"Der Freitag" startet Wirtschaftsteil Jakob Augstein im Interview: "Wollen kein linkes Ideologie-Geblubbere"

Dienstag, 23. September 2014
"Der Freitag"-Verleger und Chefredakteur Jakob Augstein
"Der Freitag"-Verleger und Chefredakteur Jakob Augstein
Foto: Hartmut Müller-Stauffenberg/ action press

Die verkaufte Auflage der linksliberalen Wochenzeitung "Der Freitag" wächst und wächst - im 2. Quartal dieses Jahres um rund zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ab dieser Woche erscheint der Titel einmal im Monat mit einem acht Seiten starken Wirtschaftsteil - Chefredakteur und Verleger Jakob Augstein kündigt "kluge Analysen aus linksliberaler Sicht" an. Im Interview mit HORIZONT Online spricht Augstein über thematische Schwerpunkte, neoklassische Journalisten und weitere Expansionsmöglichkeiten.
Herr Augstein, Sie wollen mit dem Wirtschaftsteil in "Der Freitag" eine, Zitat "für die deutsche Presselandschaft neue Sichtweise über Ökonomie" einführen - wie soll die denn aussehen?
Ich sehe nicht, dass aus der Finanzkrise in der Wirtschaftspolitik oder Finanzverfassung wirklich grundlegende Konsequenzen gezogen wurden. Man hat sie als Betriebsunfall behandelt und macht einfach weiter wie bisher. Die Wirtschaftsteile der Zeitungen tragen das mit, legen keinen Protest ein und bieten keine Plattform zum Nachdenken über alternative Systeme - und damit meine ich jetzt nicht die sofortige Einführung des Kommunismus. Wir haben Wirtschaftsberichterstattung bisher ja auch schon im politischen Buch gemacht - finden aber, dass wir dem Thema mehr Platz einräumen müssen. Welche Themen sollen denn vorrangig dort stattfinden?
Es ist der Platz, um wirtschaftspolitische Debatten zu führen. Wir wollen keine marktkonforme Demokratie, sondern wir wollen demokratiekonforme Märkte und ich finde, dass unsere Medien zu wenig dafür tun, zu wenige Plattformen liefern, um darüber nachzudenken. Aber wir werden sicher auch über Themen wie Bildung und Arbeitswelten berichten.

Welche Schwerpunkte kann und muss man setzen, wenn der Wirtschaftsteil nur einmal im Monat erscheint?
Man sollte sich auf alle Fälle gänzlich vom Aktuellen lösen. Aber es gibt im wirtschaftspolitischen Bereich so etwas wie eine latente Aktualität. Das sind Themen wie die Euro-Krise, die EU-Erweiterung, Mindestlohn oder die Verhandlungen über das transatlantische Handels- und Investitionsabkommen TTIP. Aber wir wollen keinen Elfenbeinturmjournalismus machen, "Der Freitag" ist ja kein wissenschaftliches Fachmedium.

Sie haben mit Sebastian Puschner Anfang August den verantwortlichen Redakteur des Wirtschaftsteils zum "Freitag" geholt. Wie wird das neue Ressort sonst bestückt?
Wir werden dafür natürlich unsere Kooperation mit dem "Guardian" nutzen, wir sind ja deutscher Syndication-Partner und können auf alle Texte zugreifen. Gerade was internationale Wirtschaftsstrukturfragen angeht, könnten wir das anders gar nicht stemmen. Da gibt es ehrlich gesagt auch kein deutsches Medium, das da mithalten kann. Und dann werden wir natürlich unsere bewährten Autoren haben. Ein Problem ist,  dass viele Journalisten von der Neoklassik beeinflusst sind und man nur wenige gute neokeynesianische Journalisten findet. Was wir wahrhaftig nicht wollen, ist linkes Ideologie-Geblubbere.

Und Sie selbst?
Ich schreibe jetzt zum Einstieg den Aufmacher und werde natürlich auch wie im ganzen "Freitag" als Autor zur Verfügung stehen.

Zum Auftakt erscheint der Wirtschaftssteil alle vier Wochen mit jeweils acht Seiten. Ziehen Sie in Erwägung, die Erscheinungsfrequenz irgendwann zu steigern?
Wir sind eine kleine Zeitung, die im Wachstum begriffen ist, und müssen sehen, wie wir das mit unseren relativ begrenzten Mitteln stemmen können. Erst einmal wird geschaut, wie sich das Produkt am Markt bewährt und wenn es gut läuft, dann bringen wir den Wirtschaftsteil häufiger.

Was Print anbelangt ist "Der Freitag" in den vergangenen Jahren eine der seltenen Erfolgsgeschichten. Nun starten Sie einen Wirtschaftsteil und damit verbunden auch eine Jobbörse. Gibt es weitere Bereiche, in denen Sie noch Potenzial zum Expandieren sehen?
Wir starten in den kommenden Wochen mit unserer Web-App, von der ich mir auch noch einmal einen Wachstumsschub verspreche. Schon sehr früh hat "Der Freitag" aufgehört, unrentable Auflage zu machen, unser Remissionskurs ist ausgesprochen gut und erfreulich. Die Kehrseite ist, dass wir eine relativ geringe Marktstreuung haben und für eine so kleine Wochenzeitung ist der flächendeckende Vertrieb wahnsinnig kostenintensiv. Die Web-App ist perfekt, um diese Defizite auszugleichen und wir hoffen, dass sie den Vertrieb ankurbeln wird. fam
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