"Der Knastarzt" im HORIZONT-Check "Praxis Bülowbogen" hinter schwedischen Gardinen

Freitag, 04. April 2014
So schön kann Gefängnis sein: "Der Knastarzt" mit Schwester und Direktorin (Foto: RTL)
So schön kann Gefängnis sein: "Der Knastarzt" mit Schwester und Direktorin (Foto: RTL)


Nach einer ganzen Reihe von Flops scheint RTL mit "Der Knastarzt" endlich einmal wieder ein Serienerfolg geglückt zu sein. Wer allerdings ein spannendes Gefängnisdrama erwartet hatte, wurde enttäuscht: "Der Knastarzt" ist eine Art "Praxis Bülowbogen" hinter schwedischen Gardinen - selbst die Knackis haben das Herz am rechten Fleck.
Die Idee von "Der Knastarzt" klingt eigentlich vielversprechend: Der junger Arzt Tobias Falk landet wegen Mordes im Knast, nachdem er einer schwerreichen Patienten Sterbehilfe geleistet hat. Kaum im Gefängnis angekommen, rettet der smarte Doc einem anderen Hälftling nach einer Prügelei in der Küche das Leben - per Luftröhrenschnitt mit dem Küchenmesser und einer Penne-Nudel zur Beatmung. Die Gefängnisdirektorin überträgt Falk daraufhin die Verantwortung für die Krankenstation - der bisherige Gefängnisarzt ist eben in Ruhestand gegangen, für einen Nachfolger ist kein Geld da.

Die Szene mit der Nudel gibt die dramaturgische Marschrichtung vor: "Der Knastarzt" ist kein realistisches Gefängnisdrama, sondern eher eine recht harmlose Mischung aus Arztserie und Soap-Opera. Falks Zellenkumpel, ein zunächst finster dreinblickender wortkarger Knacki, der unentwegt Gewichte stemmt, greift dem Neuling bald mit guten Tipps unter die Arme; die Krankenschwester Anke (Laura Osswald aus "Doctor's Diary") macht dem neuen Doc zwar zunächst das Leben schwer, unterstützt den engagierten Mediziner aber schon bald nach Kräften; und zwischen der attraktiven Gefängnisdirektorin und Falk fliegen nicht nur die Fetzen, sondern recht schnell auch die Funken. Nur der Aufseher macht dem Doktor das Leben schwer und Falks Anwalt und Kumpel entpuppt sich als der wahre Bösewicht, der zuerst die Berufung versaut und dem Arzt schließlich auch noch die Freundin ausspannt.

Insgesamt ist "Der Knastarzt" mit seiner glasklaren Rollenverteilung im Grunde nicht mehr als eine weitere Arztserie mit einem etwas ungewöhnlichen Setting. Dabei böte die Ausgangssituation im Mikrokosmos eines Gefängnis eigentlich reichlich Spielraum für Drama, Spannung und vielschichtige Charaktere. Dr. House ist ein genialer Mediziner, aber auch ein tablettensüchtiges, zynisches Arschloch - Dr. Falk ist selbst im Knast noch der untadelige Halbgott in Weiß, der in seiner Zelle italienischen Espresso schlürft.

Deutsche Sender und Produzenten tun sich offensichtlich immer noch schwer, aus bewährten Mustern und Erzählstrukturen auszubrechen. Der Vergleich deutscher Serien mit millionenschweren US-Produktionen, die durch den weltweiten Vertrieb über ganz andere Mittel verfügen, ist ungerecht und hinkt gewaltig. Dass man aber auch mit bescheideneren Mitteln großes Fernsehen machen kann, zeigen Produktionen wie die dänische Polit-Serie "Borgen".

Und so ist der "Der Knastarzt" eine weitere nette, aber leider völlig harmlose deutsche Serie. Dem Erfolg scheint das allerdings keinen Abbruch zu tun: Die erste Folge lockte am Donnerstag 3,27 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme, (10,5 Prozent MA), in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sicherte sich die Serie mit 1,84 Millionen Zuschauern und 15,8 Prozent Marktanteil sogar auf Anhieb den Tagessieg. Fans von erzählerisch anspruchsvollen Serien, die sich längst per DVD oder im Internet mit frischer Ware versorgen, wird "Der Knastarzt" aber nicht für das klassische Fernsehen zurückgewinnen können. dh
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