"Der Abend" Wie der "Spiegel" die Zeitung von morgen skizziert

Dienstag, 10. September 2013
Die Demo-App „Der Abend“ soll die Zeitung der Zukunft veranschaulichen(Bild: Swipe)
Die Demo-App „Der Abend“ soll die Zeitung der Zukunft veranschaulichen(Bild: Swipe)

Rund vier Wochen ist es her, dass der „Spiegel“ eine Diskussion über die Zukunft der Zeitungen angestoßen hat. Zahlreiche Journalisten und Medienexperten beteiligten sich an „2020 – die Zeitungsdebatte“, rund 1000 Lesermeinungen gingen über die verschiedenen Kanäle ein. Nun hat der Spiegel-Verlag die Ergebnisse ausgewertet und in einer Demo-App veröffentlicht. Grundlage ist dabei die digitale Zeitungsstudie „Der Abend“ – der Input stammt fast ausschließlich aus den User-Beiträgen, die der „Spiegel“ bei seiner Debatte gesammelt hat. „Spiegel“-Redakteur Cordt Schnibben, der die Zeitungsdebatte ins Leben rief, steuerte das journalistische Know-how bei, das Design entwickelte die Hamburger Digitalagentur Swipe. „Die Demo ist nicht im Turm erdacht worden, sondern ganz nah dran an den Wünschen der Nutzer. Sie soll die Zeitung der Zukunft anfassbar machen“, sagt Jürgen Alker, Mitgründer und Managing Partner von Swipe. Was ihm und auch Schnibben jedoch sehr wichtig ist: Bei „Der Abend“ handelt es sich lediglich um eine Studie zu Demonstrationszwecken, deren technische Umsetzung derzeit nicht geplant ist – auch wenn die ersten Reaktionen der Verlage bislang äußerst positiv ausfielen.

„Wir haben nicht vor, ein reales Geschäftsmodell aufzusetzen“, betont Schnibben und zeigt sich überrascht, „wie nah wir an den wirklichen Vorstellungen der Verleger dran sind“. Er stellte die Studie einigen Chefredakteuren vor, zwei davon waren so angetan, dass sie sich die App als mobile Ausgabe ihrer Zeitungen vorstellen können und nach den Rechten fragten. Der ehemalige Werbetexter ist sich sicher, dass sich die Idee der Morgenzeitung mit der digitalen Entwicklung überholt hat und nur eine Abendzeitung eine echte Zukunft haben kann – was nicht zuletzt auch den Namen der App erklärt. Vor allem in den Metropolen und Großstädten verlieren die klassischen Tageszeitungen an Lesern. Deshalb will „Der Abend“ eine digitale Stadtzeitung sein, eine Abendzeitung, die den Menschen Orientierung über die Nachrichten des Tages und einen Ausblick auf kommende Ereignisse gibt. Schnibben betont allerdings, dass sich „Der Abend“ nicht als Konkurrenz zu den überregionalen Zeitungen versteht, sondern vielmehr das werden soll, was die Tageszeitung über Jahrzehnte hinweg verkörperte – eine Art Marktplatz einer Stadt.

Die Zeitungsstudie gliedert sich in die sechs Ressorts Nachrichten, Storys, Meinung, Unterhaltung, Leser und Service – über allem steht das Konzept der Individualisierung. Ein personalisierter Algorithmus soll dafür sorgen, dass der Leser individuell mit Nachrichten, Storys und Service-Informationen bedient wird. Einen großen Spielraum räumt die Demoversion von „Der Abend“ zudem der interaktiven Kommunikation zwischen Rezipient und Redaktion ein, die etwa über Foren, Blogs und soziale Medien erfolgen soll. Der Servicebereich bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern, etwa Bewertungen von Restaurants, Shops und Hotels, hinzu kommen Features wie eine Mitfahrzentrale, Fahrpläne, ein Babysitter-Service und eine Kontaktbörse. Ergänzt wird die Zeitung in der Demoversion von einem integrierten Bezahlsystem, bei dem Zeitungsabonnenten Rabatte auf einzelne Angebote erhalten und gleich mobil bezahlen können.

Der „Spiegel“ und Swipe stoßen mit der Demonstration einer Zukunftszeitung in eine Lücke, die selbst digitalaffine Verlage bislang noch nicht zu füllen vermochten. „Was uns wundert ist: Warum machen die Verlage das nicht selbst?“, fragt Alker. Er ist der Meinung, dass die meisten deutschen Medienhäuser zwar mittlerweile verstanden hätten, wie Digital funktioniert – doch bei Mobile sieht er erheblichen Nachholbedarf: „Das ist bei den Verlagen noch nicht richtig angekommen.“ fam
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