Debattenkultur Wie Süddeutsche.de Pöbler in die Schranken weisen will

Dienstag, 02. September 2014
Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger
Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger
Foto: Foto: Süddeutscher Verlag

Sueddeutsche.de sagt Trollen den Kampf an und geht neue Wege in der Diskussion mit den Lesern. Die klassische Kommentarfunktion unter den Artikeln gehört ab sofort der Vergangenheit an, stattdessen werden die Debatten zu den zwei bis drei wichtigsten Themen des Tages ab sofort gebündelt. Ziel ist es, Debatten besser moderieren zu können und Pöbler in die Schranken zu weisen.
Bereits im Juli hatte sich Sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger in einem umfangreichen Blogbeitrag sehr grundsätzliche Gedanken über den Leserdialog im Internet gemacht. Seine Erkenntnis: "Wir haben einen Fehler im System. Nämlich in den Foren der Nachrichtenseiten. Es ist Zeit, das zuzugeben. Wir müssen den Leserdialog neu denken", schrieb er. Vor allem Pöbler, die ernsthafte Diskussionen im Keim ersticken, seien für die Website des Süddeutscher Verlag ein großes Problem, so Plöchinger. "Kommentatoren, die einem den Spaß beim Lesen vergällen, weil sie einen noch nach dem ausgewogensten Text mit dem plattesten Gedanken überfallen, die echtes Nachdenken oder Argumentieren durch ihre Attacken unmöglich machen - diese Leute lassen wir leider immer wieder durch." Mit grundlegenden Änderungen versucht Süddeutsche.de nun, die häufig aus dem Ruder laufenden Diskussionen wieder in vernünftige Bahnen zu lenken.
Das "Ihr SZ"-Logo zeigt die Möglichkeit zur Leserbeteiligung an
Das "Ihr SZ"-Logo zeigt die Möglichkeit zur Leserbeteiligung an
Die wichtigsten Neuerungen: Unter den Artikeln von Süddeutsche.de gibt es ab sofort keine klassische Kommentarfunktion mehr. Stattdessen will sich das Debatten-Team des Portals künftig voll auf die Diskussion der zwei bis drei wichtigsten Themen des Tages konzentrieren und diese auch moderieren. "Wir werden uns engagierter als Stimme der Redaktion einbringen, statt wie bisher die Auseinandersetzung nur durch das Freischalten guter Beiträge zu verwalten, was oft zu Kritik geführt hat - von unzufriedenen Kommentarschreibern, aber auch von Lesern, die mit dem Niveau der Diskussion nicht zufrieden waren", begründet Daniel Wüllner, Redakteur für den Leserdialog, die Neuerungen im SZ-Blog. Die moderierten Debatten werden in eigens eingerichteten Leser-Foren gebündelt. Grundsätzliche Regeln sollen sachliche Diskussionen gewährleisten.

Neue Formen und Formate sollen den Lesern zudem verschiedene Möglichkeiten für Feedback und den Austausch mit der Redaktion bieten. In dem Format "Ihre Post" werden ab sofort ausführliche Lesermails veröffentlicht - online und in der gedruckten Zeitung. In der Rubrik "Ihre Frage" beanwortet die Redaktion häufig gestellte Leserfragen - aktuell zum Beispiel zum Thema Datenschutz. Außerdem können sich Leser aktiv an Projekten wie zum Beispiel dem Gefahrenatlas von Münchner Problemstraßen beteiligen.

Alle Artikel können weiterhin in sozialen Netzwerken wie Facebook, Google+, Twitter oder dem Diskussionsnetzwerk Disqus kommentiert werden - viele Debatten hätten sich "nach unserer Erfahrung ohnehin stark in die sozialen Netzwerke verlagert", so Leserdialog-Redakteur Wüllner. "Wir haben uns deshalb entschieden, Ihnen die Debatte in den genannten Netzwerken zu erleichtern, statt die ganze Diskussion unbedingt bei uns stattfinden zu lassen." Unmoderierte Diskussionen werden also in die sozialen Netzwerke ausgelagert. Der Debattenmonitor von Rivva ermöglicht Nutzern zudem unter jedem Artikel einen Überblick über die Debatte in den sozialen Netzwerken.

Wenig überraschend: Die Neuerungen werden auf Facebook kontrovers diskutiert. Während die Abschaltung der klassischen Kommentare für einige eine "Zensur 2.0" darstellen, werden die neuen Funktionen von einigen Nutzern auch begrüßt: "Ich halte jeden Ansatz für sinnvoll, die Qualität der Diskussionen (Kommentare) zu erhöhen, da in den meisten Foren keine schöpferisch-kreative, sondern eine zerstörerisch-destruktive Energie herrscht", schreibt ein Nutzer: "SZ: Zeigt uns allen, dass es besser geht!" dh
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