfortzone zu bewegen. Er kann neue Impulse gut gebrauchen, um sich auf vor ihm liegende Zeiten gut einzustellen.

Was meinen Sie konkret?
Die Digitalisierung hat gerade erst begonnen. Die wirklichen Umwälzungen kommen erst noch.

Welche Rolle sollte dabei der DJV spielen?
Der DJV muss die Realität annehmen und darf die Wirklichkeit nicht so sehen, wie er sie sich wünscht oder wie sie einmal war. Das heißt: Aufgabe des DJV muss sein, den Journalisten zu helfen, sich in dieser Realität zurechtzufinden. Kein Mensch braucht eine Gewerkschaft, die ihren Mitgliedern Angst vor der Zukunft macht.

Sie meinen all die Pressemitteilungen, in denen der DJV geradezu reflexhaft verdammt, wenn ein Medienhaus Sparmaßnahmen oder einen Umbau plant?
Es gehört zu den Aufgaben jedes Berufsverbands bzw. jeder Gewerkschaft, Menschen in Strukturen zu halten. Damit ist es aber nicht getan. Die Digitalisierung zwingt die Unternehmen, Strukturen zu verändern. Das lässt sich nicht aufhalten. Worum es daher gehen muss, ist, dafür zu sorgen, dass die Menschen in diesen veränderten Strukturen weiterhin ihren Lebensunterhalt verdienen können und sich dafür morgens nicht unglücklich aus dem Bett quälen.

Wie könnte der DJV dabei helfen?
Indem man nicht nur die Arbeitgeber auffordert, ihre Journalisten weiterzubilden, sondern der DJV seine Mitglieder aktiv auffordert, sich kontinuierlich fortzubilden. Das ist keine Einbahnstraße. Und wenn der DJV diese Angebote für zusätzliche Qualifikation nicht selbst macht, muss er sie vermitteln. 

Wollen Sie solche Angebote über staatliche Fördergelder finanzieren? In einigen Ländern wird das ja diskutiert.
Wo immer der Staat Geld gibt, will er auch mitreden. Deshalb ist das für mich keine Option.

Was würde sich mit Ihnen an der Spitze des DJV noch ändern?
Ein hauptberuflich tätiger freier Journalist würde den Verband anführen. Das wäre ja auch mal nicht verkehrt. Ohnehin sollte ein Berufsverband weniger nach Berufsgruppen trennen denn nach der Art der Tätigkeit. Ein Kameramann und eine Infografikerin arbeiten heutzutage sehr oft nicht weniger journalistisch als ein Redakteur. Vor allem aber sollte der DJV bei der Medienpolitik und Fragen zur Entwicklung unserer Branche mehr Präsenz zeigen, etwa bei Kongressen oder Podiumsveranstaltungen oder in der Fachpresse. Und er sollte eine Vorreiterrolle spielen, den Mut und die Substanz haben, solche Diskussionen aktiv anstoßen. Dabei geht es nicht darum, sich beliebt zu machen. Berufsverbände haben ja die Neigung, Konflikte zu scheuen. Sie müssen Konflikte aber austragen, aktiv, nach innen wie nach außen. Es darf nicht sein, dass man immer nur reagiert. Man muss auch agieren.

Wo scheut der DJV Konflikte?
Ein Beispiel: Wenn es immer weniger Journalisten gibt, die nur vom Journalismus leben können, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Verband verabschiedet sich von der Hauptberuflichkeit als Kriterium für seine Mitglieder und geht Kompromisse ein – oder er konzentriert sich, ohne wegen der schrumpfenden Zahl seiner Mitglieder panisch zu werden, auf die hauptberuflich arbeitenden Journalisten. Ich plädiere für Letzteres, denn das ist der Markenkern des DJV. Wenn sich der DJV nicht verändert, um ihn herum aber alle Strukturen zusammenbrechen, verliert er an Bedeutung. Stillstand ist Verrat an den Mitgliedern.

Was treibt Sie an, sich auf Verbandsebene derart zu engagieren?
Zum einen bin ich ein politischer Mensch. Ich mache das gern. Zum anderen ging es mir in meinem privaten und beruflichen Leben nicht immer gut. Ich wurde schon einmal gefeuert, und ich war einmal längere Zeit krank. In beiden Fällen war ich dankbar, dass es eine Gewerkschaft mit Weiterbildungs- und Beratungsangeboten gab und obendrein die Solidarität einer Gruppe von Kollegen. Beides hat mir geholfen, in meinem Beruf bleiben zu können. Interview: Ulrike Simon
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