Cyber-Security-Experte William Scheckel "Bis zu 90 Prozent des Online-Traffics können von Bots stammen"

Montag, 07. August 2017
Oftmals schauen sich keine Menschen sondern Bots eine Anzeige an.
Oftmals schauen sich keine Menschen sondern Bots eine Anzeige an.
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William Scheckel Digitalbranche IAB Nato


Manchmal kämpft die Digitalbranche mit Problemen, die im Prinzip recht haarsträubend sind. Nicht nur, dass Kunden oft gar nicht wissen, wo ihre Werbung zu sehen ist. Oft ist noch nicht einmal klar, ob es überhaupt Menschen sind, die sich die Anzeigen anschauen.

Geht es nach der Cyber-Security-Firma Oxford BioChronometrics ist die Diskussion über Klickbetrug, sogenannten Adfraud, angesichts der anhaltenden Diskussion über Brand Safety aber fast von der Bildfläche verschwunden – das Problem selbst natürlich nicht. Im Gegenteil: „Wir gehen davon aus, dass heute bis zu 90 Prozent des Online-Traffics einer Kampagne aus Bot-Traffic bestehen kann“, warnt CMO William Scheckel im Interview mit HORIZONT Online.

Herr Scheckel, internationale Verbände wie das Interactive Advertising Bureau (IAB) gehen davon aus, dass Digitalwerbung zu gut einem Drittel aus Adfraud-Traffic besteht. Wie dramatisch ist die Situation Ihrer Meinung nach, vor allem in Deutschland?
Adfraud ist zunächst ein globales Problem. Diejenigen, die Werbeflächen für ihre betrügerischen Aktivitäten suchen, interessieren sich nicht dafür, woher ein Werbekunde stammt oder in welchem Land seine Website registriert ist. Das ist im Prinzip dasselbe wie bei  Spam-Software oder Computerviren, die auch nicht vor Ländergrenzen Halt machen.  Auch deshalb stellt sich die Lage für uns deutlich dramatischer dar als die Einschätzung des IAB annehmen lässt.


Wie dramatisch?
Wir gehen davon aus, dass heute bis zu 90 Prozent des Online-Traffics einer Kampagne aus Bot-Traffic bestehen kann. Konservativ geschätzt glauben wir, dass sich die durch Adfraud generierten Umsätze heute jährlich auf 50 Milliarden Dollar belaufen und sich in den nächsten Jahren auf 150 Milliarden Dollar verdreifachen werden.


Das sind durchaus zwei verschiedene Hausnummern. Wie lässt sich die unterschiedliche Dramatik erklären?
Die Programmierer der Bots haben verständlicherweise ein großes Interesse daran, Adfraud  so menschlich wie möglich in Erscheinung treten zu lassen. Wenn sie wissen, wie die typischen Bot-Filter arbeiten, können sie sie relativ schnell umgehen beziehungsweise ihnen vorgaukeln, bei ihnen handle es sich um menschlichen Traffic. Wenn es funktioniert, verdienen sie damit Millionen am Tag. Und glauben Sie mir: es funktioniert! Das bedeutet aber auch, dass ein Großteil der betrügerischen Aktivitäten schlicht überhaupt nicht wahrgenommen und erfasst werden kann, weil herkömmliche Schutzprogramme ausgetrickst wurden. Bleibt es dabei, sind die prognostizierten 150 Milliarden Dollar ehr noch eine sehr konservative Schätzung.


An dieser Stelle kommt wahrscheinlich Ihr Unternehmen ins Spiel. Was macht Oxford BioChronometrics im Kampf gegen Adfraud besser als andere?
Herkömmliche Tools, die Bot-Traffic erkennen und stoppen sollen, bauen in der Regel auf die im Digitalmarketing üblichen Metriken auf. Sie schauen sich IP-Adressen, Verweildauer,  Häufigkeit der Visits und ähnliche Werte an, um zu entscheiden, ob es sich um einen Menschen oder einen Bot handelt, der klickt. Auf diese Art tracken sie eine Werbekampagne, also tracken sie so auch Adfraud.

Unternehmen & Manager

Das Cyber-Security-Unternehmen Oxford BioChronometrics ist ein Spin-Off der Oxford University und wurde im Jahr 2013 von früheren Hochschulforschern gegründet. Neben der Spam-Protection, User-Authentifizierung und Datenverschlüsselung liegt ein Schwerpunkt der in New York ansässigen Firma beim Thema Adfraud. Seit Anfang dieses Jahres ist das Unternehmen verstärkt auch im europäischen Markt aktiv. William Scheckel ist seit 2014 CMO bei Oxford BioChronometrics. Zuvor sammelte er Marketing-Erfahrungen bei Unternehmen wie SAP, IBM, Shell und Deutsche Bank.
OxfordBio Chronometrics kommt ursprünglich aus dem Bereich Cyber-Security, deshalb verfolgen wir einen anderen Ansatz. Wir schauen uns sehr genau an, wie sich Bots verhalten und hinter welchen Masken sie sich verstecken. Hier berücksichtigen wir mehrere hundert Kriterien, beispielsweise ob die Rechnerleistung zu einem herkömmlichen Smartphone passt oder ob tatsächlich mehrere User gleichzeitig die identische veraltete Version von Chrome nutzen. Unsere Human Recognition Technology analysiert digitale Bewegungen in Echtzeit, egal ob sie innerhalb komplexer Sicherheitsnetzwerke oder im Werbe-Ökosystem stattfinden. Für unseren Kampf gegen digitale Bedrohungen haben wir erst kürzlich die NATO Defense Innovation Challenge gewonnen.


Wer steckt eigentlich hinter all den Bots und Fraudsters?
Im Prinzip kann das jeder sein: Bösartige Publisher, hinterhältige Konkurrenten, unehrliche Traffic-Anbieter oder herkömmliche Kriminelle, die das schnelle Geld machen wollen. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Die einzigen, die wirklich unter Adfraud leiden, sind die Werbungtreibenden – alle anderen Akteure können theoretisch, wenn sie betrügen wollen, von Adfraud profitieren. Ich glaube aber, dass das Gute am Ende gewinnen kann – wenn die Advertiser den Kampf gegen Adfraud ernst nehmen und sich mit den richtigen Waffen wappnen. kan

 

 

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