"Das Casino ist wieder geöffnet" Medien-Reaktionen auf den Börsengang von Twitter

Freitag, 08. November 2013
Twitter startete furios an der Börse (Bild: Screenshot ARD Mediathek)
Twitter startete furios an der Börse (Bild: Screenshot ARD Mediathek)


Tweet, Tweet, hier bin ich: Mit einer Wertsteigerung von zeitweise 90 Prozent ist Twitter gestern an die Börse gegangen. Doch die Analysten sind skeptisch, ob die neue "Börsenrakete" ("Die Welt") den Kurs wird halten können. Zu frisch sind die Erinnerungen an holprigen Börsengang von Facebook vor gut einem Jahr. Denn auch diesmal stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell. Hier ein paar ausgewählte Pressestimmen zum Börsengang von Twitter:

Matthias Pindter, Manager Magazin Online

"Bei mehr als 230 Millionen monatlich aktiven Nutzern, die täglich über 500 Millionen Tweets von sich geben, sollte man doch über die immer noch anfallenden Verluste - mehr als 400 Millionen Dollar allein seit Anfang 2010 - hinwegsehen können. (...) Allerdings, ein paar Zweifel sind schon angebracht, schließlich hatte Twitter jetzt schon mehr als sieben Jahre Zeit, ein solches Geschäftsmodell zu finden. Mark Zuckerberg kam da deutlich schneller in die Puschen und vor allem in die Gewinnzone. Und man muss kein skeptischer Deutscher sein, um beim Thema Geschäftsmodell zu stutzen. Denn selbst Twitter selbst scheint da noch zu lavieren, zumindest wenn man den Börsenprospekt als Maßstab nimmt. Es wird sehr viel über die Nutzer gesprochen, und wie mannigfaltig sie von Twitter profitieren. Doch diese zahlen ja nichts. Eben so wenig wie die zahlreichen Medienpartner (6 Millionen Webseiten laut Twitter)."

Karl-Heinz Büschemann, sueddeutsche.de

"Jetzt ist das Casino offenbar wieder geöffnet. Twitter wird mit gewaltigem PR- und Medienaufwand auf den Markt gebracht. Die Investment-Banker, die an den Börsengängen kräftig verdienen, hatten sich einen Kurs ausgedacht, der einem Unternehmenswert vom Dreißigfachen des Umsatzes entspricht. Beim Handelsstart in New York zahlten die Interessenten sogar mehr. Ein Irrsinn. Zum Vergleich: Der Softwarekonzern SAP wird an der Börse mit dem 4,5-Fachen seines Umsatzes bewertet. Nur zwölf Jahre nach dem Internet-Kater scheinen bei Bankern wie Investoren wieder die Sicherungen durchzubrennen."

Roland Lindner, faz.net

"Vielen Menschen erschließt sich der Sinn von Twitter bis heute nicht. Die Konventionen der Seite mit einer eigenen Sprache voller Symbole und Abkürzungen haben Abschreckungspotential für Neueinsteiger. Die Herausforderung für Twitter ist nicht nur, an seinen Werbeformaten zu feilen, sondern auch, den Dienst attraktiver für die Allgemeinheit zu machen. Denn sonst könnten sich die Wachstumsphantasien, auf die sich die üppige Bewertung beim Börsendebüt stützt, bald zerschlagen."

Aswath Damodaran, Techcrunch

"Ich halte Twitter für ein gutes Unternehmen mit dem Potenzial dazu, ein sehr gutes zu sein. Aber 27, 35 oder 45 Dollar pro Aktie sind meiner Meinung nach keine gute Investition. Zwei mögliche Entwicklungen könnten das ändern: Wenn Twitter einen Weg findet, sich von seinen Konkurrenten im Online-Werbemarkt abzusetzen, was umsatz- und wertsteigernd wäre. Das wahrscheinlichere Szenario ist, dass das Unternehmen die Erwartungen nicht erfüllt und die Investoren, die gerade hoch geboten haben, es in Scharen verlassen, wodurch der Preis sinkt. Ich halte mein Popcorn jedenfalls bereit und schaue mit den Zirkus an. Das wird Spaß machen!"

Nils Rüdel, Handelsblatt Online

"Die Frage für die Anleger wird nun sein, ob Twitter die Millionen Nutzer langfristig auch in Gewinne ummünzen kann. Selbstverständlich ist das nicht, wie die Beispiele Groupon oder Zynga zeigen. Die Aktien des Schnäppchenportals und des Onlinespiele-Anbieters waren trotz User-Wachstums eingestürzt. "

Marc Pitzke, Spiegel Online

"Der heißeste und größte Aktienlaunch eines sozialen Netzwerks seit dem Facebook-Debakel vor eineinhalb Jahren versetzt die Wall Street in helle Aufregung. Dabei weiß keiner wirklich: Ist das alles wieder nur Hype - oder kann der nicht mal acht Jahre alte Kurznachrichtendienst tatsächlich zum Börsenhit werden?" ire
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