Der "National Enquirer" im HORIZONT-Check Dicke Skandale auf dünnem Papier

Donnerstag, 14. Januar 2016
Die erste deutsche Ausgabe des "National Enquirer"
Die erste deutsche Ausgabe des "National Enquirer"
Foto: National Enquirer

Für besondere Zurückhaltung sind US-Medien nicht unbedingt bekannt. Da macht das US-Klatschblatt "National Enquirer", das seit heute auch in Deutschland am Kiosk liegt, keine Ausnahme. Innerhalb von 6 Monaten will das Magazin von American Media Inc. das bestverkaufte Promimagazin in Deutschland sein. Ob das mit der reinen Fokussierung auf Hollywood-Stars und der extrem billigen Aufmachung gelingt, erscheint jedoch fraglich.
Trommeln gehört zum Geschäft – vor allem, wenn man sich auf dem Boulevard durchsetzen will. Und so trägt die erste deutsche Ausgabe des "National Enquirer" gleich zum Start erst mal schön dick auf. Der Leser hält laut Editorial nichts weniger als das "älteste und beste Entertainment-Magazin weltweit" in der Hand, das eine "unwiderstehliche Mischung aus topaktuellen News, brisanten Skandalen, unvergesslichen Storys und sorgfältig recherchierten Enthüllungen" bietet. Man liest und staunt.
Der "Enquirer" verkündet schon mal das Aus für "Brangelina"
Der "Enquirer" verkündet schon mal das Aus für "Brangelina" (Bild: National Enquirer)
Auch inhaltlich hält die erste deutsche Ausgabe diverse Überraschungen für den Leser parat: Das Magazin will unter anderem von der bevorstehenden Scheidung von Angelina Jolie und Brad Pitt wissen, im Frühjahr werde außerdem die britische Queen Elizabeth II. das Zepter an ihren Enkel Prinz William weiterreichen. Dazwischen enthüllt der "Enquirer" noch, dass Kurt Cobain 1994 keinen Selbstmord begangen hat, sondern von einem unbekannten Täter erschossen wurde. Auch Elvis Presley wurde in Wahrheit ermordet – behauptet zumindest eine ehemalige Geliebte des King. Dazwischen gibt es jede Menge Klatsch und Tratsch aus Hollywood, für deutsche Leser recht befremdlich ist die Rubrik "Verbrechen aus den USA", in der schwere Gewaltverbrechen ausgebreitet werden. Der "National Enquirer" ist ein echtes Revolverblatt und macht auch keinen Hehl daraus. Angeblich stellt die Redaktion Informanten für eine exklusive Story auch schon mal einen dicken Scheck aus. In der Vergangenheit konnte sich das Blatt mit einer Reihe von Scoops brüsten - unter anderem im Zusammenhang mit der Affäre des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit Monica Lewinsky oder beim Mordprozess gegen O.J. Simpson. In der aktuellen Ausgabe wartet der "Enquirer" mit einem Exklusiv-Interview mit Charlie Sheen auf, in dem der Schauspieler über seine HIV-Infektion spricht.
Wurde laut "Enquirer" ermordet: Kurt Cobain
Wurde laut "Enquirer" ermordet: Kurt Cobain (Bild: National Enquirer)
Ob sich das Blatt mit seiner schrillen Tonlage und dem reinen Fokus auf internationale Stars in Deutschland durchsetzen kann, erscheint jedoch mehr als fraglich. Zumal der deutsche "Enquirer", durchweg auf dünnem Zeitungspapier gedruckt, selbst für ein Yellow ziemlich billig daherkommt. Im direkten Vergleich wirken deutsche Klatschblätter wie Hochglanzmagazine – von den Boulevard-Dampfern "Gala" und "Bunte" ganz zu schweigen. Auch das Layout des "Enquirer" ist im Vergleich zur deutschen Konkurrenz ziemlich altbacken.

Mit "People", das hierzulande Bauer Media in Lizenz herausgibt, kam bereits ein anderes international ausgerichtetes Promi-Magazin in Deutschland nur mühsam aus den Startlöchern. Laut Verlag liegt die "Gesamtauflage" bei rund 100.000 Exemplaren – exakte IVW-Zahlen gibt es bislang nicht. Zum Vergleich: Die Druckauflage von "People" liegt bei 300.000 Exemplaren, der "National Enquirer" kommt mit 200.000 Exemplaren in den Handel. Das größte Verkaufsargument des "Enquirer" zum Start dürfte der Kampfpreis von 1 Euro sein. dh
Die erste deutsche Ausgabe des "National Enquirer"
Die erste deutsche Ausgabe des "National Enquirer" (Bild: National Enquirer)

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