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Mittwoch, 04. Januar 2017
Der "Spiegel" feiert 70-jähriges Jubiläum
Der "Spiegel" feiert 70-jähriges Jubiläum
© Jürgen Herschelmann
Themenseiten zu diesem Artikel:

Der Spiegel Klaus Brinkbäumer


Am 4. Januar 1947 erschien die allererste Ausgabe des "Spiegel". In den vergangenen sieben Jahrzehnten hat das Nachrichtenmagazin wie kaum ein anderes den deutschen Journalismus geprägt. Mit welchem Erfolgsrezept das gelang, verrät ein historischer Beitrag in einem neuen Buch von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, das am 11. Januar erscheint. HORIZONT Online veröffentlicht Auszüge aus dem Statut für "Spiegel"-Journalisten im Wortlaut.

Der "Spiegel" ist ein Nachrichten-(Neuigkeiten-) Magazin. Darum muss der "Spiegel"

1. aktuell sein, 

2. einen hohen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt haben. Dabei muss er andere, d.h. persönlichere, intimere, hintergründigere Nachrichten (Neuigkeiten) mitteilen und verarbeiten, als sie die Tagespresse darbietet,

3. interessant sein. Das heißt: Er muss mit sicherem journalistischen Instinkt die aktuellen Vorgänge erkennen, von denen sofort angenommen werden kann, dass sie einen breiten Kreis normal interessierter Laien berühren, angehen, beschäftigen.

Alle im "Spiegel" verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache ist vor der Weitergabe an die Redaktion peinlichst genau nachzuprüfen. Quellen sind in jedem Fall informativ mitzuteilen. In Zweifelsfällen ist eher auf eine Information zu verzichten, als die Gefahr einer falschen Berichterstattung zu laufen.

Die Form, in der der "Spiegel" seinen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt interessant an den Leser heranträgt, ist die Story. Damit ist gemeint, dass der Bericht über ein aktuelles Geschehen in Aktion (Handlung) umgesetzt werden sollte. Der Leser soll dadurch den Eindruck gewinnen, dass er selbst bei dem Geschehen dabei ist, es in allen Phasen miterlebt. Er soll dabei aber auch mehr miterleben, mehr sehen, mehr Eindrücke und Perspektiven gewinnen, als es dem normalen Zuschauer möglich ist. Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alle "Spiegel"-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben. Sie sollten von dem oder den Menschen handeln, die etwas bewirken. Der Idealfall: An einer Person wird eine ganze Zeitströmung (das ganze jeweilige Geschehnis, der ganze Vorgang, die aktuelle Begebenheit) in ihren Hintergründen, Ursachen, Anlässen, bewegenden Momenten und Auswirkungen aufgezeigt.

Das Buch erscheint am 11. Januar
Das Buch erscheint am 11. Januar (Bild: Spiegel Gruppe)
Jede "Spiegel"-Geschichte soll auf einer möglichst großen Zahl von Tatsachen, Begebenheiten, Nachrichten, Neuigkeiten aufbauen. Sie hat diese Tatsächlichkeiten so zu geben, wie sie sich dem gutwillig Unvoreingenommenen darbieten. Sie hat sie nicht mit dem Zeigefinger oder mit dem Zaunpfahl auszudeuten, d.h. der "Spiegel" stellt die Dinge einfach in ihrer Wirklichkeit dar, so wie er sie durch das Auge seines Korrespondenten selbst sieht.
Spiegel Brandt
Bild: Der Spiegel

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Er versucht, die Tatsächlichkeiten widerzuspiegeln, er tut das in möglichst vielen Bezügen, in Vordergrund und Hintergrund, im Detail und im größeren Zusammenhang. Er beurteilt die Dinge zwar, aber die Bewertung soll möglichst in der Schilderung enthalten sein. Sie soll möglichst nur in dem verschiedenen Schwergewicht der nebeneinandergestellten Argumente zum Ausdruck kommen. Die direkte Schlussfolgerung, den Kommentar, überlässt er dem Leser. Die Wirkung des "Spiegel" ist indirekt, er dient keiner Partei, keiner Konfession, keiner Interessentengruppe. Er ist, auch finanziell, unabhängig. Der oberste Zweck: Die richtig eingeordnete Information, die einfach geschrieben, klar verständlich, angenehm lesbar, journalistisch fesselnd, ja unterhaltend und ausgesprochen amüsant dargeboten werden soll.

Zum Hintergrund

Dieser Auszug aus dem Statut des Nachrichtenmagazins stammt aus dem Buch von Klaus Brinkbäumer (Hg.): „70. Der Spiegel 1947-2017“. Anlässlich des am 4. Januar 1947 erstmals erschienenen Magazins enthält es die wichtigsten Scoops, Essays und Storys aus 70 Jahren „Spiegel“-Geschichte. Das 480 Seiten umfassende Werk erscheint am 11. Januar bei DVA Sachbuch (34,99 Euro).

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